Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Vorschläge hervorgetreten. Er meint, man solle Separatzüge von Wien nach Triest führen, mit denen die Juden befördert werden sollen. Unterwegs soll eine ausreichende Anzahl von Galgen errichtet werden, an denen man die Passagiere aufknüpfen möge, und diejenigen, die bei der Ankunft in Triest noch übrig sind, solle man im Adriatischen Meer ersäufen. Diese Vorschläge, die von eben so großer Bildung als Herzensgüte zeugen, erörterte Herr Jedliezka, diese Zierde des Wiener Gemeinderathes gestern in einem Restaurant in der verlängerten Kärntnerstraße. Einer der anwesenden Gäste konnte sich mit dem Gedanken, mit einem solchen nach dem Plane Jedliczkas zu arrangirenden Vergnügungszuge die Fahrt an die blaue Adria zu machen, nicht gut befreunden, unterließ es aber, um im Gast Hause kein Aufsehen zu machen, den ihm persönlich nicht bekannten Herrn zur Rede zu stellen. Er folgte aber dem Redner beim Verlassen des Lokals und ließ ihn dann durch einen Sicherheitswachmann anhalten und auf die Wachstube nächst der Elisabethstraße stellen. Hier gab Herr Anton Jedliezka seinen Namen und Adresse, sowie, wenn auch vielleicht nicht ganz vollständig, seinen „Charakter" an, und der Anzeiger nahm diese unfreiwillige Vorstellung mit dem Bemerken zur Kenntniß, daß er die gerichtliche Anzeige gegen „diesen Herrn" erstatten werde. — Der Großindustrielle Hermann May, der ftd) uni die Hebung der Landwirthschaft und Zuckerindustrie in Mähren große Verdienste erworben hat, ist gestern nad) längerem Leiden im 75 Lebensjahre verschieden. Herr May war im Vereine mit seinem ihm kürzlich im Tode vorangegangenen Bruder einer der ersten Begründer der Zuckerindustrie in Mähren und erfreute ftcf) allgemeiner Achtung und Werthschätzung. Unmiinirn. eu. Bukarest, 1. November. Ter Schaden, weld)er unserem Lande durch die harte Behandlung der Juden erwächst, da sie in Folge derselben zur Auswanderung gedrängt werden, wird von einem der griechischen Kird)e angehörenden Rumänen in einem hier ersck)einenden Blatte in lebhaften Farben geschildert. Unter Anderem sagt er: „Eine große Anzahl dieser Emigranten sind Handwerker, wie Sck)uhmacher, Tisd)ler, Sdpuider, Pelzarbeiter re. Wir wollen nid)t von den Spezialisten sprechen oder den geistig hervorragenden Männern, welche alle dem Lande von großem Nutzen waren, dafür aber von dem Ackerbauer, welcher sich besonders unserer Landbevölkerung nützlich erwies. Die Abwesenheit dieser industriellen Arbeiter fängt an sich stark fühlbar zu mack)en. (!! d. Red.) Thatsache ist, daß der Rumäne fick) zu diesem Berufe nicht geeignet fühlt, und nur wenige widmen ftd) infolgedessen dieser Beschäftigung und können sick) entschließen, auf dem Lande zu wohnen. Der arme Bauer, welä)er in früheren Jahren mit Leiä)tigkeit seinen Pelz und sonstige I Kleidungsstücke repariren lassen konnte, im Umtausch für Hühner, Eier j und Bodenprodukte, muß jetzt in der Stadt die Ausbesserung vornehmen! lassen, wofür er mehr zu bezahlen hat, als der wirklick)e Werth ist. Er muß in Baar, einem dem rumänischen Bauer durchaus nicht leidst zu bewerkstelligenden Zahlungsmodus, bezahlen. . . . Wenn ein Wechsel srattgefunden hat, so sind die jetzigen Zustände viel schlechter (!! die Red.) als die vorausgegangenen. Die Parteigänger, welche die Wohlfahrt des Landes im Auge halten, müssen zur Erkenntnih gelangen, daß in gegenwärtiger Lage ihre Erwartungen gewiß nid)t verwirklid)t werden können. Also: videanl consules! Diejenigen, welche der Welt über die Ursachen der jetzigen Nothlage Sand in die Augen streuen wollten, sollen und müssen demaskirt werden. — Die Juden bilden ein Element, das viel Gutes und Nützlick)es leistet, und ihre Auswanderung kann nur dem Lande zum Schaden gereid)en." j i Von Nah und Fern. — Nach kurzem Krankenlager starb am 4. d. Mts. hier, bald nach j seinem achtzigsten Geburtstag, der Kommerzienrath Weigert. Er war! ein vortrefflicher Bürger, der sid) aus eigener Kraft zu einer hohen,! ehrenvollen Stellung in unserer bürgerlichen Gesellschaft empor gearbeitet. Er nimmt das beste Andenken hinüber in das Grab. — Aus Kattowitz oerid)tet man, daß die dortige Sck)uldeputation einen Lehrer jüdischer Konfession, Dr. Fischer, zunt Rektor der höheren Mädchenschule, einer! Simultanschule, gewählt habe, was verschiedene d)ristliche Familien veranlaßt haben soll, bei der Regierung in Oppeln Protest gegen die Wahl eines jiidischen Rektors zu erheben und zu bitten, dieser Wahl die Bestätigung zu versagen. - In Gr. Strehlitz ist die Simultanschule vor einiger Zeit aufgelöst worden; nunmehr hat die Synagogengemeinde eine öffentliche jüdische Volksschule erriästet. — In Frankfurt a. M. ist am 1. d. M. Dr. med. Marcus Hirsch, ein allgemein geachteter Arzt und Wohlthäter, der Sohn von Samson Raphael Hirsch, der sich aud) durch versd)iedene Schriften, namentlich durch seine Broschüre „Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts" bekannt gemacht hatte, im 55. Lebensjahre allgemein betrauert gestorben. — An dem Realgymnasium in Dortmund befindet sich ein Oberlehrer B., Vorsitzender des antisemitischen Vereins, der es mit der Würde seines Berufes vereinbar zu finden glaubte, einen jüdischen Schüler fortwährend zu beleidigen, daß seine Eltern sich genöthigt sahen, ihn von der Schule fortzunehmen. Die Angelegenheit wurde vor das Provinzialsd)ulkollegium zu Münster gebradst, welches nach Untersuchung des Falles den Lehrer vorläufig vom Dienst suspendirte. — In Baden zirkulirt in den jüdischen Gemeinden eine Liste, welche zu einem jährlichen Beitrag von 3 M. auffordert, zur Abwehr gegen den Antisemitismus. An der Spitze des Aufrufes steht die Elite der jüdischen Gesellsck)ast Badens, Universitätsprofessoren, Amtsrichter, Oberamtsrichter und Landgeridstsräthe. — Anläßlich des Spielerprozesses in Hannover sprad)en antisemitisd)e Blätter von dem in Wien lebenden „jüdischen Betrüger" Lichtner, der vor der Thora einen Eid geleistet haben soll re. Wie amtlich bei der Verhandlung und aus den Gerichtsakten festgestellt wurde, ist Lichtner katholisck)er Konfession. — In Fiume hat sich Prof. Karl Akin (Kohn), korrespondirendes Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der ungarischen Akademie, mit Cyankali vergiftet. Man fand bei ihm einen Brief an General-Direktor Kuranda, in dem er angab, lebensmüde zu sein. Akin war Naturforscher, hat größere Reisen unternommen und sich durch Veröffentlichung von Artikeln in deutschen, französischen und ungarischen Blättern bekannt gemacht. Er war einige 60 Jahre alt. — Anläßlid) des Jubiläums des Erzbisd)ofs von Erlau wurde auch die dortige israelitisd)e Gemeinde empfangen, deren Deputation vom Rabbiner Dr. Max Schwarz geführt wurde. Erzbischof Samassa erwiederte, erwürbe in seiner Antwort am liebsten der schönen Rede des Dr. Schwarz von Satz zu Satz gefolgt sein, allein er sei alt und krank und noch zahlreid)e Deputationen harrten des Empfanges. Doch über ein Ding möchte er Licht verbreiten. Dieses Ding ist: ein gerechtes Urtheil für seine Diözese, daß dort unter den Bürgern Liebe, Friede und Eintracht herrscht und daß diese Gefühle nicht gestört wurden, obgleich der Anlaß dazu vorhanden war. Vergessen Sie nicht, — sagte der Erzbischof -, daß Eßlar ftd) auf dem Gebiete meiner Diözese befindet Man hätte das Volk aufwiegeln können, es ist wohl auch versucht worden, allein es gelang nicht, denn, sehen Sie, es giebt gewisse Bücher, die Ihnen gleich wie mir heilig sind, aus welchen ich Weisheit und Mitgefühl schöpfe. Mein Meister gebietet mir unter Hinweis auf das Beispiel des Samaritaners „Gehe hin und thue desgleichen", und da konnte ich nid)t anders, als die Gefühle der Menschenliebe in meiner Diözese zu verbreiten und nimmer zuzngeben, daß sie gestört werden ..." - Aud) der Deputation der orthodoxen Gemeinde erwiederte der Erzbischof, er habe sich stets durch! Liebe und Gerechtigkeit leiten lassen und nid)ts könne ihn von dieser! Richtung abbringen. — Der Sultan hat dem vom General-Gouverneur! in Smyrna prästdirten Unterstützungskomitee 10,000 Francs überschickt,! welche unter der nothleidenden jüdischen Bevölkerung vertheilt werden! sollen. — In Schiras, der Hauptstadt der persischen Provinz Farsistan, j leben jetzt 5000 Juden unter 55,000 Mohammedanern und 30 Armeniern, j Das Judenquartier (Mahale Jahudian) besteht aus 430 Häusern. Es ' sind 10 große Synagogen und 5 Schulen vorhanden, in welchen letzteren Hebräisch gelernt wird. Die Umgangssprache ist ein eigenthümlicher persisd)er Jargon. Den Talmud kennen nur die Rabbiner Viele Juden sind Gold- und Silberschmiede, andere Wein- und Opiumhändler, Gastwirthe, Musiker, die meisten aber Arbeiter oder Handwerker. Während der oberste Mollah (mohammedanische Priester) die Juden bedrückt, tritt der Gouverneur, ein Oheim des Schahs, für ihre Rechte ein. — Auf Veranlassung des Missionairs Moody reiste auch der Stifter der jüdisch-- christlid)en Gemeinde in Kischinew, J.Rabinowitsch, nach Chicago, um den jüdischen Besuchern der Weltausstellung „das Evangelium zu verkündigen". Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.