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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-17 · Heft 46 (17.11.1893) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 46 (17.11.1893)
Date
1893-11-17
Page
Seite 542 (sequence 4)
Language
German
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542 Ber jüdische Geist. Von Rabbiner Dr. I. Stier. Menschen starken Geistes, getragen von hoher Sittlichkeit, die zugleich die Kraft besitzen, ihrer Zeit ein bestimmtes Gepräge zn gebe» und die Geleise für künftige Zeiten zn legen, sind nicht alltägliche Erscheinungen. Sie treten einmal in einem Jahrhundert auf, manchmal erst i» einem Jahrtausend. Es sind gottbegnadete Menschen, von der Vorsehung dazu berufen, die Wege zu weisen, die das lebende und die kommenden Geschlechter zu gehen haben. Auf dem Grunde, den sie gelegt, mutz weiter gebaut, die Richtung, die sie angegeben haben, mutz eingehalten werden. Eine fortschreitende Entwicklung ist da nicht nur möglich, sie ist natürlich und nothwendig. Sie besteht in dem Wegraumen entgegensteheuder Hindernisse, in der Weiterführung, Verschönerung und Veredlung des einmal Gewonnenen. Ist es geistiger Natur, so soll es vertieft, ist es sittlicher Natur, soll es gehoben, ist es materieller Art, soll es verschönert und vor Unbilden gesichert werden. Nur wo diese Entwicklung sich zeigt, ist Leben, nur da ist geistiger Fortschritt, sittliche Bildung, materielles Wohl. Heil dem Volke, das die gütige Vorsehung mit Männern bedacht hat, deren Wirken grundlegend für alle späteren Zeiten gewesen, Männer, die, wenn sie unbescheiden gewesen wären, hätten sagen können: „Das ist der Weg, den wandelt." Dir, Israel, ist dieses Heil geworden. Zwei Männer haben in grauer Vorzeit dir den Weg gewiesen, sie haben deinem Geiste den Stempel für immer aufgedrückt, deinem sittlichen Fühlen die Bahn eröffnet. Der eine lebte vor, der andere zur Zeit der Offenbarung. Jener heitzt Abraham, dieser Mose. Diese Beiden sind die Gestalten, die aus ferner Vergangenheit zu uns herüberragen und denen wir uns in Ehrfurcht beugen. Wir wollen zwischen, ihnen keine Vergleiche austellen. War doch Jeder grotz in seiner Weise. So viel aber dürfen wir sagen: Abraham grub sich selbst den Schacht, stieg! in die Tiefe und holte die Goldbarren des Glaubens an das Licht des Tages. Eine schwere, mühselige Arbeit; nicht verstanden und darum nicht gewürdigt. Mose kannte und suchte die Spuren desselben Schachtes. Er fand ihn, aber verschüttet. Auch die Goldbarren lagen vor. Sie hatten aber durch die Noth Aegyptens Schlacken angesetzt. Tie Bahn des Glaubens wieder frei zn machen, den Goldgehalt der Religion von den Schlacken zu säubern, ihn der ganze» Menschheit, in erster Reihe Israel zu übergeben, das war das Werk des Mose. Beide, Abraham und Mose, gaben Israel die Geistesrichtuug. Ihr Geist wirkt heute noch, er wird fortwirken in alle Ewigkeit! Es ist der Geist des Judenthums, jener, der in der Gesammtheit der Judenheit lebt, sagen wir kurz: Der jüdische Geist. Worin besteht er denn, dieser jüdische Geist? Was ist sein Merkmal? Man pflegt sonst das Fühlen vom Denken, die Thätigkeit des kalten Verstandes von der des warmen Gefühls zu sondern. So man aber von dem Geiste einer Gesammtheit spricht, wird beides darunter verstanden, das Fühlen und das Denken, die Thätigkeit des Herzens und des Kopfes. Wenn man vom Geiste einer Gesammlheit redet, meint man nicht, welche wissenschaftliche Ansicht sie über diesen oder jenen Gegenstand hat, sondern welcher Weltanschauung sie huldigt und wie sie ins Leben eingreift. Es wird da gefragt : lätzt sich diese Gesammtheit von sittlichen Motiven leiten, darf sie, wenigstens in ihrer Mehrheit, zu dem gebildeten, zivilisirten Theil der Menschheit gerechnet werden? Es wird da ferner gefragt: ist diese Gesammtheit vermöge ihrer geistigen und sittlichen Anschauung geeignet, das Streben der Menschheit nach dein Wahren, Guten und Edlen zu fördern, oder stellt sie sich diesem Streben feindlich gegenüber? Wenn man nun von einem jüdischen Geiste spricht und diese Fragen an uns richtet, was antworten wir? Wir antworten: „Der jüdische Geist ist der Geist der Thora, die uns erzogen hat, zu der wir uns bekennen, der Geist jenes sittlich-keuschen Schriftthums, das von den Tagen der Väter bis zum heutigen Tage unsere Gedanken beherrscht. Es ist der Geist der Propheten, der auf das Erhabene gerichtet war, der Geist des Mose, der das Göttliche dem Menschlichen verband, der Geist des Abrahani, der sich selbst zum Göttlichen emporgearbeitet und schon in der Urzeit das Vorbild für Edelsinn, Treue und Biederkeit gegeben." Es würde uns zu weit führen, wollten wir, wie es leicht möglich wäre, das Gesagte mit Beweisen aus unserem Schristthum und aus geschichtlichen Thatsachen belegen. Bleiben wir bei Abraham, dem wir in dem kürzlich verlesenen Abschnitte begegnen. An drei auf einander folgenden Sabbathen ward uns sein Leben und Wirken in ausführlicher Weise vorgeführt. Wir standen an seiner Wiege in Ur-Chasdim, wir standen an seiner Bahre in der Höhle Machpela. Sein Leben liegt aufgeschlagen vor uns. So bekannt auch daffelbe ist, mag doch mit wenigen Worten darauf hingewicsen werden. Von dem Stammvater lernt Israel Altäre bauen dem ewigen Gotte. „Er baute daselbst einen Altar dem ewigen Gotte" lesen wir wiederholt von ihm. Von ihm lernen wir Nachgiebigkeit, friedlichen Sinn selbst da, wo unS materieller Schaden verursacht wird. „Streiten wir uns nicht," so ruft er aus. „Willst du zur Linken, will ich zur Rechten, willst du zur Rechten, will ich zur Linken." Sein Thun predigt: „Stehe dem Bruder bei in Noth und Gefahr. Siehst bu ihn in Gefahr, gürte die Lenden und „bewaffne die Getreuen." Zeige da Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, Stolz. Nimm nicht schnöden Lohn, sprich zu dem Fürsten, zu dem Reichen: „Nicht einen Faden, nicht einen Schuhriemen nehm' ich von dir." Sprich du nicht, du habest mich reich geinacht. Möge Gott es thun. Das Leben des Stammvaters predigt uns Menschenliebe. Nicht nur dem Bruder und Verwandten, nicht mir dem Einheimischen, sondern auch dem Fremden gegenüber. Er sieht drei Männer; Haltung, Gestalt, Kleidung, Gesichtsfarbe verräth sie als Fremdlinge. Er verschließt ihnen die Thore nicht, wie es heute gewiffe Wirthsvölker thun, er schickt seine Mannen nicht aus, um sie zu verjagen, lvie man es heute thut. Er geht den Fremden entgegen und spricht: „Ich bitte euch, kehrt ein bei mir, suchet Schutz unter dem Schatten meines Daches, nehmet Speise an und erquicket euer Herz." Abrahams That predigt uns ferner: Ihr Menschen, seid milde und nachsichtig! Verurtheilt Niemanden, auch die Bösen nicht, auch die nicht, die euch Böses thun. Betet für sie. Abraham betet für die Bewohner Sodoms. Und wenn ihr urtheilt, ihr Menschen, dann verallgemeinert nicht. Wollet nicht Einzelner wegen die Gesammtheit büßen lassen. Die Frage: „Willst du denn vertilgen den Gerechten mit dem Ungerechten" ist nicht nur an Gott, sie ist an jeden sittlichen Menschen gerichtet. Es hat Jeder die moralische Pflicht, darauf zu sehen, daß der Unschuldige nicht des Schuldigen wegen leide. Das steht auf den ersten Blättern unserer Thora. Das ist jüdischer Geist. Er wurde gepflegt und fortgebildet von Moses und den Propheten. Es entstand ein großes, herrliches Gebäude, das sich aus Geist und Sittlichkeit zusammensctzt. An der Spitze dieses Gebäudes steht das eine Wort: rOHKI du sollst lieben. Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit deiner ganzen Kraft. Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst. Und wenn in gewissen Kreisen der Stab über den jüdischen Geist gebrochen wird, wenn Männer, deren Beruf es ist, das Wort

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