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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-10 · Heft 45 (10.11.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 kleinste Synagogengemeinde Sitte und Kultur zu tragen, die Wanderbettelei zu beseitigen, für Religionsunterricht zu sorgen, Vereine zur Forderung des Handwerkes unter den Juden zu begründen und zu unterstützen. Ter Bund sei glücklich, nunmehr auch dieses erhabene Werk der Menschenliebe mitgründen zu helfen Die 'Anstalt werde mit 15--20 Kindern eröffnet, Raum sei für 5f) Waisen vorhanden Ter Redner schloß seine wirkungsvolle Ansprache mit Dankesworten an den Negierungs- Präsidenten von Bitter, der jederzeit die Bestrebungen des Gemeindelnutdes freudig unterstützt habe, an die Stifter, Spender und Erbauer mit dem Wunsche, daß hier die blinder gu Gottesfurcht unb zur unwandelbaren Treue gegen Kaiser und Vaterland erzogen werden mögen. Dr. Freund übergab nunmehr den Schlüssel der Anstalt dem Landrath, welcher in kernigen Worten die Wiiusche des Kreises für diese Humanitätsanstalt und die Zuversicht aussprach, daß au dieser Stätte der Liebe brave und nützliche Menschen herangebildet werden sollen zum Heile aller Mitbürger und zum Wohle dec- Vaterlandes. Hieraus führte Baumeister Fuchs die Versammlung durch die Räume der Anstalt. Dieselbe liegt in bester, freier Gegend, sie hätte keinen schöneren Platz finden können. Ueberall, in den Arbeitssälen, in den Speisesälen, in den Schlafsälen, in den Badezimmern und den Wohnstuben, überall Luft und Licht. Eine herrliche Stätte hat da die Menschenliebe den Stiefkindern des Glückes bereitet! In den: einen Saale versammelte man sich, und Herr Rabbiner Dr. Cohn aus Kattowitz hielt die Weiherede, welche die Bedeutung der Waisenpflege im jüdischen Alterthum schilderte und mit Segenswünschen für diese neue Stätte werkthätiger Nächstenliebe schloß. Chorgesang beendete die Feier. Um 2 Uhr Nachmittags fand eine Festtafel zu 12o Gedecken in Wittigs Hotel statt. Landrath Gemander brachte unter jubelnder Begeisterung den Kaisertoast aus Hierauf toastete Sanitütsrath Dr. Freund auf den Landrath des Kreises, Amtsgerichtsrath Levy. auf den verdienstvollen Vorsitzenden des oberschlesischen Gemeiudebundes, Sanitätsrath Freund, und Rechtsanwalt Berger in witziger Rede auf die Stadt Rybnik. Sanitätsrath Dr. Löbinger feierte den Gleiwitzer Oberbürgermeister. Sodann überbrachte Rabbiner Dr. Blmnenthal die Festgrüße der Ratiborer Synagogengemeinde. Unter stürmischem Beifall der Versannnlung feierte der Redner das Friedensbild, wie es die Festgesellschaft biete. Er schloß mit einem Hoch auf die Synagogengemeinde Rybnik und deren ersten Vorsteher, den Rathsherrn Prager. Hierauf erhob sich Oberbürgermeister Kreidet zum Tanke an die Versammlung, die es ihm gestattet habe, dieses herrlich schöne Fest mitzufeiern. Er stamme aus der Provinz Posen, habe schon zeitig Israeliten kennen gelernt, verkehre mit ihnen seit Jahrzehnten und habe stets unter den jüdischen Tugenden zwei bewundern gelernt, den jüdischen Familiensinn und die jüdische Wohlthätigkeit. Selbst der ärmste jüdische Vater scheue kein Opfer, um seinen Sohn zu einem tüchtigen Menschen heranzubilden. Die jüdische Wohlthätigkeit ist in der Welt bekannt. Er habe feit Jahren für einen christlichen Wohlthätigkeitszweck an 100,000 Mark gesammelt, aber der weitaus größte Theil der Gelder sei aus jüdischen Händen und aus jüdischen Herzen geflossen. Er, Redner, sei stolz und glücklich, dieses schöne Fest jüdischer werkthätiger Liebe schauen und mitbegehen zu dürfen. Die Rede fand jubelnden Beifall, dem Rabbiner Dr. Goldschnndt aus Königshütte beredten Ausdruck lieh. Es folgten dann noch Trinksprüche auf die Stifter Haase und Schlesinger, auf den oberschlesischen Rabbinerverband, auf die Baudeputation, auf die Zukunft der 'Anstalt. Den Damen weihte in launigen Worten Landrath Gemander sein Glas. Um 5 Uhr fand die Festlichkeit ihr Ende und die Mitarbeiter au diesem edlen Werke, welches den elternlosen Unglücklichen geweiht ist, dursten mit der stolzen Zuversicht von einander scheiden, eine köstliche Friedeusthat geschaffen zu haben. A. K Frankfurt a. •>. November. Am 22. v. M. fand auf dem Friedhof der hiesigen jüdischen Gemeinde die feierliche Enthüllung des Grabdenkmals statt, welches die dankbare Gemeinde ihrem am 17. Januar d. I. Heimgegangenen Seelsorger Rabbiner D r. Moses Löwen meyer errichtet hat. Die Feier, der außer der Familie des Verewigten und den Gemeindebehörden eine große Anzahl Gemeindemitglieder beiwohnte, wurde durch ein von dem jetzigen Rabbiner gesprochenes Gebet (Ps. 10, 7—0) eröffnet. Sodann widmete der erste Vorsteher Herr Adolf Lev in dem Verklärten einen warmen Nachruf, in dem er die verdienstvolle Amtsführung und das segensreiche Wirken des verehrungswürdigen Mannes feierte, der selbst krank. Kranke besucht, selbst wenig besitzend, von diesem Wenigen Armen gespendet, und sterbend noch Sterbende durch milden Zuspruch getröstet. Hierauf fiel die Hülle des Denkmals, auf dem man die Inschrift, die der Verstorbene sich selbst erwählt, las: Maleachi ll, 6: „Lehre der Wahrheit war in seinem Munde, und Falsch ward nicht gefunden auf seinen Lippen; in Frieden und Redlichkeit wandelte er mit mir und Viele brachte er von Sünde zurück." Anknüpfend an diese Inschrift hielt unser Rabbiner Herr Dr. L. Blumenthal seinem Amtsvorgänger die Gedächtuißrede. Nicht dem Todten gelte dies Denkinal, denn burd) seine Thaten habe er sich in den Herzen seiner Gemeindemitglieder ein ewiges Gedächtniß gestiftet, sondern der ihres Hauptes beraubten Familie solle es zur Aufrichtung dienen, so oft sie trostbedürftig diese Stätte besuche, und der Nachwelt solle es künden, daß hier ein Lehrer der Wahrheit, ein Prediger der Liebe, ein Anwalt des Friedens ruht, der Wahrhaftigkeit mit Frömmigkeit, Ueberzeugungstreue mit Milde und Sanftmuth, Pietät für das Althergebrachte mit einem klaren Blick für die Forderungen der Zeit zu einem schönen Einklang verbunden habe. Mit einem kurzen Gebet (Ein Baum des Lebens ist die Lehre Denen, die an ihr festhalteu u. s. w.) schloß die erhebende Feier. Das Denkmal, aus dunklem Granit in Obeliskensorm gearbeitet, trägt auf der einen Seite den Namen, Geburts- und Todestag des Verewigten, auf der anderen Seite, außer der bereits erwähnten hebräisch-deutschen Inschrift, die Widmung der Gemeinde. ]\ M. Hamburg, <>. November. „Der tragische Heros der Rabbineu" laute das Thema, mit welchem der Prediger der hiesigen Tempelgemeinde, Herr Dr. Leimdörfer, gestern Abend im „Hamburger Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" die Vorträge der Winter-Saison 1893 94 eröffnete. Die Spannung, wen der als guter Redner bekannte Herr wohl mit dem „Heros der Rabbinen" meine, war bei den zahlreich erschienenen Zuhörern eine sehr große. Nun, dieser „Heros" ist der Rabbi „Akiba den Josef". In einem 1^ ständigen Vortrage behandelte Dr. L in fesselnder Weise die Lebensgeschichte dieses hervorragendsten unter den alten Lehrern Israels, dessen Jugend sagenhaft umwoben ist und dem es durch Eifer und Ausdauer gelang, sich in der „Gesetzeskunde" zur Autorität aufzuschwingen. Nach den: Tode des Patriarchen Gamliel wurde Akiba als das „Haupt der Gesammtheit" angesehen. Nach drei Richtungen hat dieser Rabbi segensreich gewirkt, als Theologe, als Volkspädagoge und als Philosoph Als Theologe hat er eine bis dahin nicht gekannte Systematisirung des vorhandenen Lehrstoffes eingeführt, durch Rubrizirung und zweckmäßige Eintheilung das Studium erleichtert und hat somit den Grund zur Mischna-Sammlung gelegt. Auf seine Jünger hat er lehrend und belehrend eingewirkt. Die Philosophie A's. war ein optimistischer Theismus und ist durch seinen in Aboth III, 15 verzeichnten Ausspruch gekennzeichnet. Den Grundsatz der jüdischen Religion: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", erklärte dieser Gelehrte schon als das Fundament und lehrte, daß es eine größere Sünde sei, einen Nichtjuden als einen Glaubensgenossen zu betrügen. Von ihm ist das „Kaddisch", das Gebet um Seelenheil, eingeführt worden. Eine bedeutende Rolle spielt R. Akiba als Politiker. Als Kaiser.Hadrian sein Kaiserwort, Jerusalem und Tempel wieder zu erbauen, nicht hielt, machte Akiba weite Reisen zu den jüdischen Gemeinden der parthischen Länder und Kleinasien, nach Zephyrins, einer Stadt Cilieiens, nach Cäsaren, Phrygien und Galatien, um den Abfall von Rom und die Wiederausrichtung des jüdischen Staates vorzubereiten. Seinem Ansehen gelang es, die Juden zu begeisterten Anhängern seines Planes zu machen; Munition und Waffen werden in Höhlen und Bergen versteckt, zur Bewaffnung der Krieger bereit gehalten, selbst ein Führer ist in Bar-Kochba erstanden — so nannte Akiba den aus der Stadt Kosib heimischen, an Schönheit und Wuchs Alle überragenden Mann, indem er auf das Schriftwort hindeutet: „Cosiba ist als Stern aufgegangen in Jacob," und pries diesen Jüngling als den „messianischen König". Durch Verrath fiel die starke Festung Betar, die über ein Jahr dem Anstürmen des Feindes widerstand. Die härtesten Strafen, die nicht nur die jüdische Nation, sondern auch den jüoischen Glauben vernichten sollten, wurden verhängt. Unter den 10 Märtyrern war auch Akiba. Titus Annius Rusus (Tyrannus Rufus) ließ ihm mit eisernen Kämmern das Fleisch von Leibe reißen Kein Klagelaut kam über seine Lippen; mit dem Worte „Echad" hauchte er seine Seele aus. Bar „Kochba" war doch nur Bar „Kosiba", Lügensohn, gewesen. Ueber den Zionsberg wurde der Pflug geführt, Jerusalem wurde Aelia Capitolina genannt und den Juden verboten, diese Stadt zu betreten. Mit einem Appell an

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