Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 bewährte Siräfte zur Seite stehen, könnte, wie es anderwärts der Fall, dadurch beseitigt werden, daß auch die übrigen Lehrer der Schulen, die doch fast ausschließlich Nabbinatskandidaten sind, mit der Abhaltung von Predigten abwechselnd betraut werden. Möge der Gemeindevorstand nicht zu lange mit der vorgeschlagenen Aendernng in der dankenswertsten Institution zögern. — Tie "Andacht des um 3 Uhr Nachmittags am Sonnabend abgehaltenen Gottesdienstes beschränkte sich auf das Minchagebet, dem einige Gesänge Im neuen Tempel mit Chor mtb Orgelbegleitung, im „Storch" mit Chor) und eine Predigt vorangingeu, die auf alle Theilnehmer nachhaltigen Eindruck inachten. Der Anfang mit dem Jugendgottesdienst fand vor 14 Tagen im neuen Tempel statt. Morgen wird derselbe ebenda abgehalten. — Wie von der schlesisch-polnischen Grenze gemeldet wird, begnügen sich die russischen Behörden nicht mehr mit dem von der russischen Botschaft oder von dem russischen Konsul visirten Auslandspaß, den jeder die russische Grenze passirende Reisende haben muß, sie verlangen vielmehr noch einen ebenfalls vom russischen Konsul visirten Geburtsschein, welcher beweist, daß der betreffende Reisende dem mosaischen Glauben nicht angehört. Die in Russisch-Polen bereits verweilenden Ausländer haben schon die Verfügung erhalten, in einer bestimmten Frist ihre Legitimationen durch solche Geburtsscheine zu vervollständigen. Falls sie dieselben nicht rechtzeitig aufweisen, werden sie unverzüglich aus dem russischen Reich ausgewiesen. — Gestern Abend wurde in den Räumen der Lessingloge vom ersten Vorsitzenden, Herrn Geheimrath Tr. Wollner, die diesjährige Generalversammlung des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratnr" eröffnet, zu der ungefähr 30 Mitglieder erschienen waren. Zu Rechnungsrevisoren wurden die Herren Bergfeld und Löwenthal gewählt. Bei der Vorstaudswahl wurde der bisherige Vorstand durch Zurufe wieder gewählt, an Stelle des nach Dresden übergesiedelten stellvertretenden Schriftführers Herrn Privatdozenten Dr. Packscher wurde Herr Privatdozent Tr. Leopold Cohn durch Akklamation gewählt. Cin von einem Mitgliede gestellter "Antrag war zurückgewiesen worden. Der erste Disknssionsabend findet Montag ben 3o. d. Mts. statt, "Am Eingänge des Saales war der „Divan des Juda Halevi", herausgegeben vom Berliner Litteraturverein, zu dem ermäßigten Preise von 60 Pf. für die Mitglieder zu haben. r. Mannheim, 20. Oktober. Am 14. Oktober hat hier der Vorsitzende des Synagogenraths, Herr Simon Bensheim, unter lebhafter Betheiligung der israelitischen wie auch weltlicher Behörden seinen 70. Geburtstag gefeiert. Die Ovationen, die schon am 13. Abends mit eineui Ständchen des Synagogenchors begannen und am folgenden Tage in Form von ''Adressen, "Ansprachen und Telegrannnen ihren Fortgang nahmen, legten ein erhebendes Zeugnis; ab von der Hochachtung und Beliebtheit, deren sich Herr Bensheim allseitig erfreut. Möge ihm noch sehr lange ungetrübte Frische und Schaffenskraft zum Segen unserer Gemeinde beschiedeu sein. * kanten, 2<4 Oktober. Am Mittwoch sind auf dem Amtsgericht wiederum zehn bis zwölf Kinder vernommen worden, großteutheils Kinder bis zu vierzehn Jahren. Cs handelt sich angeblich um einen Mann Namens Efser, der in der Nacht vor dein Tage der Ermordung des Keinen Hegmann in der Rudolphschen Herberge in bauten geschlafen haben soll, was durch das Herbergsbuch bewiesen ist. Esser ist vor einigen Monaten in der Provinzialbesserungsanstalt in Brauweiler bei Bonn gestorben. Er soll sich am Mordtage in auffallender Weise in : kanten herumgetrieben haben. Ten Kindern, die als Zeugen vernommen! wurden, ist das Photogramm Essers gezeigt worden, und einige haben! die an sie gestellte Frage, ob sie den Mann an dem Mordtage gesehen haben, bejaht. Der „.^'antener Bote für Stadt und Land" schreibt aus Oberbausen, daß der Berliner .Kommissar am 21. d. M dort war, nu; die jetzt dort bedicnstete Tora Moll, eine der Hauptzeugen in dem .^'anteuer Prozeß, nochmals 311 vernehmen. Wie das Blatt hört, blieb die Moll bei ihren früheren Aussagen, worüber genaue Aufzeichnungen gemacht wurden. > Oesterreich- Ungarn.! CI Wien, 30. Oktober. Tie Ereignisse in der Hauptstadt drängen i einander, und so wie in der vergangenen Woche der Wahl-Reformj Antrag des Grafen Ta affe die Spannung rege erhielt - so ist es j iw diesen Tagen wieder die Demission des Bürgerineisters Dr. Prix, die! die allgemeine "Aufmerksamkeit auf sich und von änderet: Dingen ablenkt.!! Die Antisemiten sind — ausnahmsweise stillvergnügt und geben siff j der Hoffnung hin, denn doch einmal ihren Häuptling Dr. Lueger ans j dem Bürgermeisterstuhl zu sehen — damit aber hat's noch gute Weg?,! beim vorläufig wird der Name des Dr. Lueger unter den Kandidaten j gar nicht genannt — nüt Ausnahme des Antisemiten-Organes natürlich. — Die Verhandlung gegen den in letzter Zeit zum Ueberdruß oft cpnaunten „Schriftsteller" Paulus Meyer wegen Majestätsbeleidigum. Beleidigung des Papstes und Gutheißung ungesetzlicher Handlungen, über welche Verhandlung wir bereits in voriger Nummer beriet teten, brachte in ihren: Verlauf keine neuen Momente mehr zutage. Da-) Verhör ergab zur Evidenz, daß seitens der Sträflinge, die mit Meyer in: Jnquisitenspital internirt waren und seine Schmähreden hörten, be i Letzteren eigentlich gar keine Beachtung geschenkt wurde und daß sie über Haupt nicht denunzirt haben. Einer der wegen ganz unbedeutender Ver gehen bestraften Leute erwiederte sogar auf die ihm vorgelegte Frage, warum er die Anzeige nicht erstattet habe: „Ich glaubte, Meyer sei ein „besserer" Mensch, er müsse selbst wissen, was erlaubt sei und was nicht!' Trotz alledem bezeichnete der Angeklagte in der gestrigen Strafverhandlum sich als das Opfer eines Komplottes. Am Schluffe des Beweisverfahren s konstatirte der Vorsitzende, daß das Gesuch der Vertheidigung um Unter suchung des Geisteszustandes des "Angeklagten vom Gerichtshöfe abge wiesen wurde, und zwar aus denselben Gründen, aus denen daffelb Gesuch der Vertheidigung gelegentlich des Ehrenbeleidigungsprozesses, den Meyer gehabt hat, abgewiesen worden ist. Schon damals lag bei: Gerichtshöfe ein von drei Gerichtsärzten gefertigtes Gutachten vor, dabei Meyer zwar krankhafte körperliche Anlagen annimmt, aber jed Geistesstörung ausschließt. — Hierauf wurde Meyer entsprechend den Anträge des öffentlichen Anklägers Freiherrn von Drechsler zu vier Monaten schweren Kerkers und nachheriger Landesverweisung verurtheilt In seiner sprunghaften Art, die in seinen beiden Prozessen zwische: Querulanteneitelkeit und kriecherischer Ergebung sich unvermittelt hin und herbewegte, nahm er das Urtheil mit folgenden Worten hin: „Jcl danke für die milde Strafe! Für das sind vier Monate wenig. Abe: ich bin unschuldig. Kann ich die Strafe nicht allein absitzen?" - Präs.: Der Vollzug der Strafe unterliegt nicht der Bestimmung des Gerichtshofes. Wenden Sie sich mit einem etwaigen Gesuch an du Gefängnißdirektiou — Meyer wurde dann abgeführt, wobei er noch sehr umständlich seinem Vertheidiger Dr. Fürth Lebewohl zu sagen bemüht war. Er wird nach Verbüßung der Arreststrafe, die über ihn gemeinschaftlich mit Pfarrer Dr. Deckert verhängt wurde, und der jetzi erkannten Kerkerstrafe au die sächsischen Gerichtsbehörden ausgelieferi werden. # Prag, 24. Oktober. Auch hier wurde der hundertjährige Geburtstag Mannheimers in der Meiselsynagoge (Dr. Kisch), dem neuen Tempel (Dr. Kaminka aus Berlin) und im Centralverein (Präsident S. Mautner) durch Gedenkreden gefeiert. Alle drei Redner gaben von ihrem Standpunkte aus charakteristische Schilderungen des Wirkens des großen Kanzelredners. Rußland. Frg. Warschau, 15. Oktober. In Petersburg hat der Antisemitismus seit einiger Zeit unter den christlichen Schneidern wieder Platz gegriffen. Bereits 1882 hatte die Vereinigung christlicher Schneider um die "Ausweisung der mit ihnen konkurrirenden jüdischen Kollegen petitionirt. Um die Konkurrenz los zu werden, hatten sie damals bereits angegeben daß die Juden nicht nur die Preise verderben, sondern überhaupt nichts von der edlen Schneiderkunst verständen und Pfuscher wären, die das Handwerk entwürdigen, auch seien viele Juden nur auf ihrem Gewerbeschein Schneider, während sie in Wirklichkeit Handel u. A. nachgingen, der Gewerbeschein diene nur als Mittel zur Erhaltung des Aufenthaltsrechtes in der heiligen Stadt. Damals wurden die Geschäftsantisemiten mit der Motivirung abgewiesen, daß die das Handwerk betreffenden Gesetzesnormen vor solchen Schwindlern schütze, und wenn welche entdeckt würden, würden sie — ob Jude, ob Christ — die Strenge des Gesetzes erfahren. Nun haben die antisemitischen Kleidermacher eine schwarze Liste von jüdischen Schneidern der Behörde unterbreitet, welche angeblich ohne Gewerbeschein und ohne Aufenthaltsberechtigung der Schneiderei in der Czarenstadt leben, es ist abzuwarten, was dieser antisemitische Auswuchs noch zeitigen wird. — In Charkow wurden in die Universitär unter 211 Studenten 10 jüdischen Bekenntnisses ausgenommen. Wegen