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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-03 · Heft 44 (3.11.1893) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
Seite 527 (sequence 13)
Language
German
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527 regnet, sitzt fe erzogen, e) in der Phael aber )em Platze : kam, bog nicht- und er meinte m und ersah er ein > die Leute aut zu be- Lräntigam lben Ordr Fröhlichinn willig ürächtigte. abuehmen, der Vater, te sich der ung folgt.) k. modernen nnäniens, c, die auch eine Litte- Jargon, und Anfieller, Dr. ammlung u Kulturn Liedern Niemand Auch das Schmerz, Frühling veil ihnen igen nur wie der m ihr erverfolgten ch ist das rächt; es r Didaktik Ruch eine sind entebrüischen >verlhigen e Bühne en zuerst de Kunst usauberer t hinaus- . „konimen, aber diese theatralische Kunst hat schon zur Zeit einen i :d)t zu unterschätzenden Werth für die dortigen Juden. Und dann roch: es ist sehr diele Eigenart in ihr. Paul Lindau hat einmal :; seiner witzigen Art über das teatro israelitico in Bukarest beachtet; leider sah er nur die ersten Szenen einer Oper: „Bar Kochba"; itb ich muß bedauern, das; er nicht das ganze Stück angehört hat: v würde ihm dann neben liebenswürdiger Verspottung auch einige .»sie Worte gewidmet haben. Die Stücke, zumeist „Opern", Singspiele, Posse, seltener Volks- ■lücfe, werden größtentheils von einem Herrn Goldfaden in Odessa geschrieben. Er ist Alles, was ein Mensch, der sich mit der „dramauschen Kunst" beschäftigt, nur sein kann: er dichtet die Librettos, er mmponirt die Musik dazu; er ist Schauspieler, Direktor, Regisseur, Dirigent und Dekorateur — Alles in einer Person, und es ist ganz merkwürdig, daß er zu Allem ein gewisses Geschick hat, ja, seine Rnsik ist sogar sehr talentvoll und schön, wenn er auch von Jnstrunentirung keine Ahnung hat. Es kann eben kein Mensch von ihm erlangen, daß er sich noeh mit der Musiktheorie beschäftigen soll, einseine Zuhörer wäre das ganz überflüssig. Ebenso wenig fällt ö seine» Säugern und Sängerinnen ein, sich vor aller künstlerischen Wirksamkeit erst einer musikalische» Ausbildung zu widmen; hier singt wen Jeder, wem Gesang gegeben. Auch über die nöthigen Kostüme :e. machen sie sich keim Kopfschmerzen; aus Papier kann ein Mensch mit Geschick Alle? machen, und die Billigkeit dieses Materials ersetzt alle Schönheit und Güte anderer Stoffe. Ebenso machen es die dramatischen Darsteller; es giebt Viele unter ihm», die nie in ihrem Leben ein Theater besucht haben, und so sind sie auch vor der Gefahr, berühmte Muster zu imitiren, gesichert. Wer mit geringen Ansprüchen eine derartige Vorstellung besucht, der kan» trotzdem Ueberraschungen erlebe». Ich habe es schon gesagt, daß die Oper es ist, die am meisten Und dieses Publikum war so genügsam und so dankbar — fast unvergleichlich. Es unterbrach die Schauspieler jedesmal durch Ausrufe wie: „Großartig!", „Ganz wie im Bnrgtheater". Und an einer rührenden Stelle sah ich Alle weinen; manches wurde mitgesnngen. Und nun sah und Hörle ich diesen „heldenhaften und weltbeliebten Schauspieler" Selke Schorr. Er tragirte den Halofernes — aber ich wußte nicht, ob das, was er gab freiwilliger, oder unfreiwilliger Humor war .. . eine gelungenere Parodie auf die patheiifche Uebertreibnng „tragischer Heldendarsteller" habe ich nie wieder gesehen. Und ieh täuschte mich nicht, wenn ich annahm, das; in diesem Menschen ein vorzüglicher Humorist steckt, der oft darunter schwer leidet, auch tragische Rollen spielen zu müssen. Nein, das Stück »ahm ich nicht ernst; es steckte nicht der leiseste Ton von Poesie darin, und die „hnmoristisehen" Szenen würden kaum für ein Casperl- Theater reichen. Aber eines war es, was mich mit großem Interesse, ja.mit Wärme erfüllte: der musikalisehe Theil des Singspiels. Diese Musik ist ohne alle sonstigen Effelie, die Ausarbeitung schlügt allen musikalischen Gesetzen ins Gesicht und ist ohne Feinheiten: aber es ist Originalität »nd eine Melodienfütle darin, woran mancher geschulte Komponist jahrelang zehren könnte. Die Originalität artet sogar oft in krause, wirre Stillosigkeit aus, aber diese melancholischen Töne sind tief, ja ergreifend, und spiegeln in mächtiger Weise die Empfindnngsart des Juden wieder. Einige Tage später wurde ein anderes Stück angekündigt: „In de» Zeiten des Messias". Wieder fand ich mich ein, und ich hatte es nicht zu bereuen gehabt. Was ich da hörte und sah — cs gab ein Bild jüdischen Lebens von packender Wahrhaftigkeit, schlichter Tragik und wirksamsten, originellsten Humors. Waren das noch dieselben Schauspieler? Wenn ich sie früher für Stümper halten mußte, jetzt gab ich es ihnen sreudigst zu, daß sie ganz bedeutende eigenoort geschrieben und aufgeführt wird. Die Sujets sind größtentheils oer jüdischen Geschichte entnommen, und von dieser Vorliebe für das Heroische und Romantische sind diese jüdisch - deutschen Librettisten nicht zu heile». Die Texte sind ungeschickt und geschmacklos gemacht, ein Ragout von Unwahrheit, Sentimentalität und Witzhascherei; über Musik und Darstellung werden wir uns noch anslassen. Eine „Oper" war es auch zuerst, die ich hörte, und zwar in Lemberg. Tagelang hatten mich die schier unermeßlich großen Theaterzettel verfolgt an allen Ecken und Enden und mit ebenso nnglaublich großen Buchstaben stand es darauf: „Achtung! Servus, Bruder — wohin gehst du?" „Ins jüdische Theater!" „Was wird da gegeben?" „Die weltberühmte jüdisch-komisch-traurige Oper in sechs Akten: „Judith und Alofern" — zum hundertsten Male — mit Couplets in den Pansen. Zum Schluffe wird unser heldenhafter und beliebter Schauspieler Selke Schorr eine Moral sagen. Achtend der Direktor Gimpel" . . . Diese hübsche Dosis Komik, die ich von vornherein gratis bekam, veranlaßte mich, dieses Theater zu besuchen, und ich war auch im Voraus schon dessen sicher, da Amüsement zu finden, nachdem mich das polnische Theater in Lemberg traurig gestimmt hatte. . . Und in der That — ich kam auf die Kosten. Der Theatersaal des jüdischen Theaters in Lemberg sieht wie ein Getreidemagazin aus, und dennoch war er zum Ersticken voll. Zwei Sachen waren es, die ich zuerst bewunderte: de» Bühnenvorhang und das Publikum. Das Bild, das auf dem ersteren zu sehen ist, ist nicht leicht zu enträthseln: Eiu ehrwürdiger Jude, der ein Etwas in der Hand hält, das eine Harfe darstellen soll, das aber eher wie ein Schabbes-Barches aussieht. Das Publikum rekrutirte sich aus allen Gesellschaftsklassen, nicht blos aus jüdische». Darunter auch Offiziere. artige Begabung besitzen. Freilich, das Drama bestand nur aus einer Reihe lose zusammenhängender Bilder — aber jedes von ihnen bot ein Stück eigenartigen Lebens; und eben so plastisch und echt traten die einzelnen Gestalten hervor. Der jüdische Student, der die Religio», das nationale Feuer seiner Väter „überwunden" hat, um in dem Momente, wo er seine Glaubensgenossen in einem Straßenkraioall mißhandelt sieht, während seine christliche Braut sich daran ergötzt, von tiefem Mitgefühl ergriffen zu werden und den schmerzlichen Ruf ansstößt: „Jetzt will ich es in allen Straßen verkünden: ich bin ein Jude, ein Jude, wie alle die Mißhandelten!" Der arme Rendator mit seinen großen Sorge» und großen „Hoffnungen; der „Almosenier", der selbst hungert »nd für arme und verlassene Waise» Geld zusammenschnorrt, durch seiner Witz, durch seine Klugheit alle Herzen gewinnend; der talmudbcflissene Jüngling mit seinem Leben ohne Luft »nd Sonne und seinen nachhcrigen Kämpfen, wobei er trotz größte» Elends doch seinen Humor nicht verliert; der jüdische Emporkömmling, verroht im Haschen nach Reichthmn und Genuß, bis er einsieht, das; er die Schande seines Volkes gewesen: das sind alles Gestalten, die ich kenne. Nichts ist erheuchelt, nichts vertuscht und manche bittere Wahrheit wird gesagt. Und über all' dem Elend, der Armnth, die vor uns vvrüberzieht, liegt eine Fülle von Humor, wie er den Inden des Ostens eigen ist.... Ich habe schon gesagt, daß die Darstellung mich überraschte: jede Gestalt war mit einer Fülle echter Wesenszüge ausgestattet, und die Töne wahren Schmerzes waren ebenso tief, wie diejenigen drastischen Humors, die sich durch ein einziges originelles Wort, durch eine Handbewegung, eine drollige Betonung knndgab — eine Mimik, die wie ich ansgeführt habe, dem Inden eigen ist und die ihn leicht zum wirksamen Komiker macht.

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