Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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57. Jahrgang, ttr. 45. töerliit, 10. November 1803. Der Gememdrbote. WeiLage zur „Akkgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. b. Berlin, 7. November. Die am Sonntag d. 5. er. stattgehabte Repräsentantensitzung beschäftigte sich in dem öffentlichen Theil ihrer Sitzung nach Bewilligung einer Summe von 6300 Mk. behufs Herstellung von Erbbegräbniß-Fundamenten ausschließlich mit der schon in zwei voraufgegangenen Sitzungen eingehend erörterten, jedoch unerledigt gebliebenen Frage einer Abänderung der allgemeinen Bedingungen für Ueberlassung von Erbbegräbnissen. Der betreffende vom Vorstand gestellte Antrag war laut Beschluß der vorletzten Versammlung einein Ausschuß überwiesen worden, der nun in der letzten Sitzung im Wesentlichen mit dem Antrag des Vorstandes sich einverstanden erklärte und nur kleine Abänderungen befürwortete. Der Referent des Ausschusses Herr Bodenstein entschied sich jedoch im Verlaufe der Debatte auf Einwurf des Kommissars dahin, diese Modifikationen zurückziehen zu wollen, und nachdem noch die Abänderungen fordernden Amendements der Herren Simon und Loewenberg ohne Unterstützung geblieben waren, wird der Antrag des Vorstandes in seinem vollen Wortlaut wie folgt angenommen: „Wer aus der hiesigen jüdischen Gemeinde ausscheidet, verliert für sich und seine Angehörigen das Recht, auf dem Erbbegräbnisse beerdigt zu werden. In diesem Falle ist die Gemeinde berechtigt, über das Erbbegräbniß, sofern auf demselben noch keine Beerdigung stattgefunden hat, anderweitig zu verfügen. Macht die Gemeinde von diesem Rechte Gebrauch, so ist sie auf Verlangen verpflichtet, den von dem ersten Erwerber gezahlten Preis ohne Zinsen ihm resp. seinen Rechtsnachfolgern zu erstatten. Ist das Ausscheiden aus der Gemeinde durch Wechsel des Wohnsitzes herbeigeführt, so bleibt dem überlebenden Ehegatlen das Recht erhalten, in dem Erbbegräbnisse beerdigt zu werden, auch ist der Gemeinde- Vorstand, beziehungsweise dessen Beauftragter, in diesem Falle ermächtigt, die Beerdigung anderer Familienmitglieder in dem Erbbegräbnisse ausnahmsweise zu gestatten." In der hierauf folgenden geheimen Sitzung wird der Bericht der Kommission zur Vorberathung der Ergänzungswahlen zum Vorstande entgegengenommen. 22 Berlin,5. November. Der „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hat seine Wintersaison am 24. v. M. mit einem interessanten Diskusstonsabend begonnen. Das Referat hielt Herr Dr. H. Meyer Cohn über jüdisches Fremdenrecht. Die Ausführungen des Referenten waren ebenso geistvoll wie gediegen und fanden allgemeinen Beifall. An der sehr anregenden Debatte betheiligten sich Vereinsmitglieder und Gäste in lebhafter Weise. Den ersten der öffentlichen Vorträge hält Herr Professor Dr. M. Hartmann vom orientalischen Seminar über „Mohammed und die Juden". GD Aus der Provinz Posen, 6. November. In Rogasen brach in der Nacht zum 8. d. M. ein gewaltiges Feuer aus. Ungefähr um Vi 2 Uhr Nachts wurden die Bewohner des Städtchens durch Feuerlärm geweckt und nach dem in der Schulstraße gelegenen, dem Kaufmann und Gemeinderendanten Herrn Jacob Weyl gehörigen Hause alarmirt. Zunächst stand ein Hintergebäude in hellen Flammen. Bald aber ergriff das Feuer auch das Wohnhaus mit so rapider Schnelligkeit, daß es nur der wohlorganisirten und unermüdlichen Thätigkeit der Feuerwehr unter Leitung des Herrn Bürgermeisters Weise zu danken ist, wenn aus dem Hause Wichtiges gerettet werden konnte Dahin gehört auch die Kasse der jüdischen Gemeinde, bestehend aus vielen Dokumente:!, Pfandbriefen und erheblichem Baarbestand, welcher der Korporalionsvorstand Herr Moritz Becher dem Tresor selbst entnahm. — Am 21. d. M. wurde in Rogasen Frau Levy, Gemahlin des dortigen angesehenen Mitbürgers und Stadtverordneten Herrn Henry Levy, zur Ruhe bestattet. Die Verstorbene wirkte seit vielen Jahren in segensreichster Weise als Vorsteherin des israelitischen Frauenvereins und erfreute sich größter Achtung und Beliebtheit. Der früh Verblichenen - sie stand erst im 40. Lebensjahre — gab ein außerordentlich zahlreiches Trauergefolge das letzte Geleit; alle Stände und Konfessionen waren vertreten. Der Frauenverein war in corpore erschienen. Der Verlust der edlen Frau wird allgemein schmerzlich empfunden. — In Frankfurt a. Oder starb im gesegneten Alter von 102% Jahren der Handelsmann Tobias Cohn, Vater des im Januar d.J. inKolmar (Pr. Pos) verstorbenen Lehrers Jacoby Cohn. Bis zu seinem Tode war der Verstorbene körperlich und geistig rüstig; mit ihm ist der älteste Bürger Frankfurts zu Grabe getragen worden. — Zu Vorstandsmitgliedern der jüdischen Schule in Samter wurden am 19. d. M. die Geschäftsinhaber Herr Josef Holländer, M. Kollenscher und Adolf Knauf gewählt. — Die Antisemiten machen jetzt in unserer Provinz Propaganda. In Wollstein wurde vor einigen Tagen ein antisemitischer Verein gegründet, dem sich indessen bis jetzt nur eine geringe Zahl von Mitgliedern angeschlossen hat. Ganz abgesehen davon, daß das Vordringen der Partei schon durch das Natioualitätenverhältniß in der Provinz erschwert wird, glauben wir nicht, daß unsere Provinz, in der gerade das Berhältniß zwischen Christen und Juden ein durchaus friedliches bisher war, auch im Uebrigen irgendwie Boden für antisemitische Bestrebungen bietet. — Auch in Wongrowitz fand jüngst eine antisemitische Versammlung statt. — Die jüngste antisemitische Versammlung in Jnowrazlaw beginnt jetzt die Gerichte zu beschäftigen. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Leuß hat gegen mehrere dortige Herren Strafantrag wegen Hausfriedensbruch bezw. Anstiftung hierzu gestellt. Auf Antrag der Königl. Staatsanwalt ist die Voruntersuchung eröffnet worden, zu deren Vornahme am 21. d. M. Termin anstand. — Am vorigen Montag fand im Schützenhause zu Lindenstadt (bei Birnbaum) eine antisemitische Volksversammlung statt, in welcher ein Dr. Stäsche aus Grätz „über die Ursachen und Ziele des Antisemitismus" sprach. — Der Humanitätsverein in Posen feiert im Januar 1894 sein 100 jähriges Bestehen. Von dem derzeitigen Vorstande dieser israelitischen Vereinigung welchem ein zu diesem Besuche gewähltes Festkomitee zu Seite steht, werden umfassende Vorbereitungell getroffen, um die Festlichkeit zu einer würdigen zu gestalten. Der Vorstand hat beschlossen, sowohl außerhalb wohnende frühere Mitglieder, wie auch dortige Freunde und Gönner des Vereins zur Feier einzuladen und hat für die Arrangements eine namhafte Summe aus der Vereinskaffe bewilligt. S. Lissa, im November. Die diesjährige Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Ostprovinzen findetam22. d. M. von 10 Uhr ab im Restaurant Jaretzki zu Posen statt Die Tagesordnung ist folgende: Nach dem Gesänge: Psalm 23 (Psalter von Lewandowski.) 1. Begrüßung und geschäftliche Mittheilungen. 2. Vorträge: Der jüdische Lehrer und seine Gemeinde (Cohn-Rogasen). Die Vermehrung jüdischer Lehrerstellen in den Ostprovinzen (Haym-Ostrowo). Ein deutsch-israelitischer Lehrerbund und seine Aufgaben (Becker-Wollstein). 3. Rechnungslegung. 4. Vorstandswahl. 5. Bestimmung des Tages und Ortes für die nächste Versammlung. 6. Einträge und Sonstiges. * Rybnik, 3. November. Das israelitische Waisenhaus für Oberschlesien wurde am Sonntag in glänzender Feier eingeweiht. Den Grundstock zll der Anstalt legten Herr Ferdinand Haase in Rybnik durch Schenkung eines Bauplatzes rnit Gartenterrain und 20,000 M. und Herr Ferdinand Schlesinger in Berlin durch eine Spende von 10,000 M. Alle oberschlesischen Synagogengemeinden betheiligten sich durch Sammlungen und ständige Beiträge an dem gemeinnützigen Werk, welches gestern seiner edlen Bestimmung übergeben wurde. Es war eine stattliche Versammllmg von Männern, die sich Vormittags um 11 Uhr vor dem Portale der fahnengeschmückten Anstalt, die nahe am Bahnhofe liegt, eingefundeu hatte. Es waren die Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, die Geistlichkeit, die Vorsteher und Repräsentanten aller israelitischen Gemeinden Oberschlesiens. Sanitätsrath Dr. Freund eröffnete die offizielle Feier mit einer Ansprache, in der er die Geschichte des Waisenhauses schilderte. Der oberschlesische israelitische Gemeindebund (dessen Vorsitzender Dr. Freund ist) habe bisher seine Aufgabe darin erblickt, auch in die