Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 45. Allgemeine Berlin, 10. November 1893. ettung öes Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Li arpeles. Begründet von Rabbiner &*. Ludwig PHUippson-Bonn Verlags-Crpedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inlllltt. Leitartikel: Spieler und Wucherer. — Die Woche. — Schützet die Kinder. Von M. Steinhardt. — Anregungen. — Die Volksmärchen und ihre Verbreitung durch die Juden. Von Josef Jacobs. (Schluß.) — Feuilleton: Der Schatten. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) — Aus meinen Zugenderinnerungen. IV. Von Juliits Stetten heim. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Aus der Provinz Posen. Lissa. Rvbnik. Frankfurt a. O., Hamburg, Dresden. Aus Baden. Karlsruhe. Wien. Bukarest. — Von Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Spieler und Wucherer. Berlin, 8. November. Der Prozeß gegen Spieler und Wucherer in Hannover hat einige Wochen hindurch die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Eine jede Partei zieht aus diesem Prozesse ihre Lehren. Da ein Theil der Angeklagten und Verurtheilten aus jüdischen Kaufleuten, der andere aus nichtjüdischen Offizieren besteht, so kann man sich ungefähr denken, wie verschieden die Nutzanwendungen sind, die ans diesem Prozeß gezogen werden. Im Besonderen kann man leicht rrathen, wie die antisemitischen Blätter diesen Prozeß für ihre Zwecke auszubenten suchen. Sie scheuten nicht einmal davor zurück, Sprossen altadeliger Geschlechter zu Juden zu machen, und beschämt mußten >ie kurz darauf die Ahuenreihe und den Stammbaum jener Männer aeröffentlichen. Dies hielt sie aber keineswegs davon ab, den Hauptton ans den Wucher zu legen und das. Spiel sogar als eine altgermanische Ligen thümlichkeit zu entschuldigen. Unsere Stellung diesen Fragen gegenüber ist eine sehr einfache and klare. Wer das Judenthum für eine Bande nichtsnutziger Gesellen verantwortlich zu machen versucht, der ist selbst ein Spieler and ein Wucherer schliminster Art. Er spielt mit der Wahrheit ei» ehr verwerfliches Spiel, er wuchert mit idealen Gütern, die er aflegen aber nicht zertreten sollte. Spiel und Wucher — davon muh sich Jeder überzeugen, auch der nicht des Hebräischen Kundige — werden von dem jüdischen Gesetz gleich entschieden ver- >önt. „Hüte dich vor Müßiggang und Spiel, die dir die schöne;jeit zum Lernen rauben, und wisse, daß wenn du Rechenschaft oblegen wirst über deine Lebenszeit, eine der ersten Fragen die 'ein wird: hast du dieses Gesetz beobachtet?" so heißt es im Talmud >m einer Stelle. Und an einer anderen Stelle werden Spieler lind Wucherer ausdrücklich unter denen genannt, die nicht als Zeugen gelten dürfen. Und der viel verleumdete Schulchan Aruch erklärt ausdrücklich, daß man das im Spiel und Wette gewonnene (>>etb als gestohlenes Gut betrachten müsse. Durch unser ganzes Schriftthum zieht sich die Anschauung, die das Glücksspiel an und für sich unsittlich und verwerflich erklärt. Ueber das Verbot des Wuchers »och ein Wort zu sprechen, wäre Zeitverschwendnng. Nur wer sein Geld nicht auf Zins giebt, darf nach des Psalmisten Verheißung in Gottes Heiligthum erscheinen. Und der Talmud bedroht den, der auch nur von dein Fremden oder Heiden Zins nimmt, mit der Gottesstrafe, daß ihm einmal sein Hab und Gut verloren gehen würde; — das sind alles bekannte Dinge, hundertmal gesagt, hundertmal wiederholt und tausendmal ohne jede Begründung vor unseren Gegnern in gehässigster Weise in Abrede gestellt. Darüber wollten wir heute gar nicht sprechen. Auch darüber wollen wir nicht streiten, wer verwerflicher ist, die Spieler oder die Wucherer; was sträflicher sein mag, der Leichtsinn und die Gedankenlosigkeit der Einen, oder die Habsucht der Anderen. Für uns handelt es sich heute nur darum, mit aller Entschiedenheit uns dagegen zu wehre», daß man für derartige Ausschreitungen das Judenthum verantwortlich macht, während es doch Niemanden eiiifallen wird, bei der Beurtheilung der moralischen Schäden, die der Prozeß aufgedeckt hat, die Frage zu stelle», ob die daran betheiligten Offiziere protestantischer oder katholischer Konfession seien. Oft genug haben wir an unsere Glaribensgenossen die Mahnung gerichtet, die Sucht nach Prunk, den Hang zum Luxus, das Jagen nach mühelosem Erwerb, das Streberthum und die Sittenlosigkeit mit aller Macht zu bekämpfen. Oft genug haben wir die Fehler gerügt, vor den Schäden gewarnt, die unsere Alien nie gekannt, und die erst die neue Zeit uns gebracht hat. Aber immer und immer haben wir es betont, daß alle diese Fehler und Gebrechen keine vereinzelten Erscheinungen sind, die einer Konfession oder Rasse angehören, sondern daß sie vielmehr ein Produkt der gesellschaftlichen Zustände sind, unter deren Druck wir leben, die alle ernsten Männer mit Besorgnis; erfüllen, und die zu bekämpfen Sache aller Edeldenkenden und Wohlmeinenden sein sollte, gleichviel welcher Konfession sie angehören, oder welchem Stamme sie entsprossen. Es giebt, Gott sei Dank, gute Menschen in allen Religionen; es giebt arich, leider Gottes, schlechte Menschen in allen Konfessionen und unter allen Völkern. Das ist allerdings eine sehr alte Wahrheit, aber sie kann darum doch nicht oft und eindringlich genug gepredigt und wiederholt werden, wie dies der Prozeß in Hannover voll Neuem bewiesen hat. Der Kern des Volkes ist gesund, und ihn gilt es, vor den schweren Katastrophen zu bewahren, welche derartige sittliche Schäden unablvendbar mit sich führen müssen. Dies kann aber nicht durch Klassenhaß und Rassenhaß und Maffenhaß, sondern nur im sozialen Frieden und in gemeinsamer ernster, siitlicher Arbeit erreicht werden. U