Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- Seite 528 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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528 Nicht auf eine vollendete Kunst voller Feinheiten wollte ich hier aufmerksam machen, sondern auf diese neue jüdische Musik voll Melodiensülle und Eigenart, und auf diesen jüdischen Humor, der sich hier kundgiebt in unverfälschter Echtheit. Sprerhsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! So wenig ich die Absicht habe, mit Herrn Schaelsky, dem Uebersetzer von Renans Geschichte des Volkes Israel, Bd I, einen Federkrieg irgend welcher Art zu eröffnen, so muß ich Sie doch bitten, mir gefälligst zu gestatten, daß ich ihm auf seine Replik in Ihrem geschätzten Blatte Einiges entgegne. Herr Schaelsky hält meinen Bemerkungen über die von ihm gegebenen Uebersetzung des Debora-Liedes, die weder dem hebräischen Texte, noch, wie ich zeigte, der Wiedergabe desselben durch Renan irgendwie entspricht, triumphirend die Autorität Luthers entgegen. Er verweist auf Seite .374 seiner Uebersetzung, wo er in einer Fußnote erklärt haben will, daß er die Wiedergabe „aller Bibelstellen" im Renanschen Werke Luthers Bibelübersetzung entlehnt habe. Damit hat nun meines Erachtens Herr Sch. zunächst seinerseits vollkommen bestätigt, was ich auf Grund einiger Kleinigkeit blos vermuthungsweise aussprach, nämlich daß er in litterarischen und philologischen („philosophischen" ist ein Druckfehler) Dingen Laie sei. Wie käme er denn sonst auf den seltsamen Gedanken, der Uebersetzung eines Werkes, das keine Sammlung von protestantischen Predigten und auch sonst keine Erbauungslektüre, sondern ein Geschichtswerk von hervorragend schriftstellerischer und historisch-kritischer Eigenart ist, fremde Bestandtheile einzuverleiben, und zwar aus einer Bibelübersetzung, die vor mehr als 350 Jahren entstanden und nicht zu wissenschaftlichen, sondern kirchlichen Zwecken unternommen wurde?! Müßte ihm, wenn ihm nicht „der Gegenstand des zu übersetzenden Werkes fremd" wäre, nicht die Erwägung nahe liegen, daß der Leser eines Renanschen Geschichtswerkes nicht Luthers Uebersetzung der in Frage kommenden „Bibelstellen", sondern vor Allem Renans Auffassung und Wiedergabe derselben kennen zu lernen wünscht? Oder hält Herr Sch. die „Bibelcitate" in einer Geschichte des Volkes Israel für bloße Dekorationsstücke, die aus jeder beliebigen Ueberj setzung angebracht werden können? Nun wird Herrn Sch. gesagt, daß j die von ihm gegebene Uebersetzung des Debora-Liedes, welche nach der Voraussetzung des Lesers, der auf S. 299 noch nicht die Fußnote auf S. 374 zu kennen braucht, eine Uebersetzung des französischen Textes von Renan sein soll, „geistlos" und „stellenweise unsinnig" ist; aber statt dieser Behauptung, die durch das Zeugniß des französischen Originals erhärtet wurde, sachlich zu begegnen, spielt er die Autorität Luthers als Trumpf gegen mich aus! Ich muß gestehen, daß diese Methode des Herrn Sch. mich sehr peinlich berührt hat, und daß die Ehrerbietung für den großen Reformator diese neue Entgegnung wesentlich mit veranlaßt. So will ich denn Herrn Sch. und Allen, die es wissen wollen, erklären, daß ich in der Bewunderung von Luthers Uebersetzungskunst Keinem nachstehe; und obschon ich als Rabbiner und in Folge meiner Erziehung die Bibel im Original-Text zu lesen gewohnt bin, so ist mir doch auch Luthers Bibelübersetzung nicht so unbekannt, wie es Herr Sch. als „offenbar" annahm. Allein auch die unbedingtesten Verehrer Luthers geben zu, daß er sehr oft den Original-Text nicht verstanden bezw. mit den seiner Zeit zugänglichen Hilfsmitteln nicht verstehen konnte, und daß an solchen Stellen auch seine Sprach-! Meisterschaft nichts auszurichten vermochte. Sollte Herr Sch hiervon! noch nichts vernommen haben? Nichts von den Bemühungen um die! „Bibelrevision", d. h. Revision der Lutherschen Bibelüber-! setzung, mit der eine Kommission hervorragender Theologen und j Kirchenmänner betraut wurde? Hat Herr Sch. nichts davon erfahren, j daß die „Probebibel", welche diese Kommission nach mehrjähriger j Arbeit in den 60er Jahren erscheinen ließ, im alten Testament > allein 4000 Aenderungen resp. Fehlerverbesserungen an der i Lutherischen Uebersetzung vornahm, und daß ein Mann wie! Zittel der Kommission vorhielt, sie habe ihre Aufgaben nicht erschöpfend gelöst, da zu diesen Aenderungen noch weitere 8000 Hinz i. kommen müßten?! So legt denn Herr Sch., gelinde gesagt, eine gewisse literarische Naivität an den Tag, wenn er in seiner Replik mich am seine Fußnote Seite 374 verweist. Uebrigens giebt Herr Sch. die-e Fußnote etwas ungenau wieder. Nicht „alle Stellen" sind diestr! zufolge „von Doktor Martin Luther"; vielmehr hebt Herr Sch. am angeführten Orte ausdrücklich hervor, daß er, wo dieser Text (nämlih der Luther'sche) den von Renan wiedergegebenen Sätzen durchaus nicht entsprach, die französischen Worte möglichst getreu zu übersetzen sich erlaubte." Warum that das Herr Sch. nicht auch ui dem hier in Rede stehenden Falle? Oder fand er, daß hier Luthers Uebersetzung der Renans entsprach? Ich verweisedaher nochmals ans meine Gegenüberstellung beider Texte in Nr. 41 dieses geschätzten Blattes. Sonst habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Auf den Ton, den Herr Sch. in seiner Replik anzuschlagen beliebt, gehe ich nicht ein. Nur der Hofinung und dem Wunsche gebe ich Ausdruck, Herr Sch. möge aus meinen Darlegungen die Ueberzeugung gewinnen, daß er sich bezüglich der Wiedergabeder biblischen Belege bei seiner Uebersetzung des 1. Bandes von Renans Geschichtswerk von einem falschen Prinzip hat leiten lassen, von dem er in den folgenden Bänden abgehen muß. Darmstadt, 29. Oktober 1893. Rabbiner Dr. Selver. d Sehr geehrter Herr Redakteur! Herr Traubenberg hat in einem langen Schreiben seine Behauptungen, aufrecht zu erhalten gesucht, daß die relative Verminderung der Juden in der geringen Zahl der Geburten die Erklärung findet. Daß dies trotz der erneuten Behauptung falsch ist, mögen die folgenden Zahlen beweisen: Im Jahre 1891 waren bei den Juden 9190 Geburten un 5715 Sterbefülle, mithin natürliche Vermehrung 3475 Seelen, wogegen die wirkliche Vermehrung nur 800 Seelen betrügt. Wo ist also der Reü geblieben? Es giebt da doch nur drei Möglichkeiten, die Taufe, die Aus Wanderung oder, und das ist das Zutreffende, eine Kombination von ca 4-500 Taufen und ca. 2000 Seelen Auswanderung. Die Sache ist übrigens viel zu wichtig, um in einem Briefwechse erledigt zu werden; ich werde Sie, hochgeehrter Herr Redakteur, ball um Erlaubniß bitten, an der Hand der amtlichen Zahlen die Angelegen heit in einem Artikel erörtern zu dürfen. Hochachtungsvoll und ergebenst W. Bambus $ Geehrter Herr Doktor! In der jüngsten Nummer der Zeitung des Judenthums fragt Herr Herz Berliner aus Schneidemühl: „Wo hat in unserm Staate je ein Ortsrabbiner bei der Einweihung einer evangelischen oder katholischen Kirche eine Einladung zu solcher Feier erhalten?" Nun, ich habe erst am 15. Oktober dieses Jahres der Einladung zur Theilnahme an der Einweihung der Lutherkirche Hierselbst entsprochen, und die öffentlichen Blätter haben in ihrem Berichte meiner Anwesenheit Erwähnung gethan. Auch zu der Feier der Grundsteinlegung der genannten Kirche hatte ich vor einigen Jahren eine Einladung erhalten und derselben Folge geleistet. Mit hochachtungsvollem Gruße Ihr ergebener Stettin, 26 Oktober. Rabbiner Dr. Vogelstein. 3 Sehr geehrter Herr Doktor! In der in Cincinnati erscheinenden „Deborah" wird behauptet, daß das erste in Amerika gedruckte jüdische Buch eine englische Uebersetzung des sephardischen Machsors sei. Diese ist aber unter dem Titel: „Prayers for Shabbath, Rosh-Hashanah and Kippur with the Amidah and Musaph of the Moadim, according to the Order of the Spanish and l’ortuguese Jevvs. Transladed by isaac Pinto and for him printed by John Holt in New-Uork ', in New-Iork im Jahre 1766, also drei Jahre nach der englischen Uebersetzung der Mendelssohnschen Dankpredigt erschienen (S. Hibliotheea Anglo-Judaica, London 1888, S. 174). Herr Wise Hütte jedenfalls wohl gethan, mit seiner angeblichen Berichtigung zu warten, bis „er wieder in der Stadt bei seiner Bibliothek wohnt". Budapest, 25. Oktober. Hochachtungsvoll Dr. Kayserling. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwih in Berlin.