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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-10 · Heft 45 (10.11.1893) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
Seite 536 (sequence 10)
Language
German
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536 FEUILLETON -<*- Der Schatten. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Dem Randar gefiel die Verschlossenheit des jungen Mannes heute noch viel weniger als gestern. Er wollte gestern in der ersten Aufwallung des Uninuthes nicht gleich den Stab brechen über den sonst unbescholtenen Raphael, er hielt dessen Schweigsamkeit, Theilnahmlosigkeit, überhaupt deffen räthselhaftes Benehmen anfänglich für jugendliche Verschämtheit, dann für eine Art Laune und jugendlichen Uebermuth, der sich durch das andere Extrem des Uebermuthes ausdrückte. Heute aber, wo sich das wiederholte, was ihm gestern die Seele mit Unmuth erfüllt hatte, jetzt, da er bemerken konnte, daß das wunderliche Gebahren des jungen Mannes mehr als eine vorübergehende Laune sei, und demselben ein Tieferes zu Grunde liegen müsse, heute ärgerte er sich und ward selber mißmuthig und wortkarg. Als Mann von Erfahrung beherrschte er sich aber noch so weit, um seinen Zorn im Innern zurückzuhalten; bei sich dachte er wohl, daß aus der Partie nichts werden wird, und daß mit der morgigen Rückfahrt seine Tochter aufhören werde, Braut zu sein; er sprach es aber noch nicht aus, sondern schluckte seinen Aerger in sich hinab. Und sie? die Braut selbst? Golde war von dem Benehmen des Bräutigams nicht minder überrascht, als ihr Vater; sie hatte die! schmerzliche Wahrnehmung gemacht, daß er es absichtlich vermeide, mit! ihr allein zu bleiben, es schien ihr klar, daß sich zwischen sie und ihn : ein Dritter gestellt habe, der eine herzliche Verständigung, wie sie j dieselbe erwartet, mit aller Macht zu hindern suche. Darin hatte! sie sich auch nicht geirrt, es stand Jemand zwischen ihnen — der Tvdesgedanke. In ihrem Charakter lag neben großer Entschlossen-; heit große Ruhe, neben dem Streben nach Klarheit über die sie an-! gehenden Verhältnisse eine Art philosophischen Gleichmnthes, welcher i mit Geduld die Dinge an sich herankommen läßt und ihnen scharf i ins Auge blickt, Zwei Entschlüsse wurden bei Tische gefaßt. Der Randar sagte sich im Stillen: Morgen zu Gesund red' ich mit Reb Simche. — Morgen red' ich mit Fohl — sagte im Stillen sich die Braut. Das Zusprechen begann wieder. Roch zahlreicher als gestern stellten sich die Besuchenden ein, und die Lust und Laune war heute! um so größer, denn es war ja der Tag der Gesetzesfrende. Heute war auch der Witzkopf der Gemeinde, Gawriele Stuffer, erschienen, und wo der erscheint, fehlt es nicht an Späßen und komischen Einz fällen. Er ließ denn auch seine Witzraketen aufsleigen; Alles lachte, nur einer schwieg, ec hatte das Lachen verlernt, und die Leute sagten sich: Fohl versteht entweder keinen Witz mehr, oder er hat ein „Neder" (Gelübde) gethan, nicht zu lachen. Die Mutter Raphaels sah es wohl, daß das Benehmen des Sohnes allgemein mit Staunen ausgenommen werde, sie trat leise an ihn heran lind raunte ihm ins Ohr: „Fohl-Leben! sei doch lustig, die ganze Welt thut sich j unterhalten, und Du sitzest da, wie wenn Du nicht „zwei" zählen könntest." Er aber erwiederte ihr: „Was nutzt mir all' die Lustigkeit, wenn ich das Jahr nicht auslebe!" Betrübt ging die Mutter von ihm und schenkte Wein in die leeren Gläser und verehrte den Gästen von den auf dem Tische stehenden köstlichen Speisen und Bäckereien. Gawriele Stuffer, der eben ein Stück Truthahn von einer Schüssel genommen hatte, sagte: „So oft ich „Janesch" (Truthahn) ess' oder seh', muß ich lachen, weil ich mich dabei an eine lustige Geschichte ermahne, die ich meinem Weibe kurze Zeit nach der Hochzeit angestellt habe." Alles drängte sich an ihn heran und forderte ihn auf, die lustige Geschichte zum Besten zu geben, und er erzählte wie folgt: „Wie ich zu Gutem Hab Hochzeit gehabt mit mein Beleh bis hundert Jahr, haben wir uns in der ersten Zeit doch gern gehabt, wie das bei ein' jung Paarl ist. Und wie man da, weil man noch nicht Sorg hat und noch nicht ernsthaft denkt, öfters Rarreschkeiten redet, haben wir Zwei, ich und mein Beleh, oftmals miteinander gestritten, wer von uns zwei den Anderen mehr gern hat. Ich Hab gesagt, ich Hab sie lieber wie sie mich — und sie hat wiederum gesagt, sie Hut mich lieber wie ich sie — und so ist das in einem fort gegangen. Wenn mir der Kopf hat weh gethan, hat sie gleich gesagt, sie kann nichts essen, und änder als mir soll der Kopf weh thun, will sie lieber sterben. Das hat mich stutzig gemacht; denn, die Wahrheit zu sagen, änder als ich sterben sollte, möchte mein Beleh schon ein Bissel Kopfweh haben können. Nun Hab ich mir gedacht, ich will doch sehen, ob das, was sie sagt, wirklich Ernst ist oder nur Weiberred', und ich Hab mich überzeugen wollen. Zu jener Zeit, ich bin zwar kein reicher Mann gewesen, aber wir haben nicht viel gebraucht und ich Hab damals auch noch auf „Simchesthora" mein „Janesch" gefüttert, sag ich einmal früh Morgen zu mein Beleh, der Kopf thut mir so weh. ich kann nicht aufstehn, ich werd' im Bett bleiben. Nun hat sich mit ihr was gethan, und weh, daß sie das erlebt hat, und daß ihr das muß zukommen, daß ich soll krank sein, und wenn unser Herrgott nur lieber sie krank sein ließ, und wieder die alte Geschichte, änder daß mir was geschehen soll, möcht sie lieber sterben. — Ich denk' mir bei mir: schon gut! wir werden schon sehen, wie weit das geht. Ich bleib ruhig im Bett liegen, und nur von Zeit zu Zeit lass' ich einen schweren Seufzer, daß sie gemeint hat, es ist meine letzte Minut', und bei jedem Seufzer, hat sie große „Bechijes" gethan (sehr geweint) und alleweil dieselbe Red' wiederholt. So ist der ganze Tag vergangen, ich Hab nichts gegessen wie lautere Supp, daß mir der Magen geklappert hat, aber was hätt ich thun sollen? ich Hab sie einmal wollen auf die Prob' stellen, Hab ich müssen Hunger leiden. Wie es spät Abend geworden und im Stübel finster geworden ist, sag' ich zu ihr: Mein Kind, ich werd' heut die Nacht nicht überleben, ich spür's, daß es mit mir ans ist. Sei so gut und geh nach dem Doktor! Da hat sie angefangen ein Jammergeschrei zu erheben und ist fortgegangen nach dem Doktor. Wie sie fort ist, steh ich auf, geh über den Kasten, nehm' die „Hawdohle" (geflochtene Wachslichter) heraus und zerschneid die Hawdohle auf lauter einzelne Lichtel. Dann geh ich hinaus über die Hühner- und Gänse-Steig und kleb dem Janesch die Lichtel an und sperr die Steig wieder zu. Dann geh ich hin und nehm ein Töpfe! „Hirsch" (Hirse) und streu ihn von der Steig aus fort und fort bis znm Bett von mein Weib. Während ich das mach', kommt das Madel heim, was wir im Dienst gehabt haben, und ich sag ihr: Franzischka! hör zu, heut um zwölf Uhr bei Nacht ivirst Du draußen die Steig aufmachen, da wirst Du sehen, wie der „Janesch" aufgeputzt ist, da nimmst Du ein Licht und zündest alle die Lichtel an, die Steig laff' offen und die Stubenthür auch und dann legst Dich wieder nieder, aber still und ohne Geräusch, daß mein Weib nichts davon hört. Ich Hab mich auf das Madel verlassen können, denn sie war kein „Chamer" (Esel). Wie das vorbei war, leg ich mich wieder in mein Bett, und wie mein Weib mit dem Doktor kommt, fang ich wieder schwer an zu seufzen. Der Doktor kommt zu mein Bett, greift mir an den Kopf und sagt: der Kopf hat keine Hitz — er greift mir an den Puls und sagt: der Puls geht ganz ruhig und

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