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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-10 · Heft 45 (10.11.1893) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 45 (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
Seite 530 (sequence 4)
Language
German
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530 Nie Woche. Berlin, 8. November. Die Landt ogswnhlen sind vorübergegangen. Sie haben nichts Wesentliches in unserer Situation geändert. Zwar sind die Antisemiten, vielleicht bis ans einen, sämmtlich dnrchgefallen, dafür rücken die Tivoli-Konservativen in verstärkter Zahl ein. Wir haben uns also ans Anträge und Debatten gefaßt zu machen, in denen Juden und Judenthunl eine Rolle spielen werden. Um so bedauerlicher ist es, daß wir keinen einzigen sachkundigen Vertreter im Abgeordnetenhause haben, eine Forderung, die uns trotz der hämischen Noten, mit welchen zwei hiesige demokratische Blätter unfern diesbezüglichen Leitartikel versehen haben, immer noch gerecht und billig erscheint. Wenn das eine Blatt von einer „Rabbinerkcmdidatur" spricht und unsere Vordersätze einfach wegläßt, in welchen wir ausdrücklich jede jüdische Separatpolitik ablehnten und scharf betonten, daß unser Wunsch nur aus der abnormen Situation den Antisemiten gegenüber hervorgehe, so ist das ein Verfahren, über welches wir das Urtheil allen wirklich liberal Denkenden überlassen können. Schlimmer ist es schon, wenn das andere Blatt von „Machinationen" zu Gunsten einer bestimmten Kandidatur der „Freisinnigen Vereinigung" spricht, während wir in dem betreffenden Aufsatz nachdrücklich hervorgehoben haben, daß es für uns ganz gleichgültig sei, ob der Kandidat der Volkspartei oder der Freisiirnigen Vereinigung angehöre, imb während die anerkannten Führer der erstern Partei selbst es gleichfalls ausgesprochen haben, daß ihnen ein in jüdischen Dingen sachkundiger Abgeordneter sehr erwünscht wäre. Ist das nun wirklich „eine unfreiwillige Förderung des Antisemitismus?" Mögen sich das jene Herren selbst beantworten. In Hannover hatte ein Oberlehrer an der antisemitischen Wahlbewegung theilgenommen. Das königliche Provinzialschulkollegium zu Hannover hatte darin einen Verstoß gegen § 2 des Disziplinargesetzes vom 21. Juli 1852 gefunden. Auf die Beschwerde des betreffenben Oberlehrers an das Kultusministerium hat dieses dagegen entschieden, daß in dem Verhalten des Oberlehrers ein Verstoß im Sinne des § 2 des Disziplinargesetzes nicht zu sehen ist. Die Angelegenheit war s. Z. auch in öffentlicher Sitzung der städtischen Kollegien zu Hannover ouf Anregung eines Bürgervorstehers besprochen worden. Jetzt veröffentlicht der „Hann. Kur." sowohl die Verfügung des Provinzialschulkollegiums, wie die Ministerialentscheidung. Erstere, Hannover den 12. August 1893 datirt, lautet: „Nach genauer Prüfung Ihrer an: 1. v. M. abgegebenen und durch den Direktor der Anstalt uns vorgelegten Erklärung über die Unterzeichnung eines von der hiesigen, wie sie sich nennt, „deutsch-sozialen ^antisemitischen)" Partei erlassenen Wahlaufrufs haben wir Ihnen unter Hinweis auf $ 2 des Disziplinargesetzes vom 21. Juli 1852 aufzugeben, sich in Zukunft bei Ihrer Betheiligung an den staatlichen Wahlen aller Kundgebungen zu enthalten, welche Ihre einer anderen Religion angehörigen Schüler und damit deren Eltern zu verletzen und so das Vertrauen und die Achtung, welche Ihr Beruf erfordert, zu schädigen geeignet sind. Königliches Provinzial-Schulkollegium. gez. Biedenweg." Die Ministerialentscheidung, der eine grundsätzlich wichtige Bedeutung beigemessen werden muß, ist unterm 18. Oktober ergangen uub Bosse gezeichnet. Sie hat folgenden Wortlaut: „Ans die Eingabe vom 26. August d. I. erwiedere ich Ew. Wohlgeboren nach Prüfung der Sachlage, daß ich in Ihrer Mitunterzeichnung des nur vorgelegten Wahlaufrufes der deutschsozialen (antisemitischen) Partei einen Verstoß gegen § 2 des Gesetzes, betreffend Dienstvergehen nichtrichterlicher Beamten, vom 21. Juli 1852 nicht finden kann und daher zu dem Hinweis auf £ 2 des gedachten Disziplinargesetzes, welcher in der an Sie gerichteten Verfügung des Königlichen Provinzial-Schulkollegiums daselbst vom 12. August d. I. angezogen ist, keine ausreichende Veranlassung sehe. Durch den Direktor des Realgymnasiums ist Ihnen bezeugt, daß Sie als pflichttreuer und gewissenhafter Lehrer Ihre dienst lichen Aufgaben mit Ernst erfüllen, daß Ihre politische Stellung aus j Ihr dienstliches Verhalten keinen Einfluß übe, daß Sie in der Behandlung j der Schüler zwischen christlichen und jüdischen Schülern keinen Unterschied! machen und daß Beschwerden über ungleiche Behandlung jüdischer Schüler! der Anstalt weder von diesen noch von den Eltern derselben bei der>! Direktor geführt worden seien. Wenn ich dieses Zeugniß gern vernommen! habe, so muß ich doch darauf Hinweisen, daß die allgemeinen Wendungen, i in welchen der Wahlaufruf von „jüdischer Gwissenlosigkeit und Geriebenheit - redet, immerhin Anlaß dazu bieten können, daß das Vertrauen de:! jüdischen Eltern, welche ihre Kinder der Anstalt übergeben haben, am' , die Unbefangenheit und Gerechtigkeit des mitunterzeichneten Lehrers gc! fährdet wird. Ich vertraue, daß Ew. Wohlgeboren bei künftigen Gele : genheiten auch diese Erwägung nicht außer Acht lassen werden." Es steht zu erwarten, daß auf Grund dieses Reskriptes jüdisch Eltern diejenigen Lehrer, welche diese Erwägung außer Acht lassen,; auf ihre Pflicht Hinweisen und nicht immer ruhig mitansehen werden,; wenn von dieser Seite der gehässigste Antisemitismus getrieben wird, : Tie Beschlüsse des Kölner Sozialistenkongresses Habel:! konservativen und antisemitischen Blättern willkommene Gelegenheil j geboten, wieder einmal den Zusammenhang voll Judenthum und j Sozialdemokratie hervorzuheben, wie thöricht auch eine solche Ver bindung sein mag und wie entschieden von unserer Seite auch so oft schon dagegen protestirt wurde. Aber auch die Sozialisten wehren sich gegen diese Zusammenstellung, was uns gewiß nur angenehn: sein kann. So schreibt der „Vorwärts" gegen Druniont: „Nur ein paar Worte über „die Führung der sozialistischen Partei durch die Juden. Oder richtiger ein paar Namen und Thatsachen. In Deutschland sind die bekanntesten und genanntesten „Führer": Engels, Urgermane; Bebel, Urgermane; Liebknecht, Urgermane; Singer, Jude. Der Jude hat aber nach Drumont die alleinige „Führung' Aehnlich in Frankreich. Guesde, lateinischer Gallier; Lafargne, lateinischer Gallier (Creole); Vaillant, germanischer Gallier; Alle mane, germanischer Gallier; Millerand, germanischer Gallier — den „Juden" finden unsere Augen nicht Die Scheidung der „reinen" Frau zosen in lateinische und germanische Gallier entspricht beiläufig den tbat sächlichen Rassenlnischungsverhältnissen. Wenn Herr Drumont „jüdischen Einfluß" und „jüdisches Gold" finden will, dann braucht er übrigen.' nicht weit zu suchen. Sein Mores, der den „Juden" Herz anpuinpll, ist nicht der einzige „Antisemit", der aus jüdischer Krippe frißt Un weiß Herr Drumont nicht, daß der Ahlwarot heute für jüdisches Gel ' Sozialismus verzapfen würoe, wenn der „Jude" Singer für ihn — zu sprechen gewesen wäre?" 9 Schützet die Kinder. Ein Mahiiwort an alle jüdischen Litern. Von M. Steinhardt in Magdeburg. Immer höher steigen in unserem Vaterlande die Wogen de - j Antisemitismus, und gar manche, das Herz des Menschenfreunde - I betrübende Erscheinung tritt dabei ans Tageslicht. Zn den betrii-; bendsten dieser Art gehört das Umsichgreifen des Antisemitismus an! den Schulen, und als seine naturgemäße Folge eine in ihren folgen I unabsehbare Verwilderung und Verrohung der Jugend. Wie lieh, i sich das auch anders erwarten! Täglich und stündlich hören di; Kinder im Kreise der Erwachsenen auf die Juden schimpfe», in den j Zeitungen, in Plakaten und Maneranschlägen, in antisemitischen Schandbroschüren, die auf der Straße feilgeboten werden, in allem j Anstand und aller Sitte Hohn sprechenden Bildern, die in Buch i Handlungen ausgestellt sind, lesen sie die abenteuerlichsten Dinge, die

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