Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1893)
- Date
- 1893-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 46. Allgemeine Berlin, 17. November 1893. eitung des Dudenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, i Post oder direkt von der Expedition in Berlin : unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. j Redacteur: Gustav K arp eles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig PlhiUppson-Äorm. Verlags-Expedition: Berlin, Zerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Inllllit. Leitartikel: Für kleine Gemeinden. — Ter jüdische Geist. Von Dr. I. Stier. — Die Woche. — Die Zunahme der Juden in Preußen. Bon Ä. Bambus. — Briefe aus Rußland. VII. Bon Jz. Barsel. — Hillels Leben ittd Wirken. Von Albert Katz. — Feuilleton: Der Schatten. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) — Aus dem Leben der Lady Judith Montefiore.— Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. -Dstrowo, Elbing. Posen. Aus Schlesien, Misse, Hamburg, Hannover. Olbernhau. Karlsruhe. Wien. Prag, Paris, Belgrad. Cincinnati. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Briefkasten der Redaktion. — Geschäftliche Notizen. Für kleine Gemeinden. Berl in, 15. November. Die Anregung zur Bildung jüdischer Litteraturvereine hat gerade in kleinen Gemeinden einen lebhaften Widerhall gefunden. Es ist oas eine ebenso natürliche wie erfreuliche Thatsache. Gerade in kleinen Gemeinden pulsirt oft das jüdische Leben viel kräftiger, als in mancher mit ihrem Reichthum und ihrer Intelligenz prahlenden Großgemeinde. Der Bericht ans Neisse in dieser Numiner ist ein lebendiges Beispiel für diese Thatsache. Die Gemeinde zu Neisse hat 36 Familien; aber es giebt noch viel kleinere Gemeinden mit 30 bis 10 Familien, in denen jüdische Litteraturvereine seit Jahren blühen. Es komukt nur darauf an, daß der Rabbiner oder Lehrer einer solche» kleinen Gemeinde es versteht, das Interesse für diese Idee zu wecken und für ihre Ausführung thatkrüftig zu wirken. Ein einziger Mann vermag sehr viel in einer Gemeinde, und wir könnten auch nach dieser Richtung hin wahrhaft erhebende Beispiele dafür ansühren. Aber davon soll heute nicht die Rede sein. Wir beabsichtigen vielmehr, heute den kleineren Gemeinden, welche den Wunsch haben, einen solchen Litteraturverein ins Leben zu rufen, mit einigen aus der Erfahrung geschöpften Rathschlägen an die Hand zu gehen. Die Voraussetzung aller dieser Rathschläge ist allerdings die Begründung eines Centralverbandes sämmtlicher in Deutschland bestehenden Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur. Die Vorarbeiten dafür sind bereits in vollem Gange; fast sämmtliche Vereine haben der Idee ihre Zustimmung gegeben, und so hoffen wir, daß es durch vereinter Kräfte Walten möglich sein wird, das Projekt noch in diesem Jahre durchzuführen. Von diesem Centralverbande aus, der jedenfalls ein ständiges Bureau schaffen muß, wird vor Allem den kleinen Vereinen Hilfe kommen, sei es durch Zuwendung von Vorträgen selbst, oder von Material und Quellenangaben zu solchen, sei es durch die Vermittelung von Angebot und Nachfrage mit Bezug auf öffentliche Vorträge, durch welche auch kleineren Vereinen die Berufung auswärtiger Redner möglich werden wird, oder durch Entsendung von Wanderrednern, sei es durch Förderung von Bibliotheken, durch allgemeine Publikationen, oder auch — wo dies unumgänglich nothwendig sein sollte — durch materielle Beihilfe. Kleine Gemeinden, welche schon jetzt Litteraturvereine ins Leben rufen wollen, werden gut daran thnn, diese auf der gleichen Basis zu begründen, auf welcher die schon bestehenden gedeihlich wirken. Der Zweck eines solchen Vereins würde sein a) Gründung einer Bibliothek und eines Lesezimmers für jüdische Werke und Zeitschriften, h) Diskussionsabende, c) öffentliche Vorträge. Vor Allem >vird das Augenmerk auf Anschaffung der litlerarischen Hilfsmittel, also auf Begründung einer kleinen, aber gewählten Bibliothek zu richten sein. Wir werden in einer der nächsten Nummern ein Verzeichniß der Bücher bringen, welche für eine solche Bibliothek unumgänglich nothwendig sind. Das treibende Element im Vereinsleben werden jedenfalls die Diskussionsabende sein, an welchen ein kurzes Referat von etwa einer halben Stunde gehalten werden soll, an das sich dann eine Debatte anknüpfen wird. Auch die Aufstellung eines Fragekastens würde sich für diese Diskussionsabende empfehlen. Es ist aber durchaus nothwendig, daß alle intelligenten Kräfte der Gemeinde nicht nur für die Diskussionen, sondern auch für die Referate selbst herangezogen werden. Fast in jeder Gemeinde finden sich Rechtsanwälte, Aerzte, Richter oder Lehrer und gebildete Kaufleute, welche in der Lage sind, ein solches Referat zu übernehmen, wenn ihnen die Anregung und das nöthige Quellenmaterial hierfür an die Hand gegeben wird. Nur durch den edlen Wetteifer aller Kräfte wird das Interesse an den Disknssionsabenden, welche etwa alle vierzehn Tage stattfinden können, belebt. Keineswegs darf der Rabbiner oder Lehrer die Referate allein halten. Die öffentlichen Vorträge, zu denen Jedermann— Juden und Nichtjllden, Herren und Damen, Alt und Jung —freien Zutritt haben muß, werden so den Charakter von Vereinsfesten tragen. Der Centralverband wird es auch kleinen Vereinen ermöglichen, in jedem Winter mindestens drei solcher Vorträge von bekannten, auswärtigen Rednern halten lassen zu können. Diese Vortragsabende werden zugleich die wirksamste Propaganda sowohl für die Tendenzen des Vereins als auch für die Gewinnung neuer Mitglieder sein. Das ist in kurzen Uinriffen der Plan für die Wirksamkeit jüdischer Litteraturvereine in kleinen wie in großen Genreinden. Mit aufrichtiger Begeisterung und gutem Willen läßt sich die Sache überall durchführen. Diese beiden Faktoren sind freilich vor Allein nothwendig, um der Idee zum Siege zu verhelfen, der Idee, daß die Kenntnis; unserer Geschichte und Litteratur wieder Verbreitung finde in allen Gemeinden Israels, daß sie die Herzen unserer Jugend erfülle, daß sie unsere Männer und Frauen stähle für die Kämpfe, die ihrer im Getriebe der Zeit harren, und sie in der treuen Anhänglichkeit für unseren Glauben befestige. U