Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 die Zuhörer, dafür zu sorgen daß ihre Kinder festhalten und treu bleiben sollen dem „Echad", schloß der begeisterte und begeisternde Redner seinen mit langanhaltendem Beifall belohnten Vortrag. * Dresden, 3. November. Von der Beleidigungsklage A h l w a r d t s gegen den Redakteur Dr. Lohan von den „Dresdener Nachrichten" haben wir schon Notiz genommen. Am 1. November fand hier die Verhandlung in dem Prozeß statt. Dr. Lohan hatte in einem Leitartikel vom 25. Juli den Abgeordneten Ahlwardt einen Lumpen genannt. Wegen dieses und noch eines beleidigenden Ausdruckes hatte Ahlwardt Privatklage erhoben. Andere schwerwiegende Thatsachen, die in dem Artikel gegen ihn vorgebracht waren, hatte Ahlwardt dagegen wohlweislich unberücksichtigt gelassen. Ahlwardt, der zur Zeit seine Strafe in Plötzensee abzubüßen hat, war persönlich erschienen. Er behauptete, daß ihm durch den Artikel schwerer materieller Schaden zugefügt worden, da ihm angeblich in Folge dieses Artikels die sächsischen Behörden die Abhaltung von Versammlungen in Sachsen nicht ferner gestattet hätten. > Er gab somit bei dieser Gelegenheit offen zu, daß nur materielle Motive ihn bei seiner Agitation leiten. Der Vorsitzende, Amtsrichter Dr. Bockwitz, schlug einen Vergleich vor, den aber Dr Lohan nicht annehrnen zu können erklärte, da er nach den in seinem Artikel angeführten Thatsachen den Kläger nicht als Ehrenmann bezeichnen könne Dr. Lohan beantragte, um den Beweis der Wahrheit für seine Thatsachen antreten zu können, Vertagung der Verhandlung. Diese Beweisanträge sollten sich darauf beziehen, daß Ahlwardt wiederholt nachweislich sein Ehrenwort gebrochen, daß er dem „Juden" Manche als Agent gegen Provision bei dessen Ordens¬ und Titelbesorgungen geholfen, daß er vor Jahren den Schwur abgelegt, den Antisemitismus allezeit als eine schmachvolle Bestrebung zu verdammen, daß er bei Singer, der Jude und Sozialdemokrat ist. Borgversuche gemacht, und daß er im Reichstage als „berufsmäßiger Verleumder" entlarvt worden sei. Das Schöffengericht gab diesem Beweisantrage nach und vertagte die Verhandlung. Das Interessanteste ent der Sache ist natürlich, daß Dr. Lohan früher in freundschaftlichen Beziehungen zu dem Kläger gestanden und zur Zeit, als Ahlwardt noch in den „Dresdner Nachrichten" ein „ehenwerther Mann, der hoch zu schätzeu und zu achten ist," genannt wurde, den von den „Dresdner Nachrichten" in Szene gesetzten Ahlwardtfond mitverwaltete. „Uns kommt es nicht auf die politische Richtung, sondern auf das Geschäft an!" So äußerte sich kürzlich Dr. Reichardt, der Besitzer der „Dresdner Nachrichten", in dem Prozeß gegen seinen Redakteur und politischen Leitartikler. j. Ans Baden, 30. Oktober. Bei der am 27. dieses stattgehabten Landtagswahl wurde in Mannheim (Stadt) Kommerzienrath Karl Ladenburg (Mannheim) zum Abgeordneten gewählt. Der sozialdemokratische Gegenkandidat erhielt 196 Stimmen, Ladenburg (nationalliberal), der in früheren Jahren schon einmal Mitglied der badischen 11. Kammer gewesen, 198. — In Gailingen, dem Sitze des Bezirksrabbinates des badischen Oberlandes (mit den Gemeinden Gailingen, Worblingen, Wangen, Thiengen und Konstanz) starb am 23. dieses Samuel H. Guggenheim, Bruder des sel. langjährigen verdienten Bürgermeisters hiesiger Gemeinde, Leopold Guggenheim. Samuel H. Guggenheim war lange Jahre Mitglied des Synagogenrathes Gailingen, Vorsteher der Bezirks-Synagoge und verwaltete diese Aemter ebenfo wie dasjenige des Direktors des hiesigen blühettden Vorschußvereins mit großer Gewissenhaftigkeit und gutem Takte. Die am 25. dieses stattgehabte Leichenfeier gab denn auch ein beredtes Zeugniß davon, in welch' allgemeinem Ansehen der Verblichene gestanden, so daß Herr Dr. Spitz im vollen Sinne der ganzen Trauerversammlung sprach, als er dieses in seinem warmen Nachrufe hervorhob. T. Karlsruhe, 22. Oktober. Der in diesen Blättern in der eben ansgegebenen Nr. 41 angeregte und mit gutem Grund als dringend und wünschenswerth bezeichnete Jugend-Festgottesdienst an hohen Festtagen findet thatsächlich hier bei uns in Karlsruhes Hauptgemeinde bereits seit zwei Jahren statt. Es ist dafür der Abettd vor Simchath Thora (Tag der Gesetzesfreude) als schulfreie Zeit gewählt, und hat uns die daran geknüpfte Erwartung auch nicht getäuscht, wie das bei der zweitmaligen Abhaltung solcher Jugend-Festgottesdienste von tteulich der zahlreiche Besuch seitens der Schuljugend wie nicht minder aus den Reihen der erwachsenen Gerneindemitglieder uns dargethan hat. In Anlehnung an eine altherkömmliche Feier des Simchath-Thora-Abends, die der Jugend stets willkommen gewesen, indem sie sich dabei in anregender Weise hat betheiligen können, weist die Liturgie für die Feier dieses Abends auch bei uns Altes und Neues in schönster Harmonie auf. Es sei hier zum Schluß zu Nutz und Frommen weiterer Kreise noch das Programm dieses Jugend-Festgottesdienstes mitgetheilt: 1. Das übliche Abendgebet für den Festtag. Hebr. 2. Eingangslied auf die Feier von Simchath - Thora, gesungen von dem Knaben- und Mädchenchor. 3. Altsheben von drei Thorarollen mit Umzug unter den ihre Wirkung auch heute nicht verfehlenden alten Gesängen und Melodien, nur abgekürzt. 4. Thoravorlesung, wobei drei Knaben aufgerufen wurden. 5. Abendpredigt oder Ansprache an die Jugend, auch variirend mit einer Ansprache an die anwesenden Erwachsenen. 6. Einheben der Thorarollen unter ven üblichen Gesängen, wiederum vom Knaben- und Mädchenchor ausgeführt. 6. Schlußgebet, deutsch. 8. Jigdal als Schlußlied, vorgetragen vom Synagogenchor. Oesterreich-Angnrn. □ Wien, 6. November. In der abgelaufenett Woche fand das erste Mal in Oesterreich die Beeidigung der neuangeworbenen Soldaten in den Gotteshäusern der verschiedenen Culte statt. Die Reihe der Ceremonien wurde in freut israelitischen Tempel der inneren Stadt eröffnet. Noch vor der achten Morgenstunde marschirten vor dem alten Gebäude in der Seitenstettengasse geschlossene Abtheilungen vott Soldaten des mosaischen Glaubensbekenntnisses attf. Unteroffiziere, welche mit gezogenem Säbel diese Detachements befehligten, waren die Führer dieser Kolonnen; andere Soldaten kamen einzeln. Der in dämmeriges Halbdunkel gehüllte Kuppelbau der Synagoge war in wenigen Minuten von dem militärischen Pttblikum gefüllt. Die Vorstehung der Gemeittde und Bezirksattsschuß Waldsteitt hatten rechts, ein Dutzend Offiziere in Paradeadjustirung links von dem Allerheiligsten Stellung genommen. Mehr wie dreihundert Unteroffiziere uud Soldaten füllten den Gebetrattm und die Galerie Die ersten zwei Bänke nahmen Mannschaften der in Wien garnisonirenden Traindivisionen — Czako auf detn Haupte und mit umgehängtem Karabiner — ein; ihnen zttnüchst in Feldadjustirung Infanterie - Abtheilungen üt Feldkappen mit augeschnallten Tornistern und geschulterten Mannlicher-Gewehren. Zwischen diesen kompakten Massen sah man Husaren in ihren betreßten Attilas, Dragoner mit funkelttden Helmen, Feldjäger mit flatternden Hahnenbüschen, Kanoniere, Matrosen, Sanitätssoldatett und Vertreter attderer Waffengattungen. Auch einige Fez der bosnischen Truppen leuchtetett mit ihrem Roth hervor. Unter Orgelktang und Psalmengesättgen waren die Soldaten in den Tempel e'mgetreten. Der Prediger Dr. Jonathan Wolf betonte in feiner Rede in beredter Weise, „daß der Waffendienst für den Monarchen und das Vaterland ein Ehrendienst sei. Der Waffendienst ist als eine religiöse Pflicht anzusehen unserem gütigen Fürsten gegenüber, dem das Heil des Staates als das oberste Gesetz gilt. Es rühme sich jeder von ihnen, daß er heute zu einer Fahne schwört, die uns Allen theuer ist". Abermals erbrauste die Orgel, klangen die Choräle der Sänger und es öffneten sich die goldschimmernden Pforten der Bundeslade. Ter Prediger richtete an die versammelte Schaar der jungett Krieger die Worte: „So segne denn der Herr der Heerschaareu Ihren Eintritt in ein neues Leben heiliger Pflichterfüllung für Kaiser und Reich, ich preise unsere Obrigkeit, daß sie diesen Ihren Eintritt durch eine gottesdienstliche Feier heiligte, ich preise das erhebende sittlich - schütte Schauspiel, wie die jungen Waffengettossen aller Bekenntnisse heute auf gleiche Weise zu den Stätten ihrer Gottesverehrnng geleitet werden." Es erschollen nun vom Empor herab die herrlichen Akkorde von Haydn's Kaiserhymne, bei offener Bundeslade wurden die Gebete gesprochen, und mit dem I Gelübde auf die Fahne, der man zugeschworen, endete die weihevolle Feier. — Als Kuriosum mag die Thatsache dienen, die sich in einer der letzten Gemeinderathssitzttttgen zutrug: Dr. Lueger wollte an der Spitze seiner Partei gegen den gewesenen Bürgermeister Dr. Prix eine seiner donnernden Tiraden loslassen — aber wohl wissend, daß ihm dies nicht ganz gelingen würde, so lange die jederzeit maulbereiten Mitglieder seiner Partei im Saale seien, griff er zu dem komischesten Mittel, das es giebt: für die Dauer seiner Rede nämlich wttrde einer der Hauptschreier, Gregorig, in einem Nebenzimmer eingesperrt und da unter Schloß und Riegel gehalten, bis Lueger seinen Speach beendet hatte. — Der Mechaniker Schneider hat sich bekanntlich für die Einführung eines Schußgeldes für Juden erklärt. Sein würdiger Gesinnungsgenosse, der Gemeinderath und; Tischlermeister Anton Jedliczka, ist mit einem anderett, ebenso geistreichett