Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-10 · Heft 45 (10.11.1893) · p. Seite 534

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
Seite 534 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228032--50327-3271935
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

534 haben, wie sie jetzt im britischen Museum zu sehen sind. Drei von de Sachs Handschriften haben Illustrationen »nd zwei Stellen, welche solche haben sollten, ohne jedoch mehr als blos erwähnt zu werden. Nun habe ich eine bemerkenswerthe Entdeckung in Bezug auf den hebräischen Text gemacht, durch die es wahrscheinlich wird,! daß die Illustrationen als ein integrirender Bcstandtheil des Textes aufgefaßt wurden und von dem Manuskript einer Sprache in das! einer anderen übergingen. Das einzige Manuskript des hebrüischenTextes, i das sich jetzt in Paris befindet, hat unglücklicher Weise keine Illustrationen, giebt aber auf jeder Seite die Stelle an, wo Illustrationen hätten stehen sollen, wie Sie sich aus dem Kapitel zu er-; innern wissen werden, das ich Ihnen vorgelesen habe. Wir haben einen entscheidenden Beweis, daß in anderen Exemplare» Jllustrai tionen vorhanden waren; denn Jsak ibn Sahüla, der in Jahre 1283 eine schöne Sammlung von Geschichten (■OiDIpn anlegte ' als ausdrückliches Konkurrenzunternehmen zu „Kalila w’ Dimna“, versah dieselbe mit Illustrationen, damit sein Buch ebenso anziehend würde. Nun hatten die hebräischen Handschriften von „Kalila w’ Dimna“ Illustrationen und bei Vergleichung der Illustrationen, auf die in Derenbourgs Ausgabe hingewiesen wird, mit denen in der! editio princeps in der lateinischen, thatsächlich vorhandenen kam ich zur Ueberzeugung, daß Johannes von Capua die Illustrationen der! Inden in seine lateinische Uebersetzung ausgenommen haben muß oder wenigstens einzelne derselben. Sie werden, wie ich glaube, zu derselben Ueberzeugung gelangen, wenn Sie mir gestatten, in zwei : oder drei Kapiteln die beiden Listen der Illustrationen dnrchzugehe», auf die im Hebräischen hingewiesen wird, und die im Lateinischen, Deutschen und Spanischen enthalten sind, welche nämlich alle dieselben Illustrationen bieten, und zwar die beiden ersteren von den- > selben Platte». I Kapitel VI. Enthalten im Lateinischen, : Deutschen und Spanischen. Affe auf dem Baum, Reptil im Master. Affe und Reptil im Wasser. Löwe, Esel, Mensch, Affe. Löwe, der den Esel angreift, Affe oben. Hinweis im Hebräischen: Affe auf dem Baum und Reptil im Wasser. Thiere im Wasser. Affe auf dem Baum und Reptil im Wasser. Löwe und Esel auf der Flucht. Löwe, der den Esel angreift und ein Fuchs als Zuschauer. Kapitel VII. Einsiedler, der den Honigtopf zerschlägt. (--- La Perrette) Kind und Hund die Schlange Kind, Hund die Schlange tödtend. tödtend. (= Geliert.) Kapit Katze im Netz, Vogel auf dem Baum, Hund und Maus. Maus, das Netz benagend. Maus, Netz, Katze auf dem Baum, Jäger weggehend. l VIII. Katze im Netz, Vogel auf dem Baum, Hund und Mensch. Maus, das Netz benagend. Maus, Netz, Katze auf dem Baum und Jäger weggehend. Kapit Kind einen kleine» Vogel tödtend. Pinza einem Kinde die Augen ausstechend. Der König Pinza auf eine» Berg rufend. l IX. Kind einen kleinen Vogel tödtend. i Ein Vogel gleich einem Greifen l (= Pinza) einem Kinde die! Augen ausstechend.! Der König Pinza auf einen Berg rufend. Wie das Lateinische seine Illustrationen aus dem Hebräischen nahm, so nahm das Hebräische wahrscheinlich dieselben aus dein Arabischen. Und so können wir in den arabischen Illustrationen, dn noch unversehrt vorhanden sind, eine Spur indischer Einflüsse erkennen wenn Ibn Ezras Bericht richtig ist. Sollte dies eine Thatsache sein so würde hier dieselbe bemerkenswerthe Geschichte, welche für die Er zählung selber gilt, auch für ihre Illustrationen gelten, die sich alsc aus Indien nach Spanien begleiten lassen. Ob nun aber auch ein Jude bei der Ueberbringung dieser Fabeln aus Indien seine Hand gehabt hat oder nicht, so hat doch unzweifel Haft „Kalila w‘ Dimna“ hauptsächlich der Vermittlung der Inden seine Einführung in Europa zu danken. Vornehmlich durch viel Kanäle mündet die arabische Uebersetzung in das Christenthum ein durch das Persische, Hebräische, Griechische und Altspanische. Nun ist das Persische erst zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in Europa bekannt getvordeu und kan» somit, was die volksthümliche Verbreitung betrifft, nicht mitzählen; alle andern drei Kanäle sind jüdisch, von zweien derselben steht es fest und vom dritten kann ich es, wie ich denke, beweisen. Das Griechische ist um 1080 von Simon Seth, dem wir bereits oben begegnet sind, angefertigt worden; von diesem leiten sich die altslavische und kroatische Uebersetzung ab. Das Hebräische stammt natürlich von einem Juden, der Joöl geheißen haben soll. Dies wurde et>va im Jahre 1270 von einem italienischen jüdische» Konvertiten, Namens Johannes von Capua, ins Lateinische übersetz! und von der lateinischen Uebersetzung leiten sich die deutsche, spanische holländische, dänische und italienische und der letzteren die englische Uebersetzung ab, die ich herauszegeben habe. Eine andere hebräische Uebersetzung des R. Eleazar ben Jacob hat Steinschneider entdeckt und Derenbourg herausgegeben. Diese scheint nur fragmentarisch und kein Sprößling gewesen zu sein und in Wirklichkeit das zu sein, was wir Endstation genannt haben. Ein dritter Sprößling des Arabischen, der Europa beeinflußte, war die im Jahre 1251 angefertigte altspanische Uebersetzung. Nun heißt es hier: „Hier endet das Buch „Kalila und Dijgna“ aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt und romanisirt, d. h. ins Spanische übertragen auf Befehl des Jnfanten Don Alfonso, des Sohnes des hochedlen Königs Don Fernando." Nun war dies genau der Weg, auf dem jüdische Uebersetzer zu arbeiten pflegten, und wir wissen, daß dieser selbe Alfonso genau um diese Zeit ein Kollegium jüdischer Uebersetzer zu Toledo einsetzte. Darum habe ich bereits vor Jahren vermuthet, daß diese altspanische Uebersetzung, aus der Raymond von Böziers eine lateinische poetische ilebersetzung anfertigte, gleich den andern hauptsächlichen Sprößlingen des Arabischen das Werk eines jüdischen Uebersetzers sei. Nicht allein haben jüdische Uebersetzer für die Verbreitung von „Kalila w’ Dimna“ das Meiste gethan, jüdische Gelehrte in diesem Jahrhundert haben auch zur kritischen Erforschung dieser Verbreitung das Meiste beigetragen. Die Einleitung Benfey's zu seiner Uebersetzung des „Pantschatantra" ist selbst von deutschem Standpunkt betrachtet ein Wunder der Gelehrsamkeit. Im gegenwärtigen Augenblicke ist Derenbourg der größte Meister der „Kalila-Forschung". Wenn dieses Buch von irgend einer Nation außer derjenigen, die ihm die Entstehuug lieh, in Anspruch genommen werden kann, so dürfen wir, denke ich, wagen, „Kalila w’ Dimna“ ein jüdisches Buch und einen der Ruhmestitel der jüdischen Litteratur zu nennen. Das Buch verdient auch alle die Aufmerksamkeit, welche jüdische Forscher darauf verwendet haben. Im Vergleiche zu den Sensationsnovelleu unserer Tage dürften wir es für albern halten. Wie es aber das mittelalterliche Denken angcsprochen hat, beweist die große Zahl der Uebersetzungen, durch die es hindurchgegangen. In manchen Gegenden besteht sogar die Neigung, alle Volksmärchen und besonders die Thier-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.