Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- Seite 526 (sequence 12)
- Language
- German
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526 eine „Mazeweh" (Denkmal) scheu, und sie wird weinen! Ihre schönen schwarze» Angen werden Thränen vergießen, aber nicht lange, nicht lange; die Thränen werde» trocknen, ihre Angen werden wieder leuchten — einein Andern, nicht mir. Als cs Abend wurde und die Leute sich entfernten, sagte inan in der „Gasse": Fohle weiß entweder sein Glück nicht zu schätzen, oder cs inns; bei dein Randar nicht Alles in Ordnung sei» und er hat »lehr versprochen, als er am Hochzeitstage wird halten können! Der „Schmini-Azcres" (achte Lanbhiitteiifesttag) war vorüber uiid das Fest der Gefetzesfreude gegann. Man ging in Schul, Hub säinnitliche Thorarollen aus der Lade, rief die Geineindeiiiitglieder an, denen inan dieselben übergab. Ter Randar war einer der ersten, gleich nach dem Rabbiner und dem Geincindevorstehcr. Auch Raphael als Bräutigam hatte einen bevorzugten Platz. Die Kinder hatten tleinc Fähnchen in Händen, die aus buntem Papier und Goldschaum verfertigt waren, die gefärbten Wachslichtche», die oben daran klebten, wurden allenthalben augezündet und die Prozession setzte sich innerhalb der Shuagogc unter großem Jubel in Bewegung. Raphael trug die heilige Bürde mit zitternder Hand, fromm und zärtlich küßte er die Thorarolle und schritt mit derselben hin durch die Reihen der Männer, geknickt und gebrochen wie ein Greis. Die Leute, die ihn so vorüberschleichen sahen, flüsterten einander in die Ohren: Fohle muß entweder krank sein, oder man zwingt ihn zu der Partie, worauf Gawriele Stnffer sagte: „Man g'hört sich zu so einer Partie erst müsse» zwingen lassen. Da käme ja heraus: die Braut hat einen Fehler, sie hat schwarze Augen!" Am nächsten Morgen wiederholte sich in der Synagoge das Schauspiel des vorhergehenden Abends; dann wurde aus der Thora vorgeleseu; säinnitliche Anwesenden wurden aufgernfen, bei verschiedenen Ehren wurde wieder der Randar nicht vergessen. Das waren lauter fröhliche Mienen, lauter Brüiitiganisgesichter, denn es traten auf iiach einander der Bräutigam des Anfanges (Choßen Bereschis), der Bräutigam der Lehre (Choßen Thora) und der Bräutigam des Beschlusses (Choßen Maftir); alle waren sie voll Wonne und Freude, nur er, der Bräutigam der holdesten und lieblichsten Braut, der Brüntigani des geliebtesten Mädchens, war ein Trauernder unter den Fröhlichen, niedergedrückt und gebeugt von der Last des — Tvdesgedankcns. Als inan die Synagoge verließ, begab sich der „Gabbe" (Synagogenvorsteher und Arnienvater) sogleich auf das Gemeindehans, und zwar in die erste Etage. Ihm folgte der Genieiudedicner mit einem Sack voll Nüsse »iid zivei Körben voll Aepfel. Bor dem Hause sammelte sich eine zahlreiche Volksmenge, die Kinder ganz nahe, etwas entfernter die erwachsenen Leute, auch Golde mit ihrem Bräutigam, mit ihrem Batcr und den Eltern Raphaels befanden sich unter den Zuschauern, die voll Erwartung da standen. Plötzlich öffnete sich oben im ersten Stockwerke des Gemeindehauses das Fenster, und ein dichter Nüsse- und Aepfclregen siel hernieder. Die muntere Gassenjugend warf sich mit Ungestüm aus die herabfaltenden Schätze, Jeder suchte den Anderen bei Seite zu schieben, um selbst so viel als möglich zu erobern. Tic Kinder schrieen, lärmten und tobte» und schlugen sich gegenseitig die Köpfe ein. Die Zuschauer lachten und scherzten, Priesen die Geschicklichkeit des Einen und spotteten über die llubeholfenheit dc-s Anderen. Ties Schauspiel währte ungefähr eine gut gemessene Biertelstnnde, endlich erschöpften sich die Borräthe im Gemeindehause, der Obstregen viel minder dicht und hörte zuni Schlüsse ganz ans. Ta kam ein Knabe gelaufen — cs war Bvrechel Schlcinichl — der die ganze Herrlichkeit versäumt hatte, er konnte keine einzige Nuß, keinen einzigen Apfel mehr erhaschen; die Leute, die sich entfernte», lachten ihn ans, und Gaivriele Stuffer sagte: „Da kommt wieder heraus, wenn es Gold regnet, sitzt Schleniiehl unter dem Dach." Golde, die auf dem Dorfe erzogen, noch nie einen „Simchesthora" (Tag der Gesetzesfreude) in der „Gasse" mit angesehen, belustigte das Schauspiel sehr, Raphael aber schien von einer großen Angst erlöst, als sie sich von dem Platze entfernten, bei jedem Wurf, der aus dem Fenster herunter kam, bog er, obwohl ziemlich entfernt von dem Ort, wo der frucht- und genießbare Regen niederfiel, den Kopf auf die Seite, denn er meinte nicht anders, als daß er von einem großen Apfel getroffen und erschlagen werden müsse. In jedem Apfel, in jeder Nuß sah er ein Todesgeschoß, bestimmt, ihm die Seele auszublasen — und die Leute sagten: Fohle macht sich entweder kindisch, um seine Braut zu be-! lustige», oder er stellt sich „tanüsch" (tölpelhaft), weil er kein Bräutigam j sei» will. | Man saß wieder bei der Mittagstafel, ganz in derselben Ord-! nung wie gestern, leider auch unter demselben Bann, der die Fröhlichkeit der kleinen Tischgesellschaft, die dem Genuß und Frohsinn willig sich hingegeben hätte, i» so unangenehmer Weise beeinträchtigte. Wieder kamen Geschenke, wieder half Golde dieselbe» abnehmen, wieder zeigte Raphael keine Lust zu esse», wieder fragte der Pater, drang in ihn die Amme, entschuldigte die Mutter, wunderte sich der Randar und bemitleidete ihn die Braut. (Fortsetzung folgt.) 9 Indisches Theater in Galizien. j Von Herma»n Menkes. j Die mangelhafte Kenntniß des Hebräischen und der modernen j Sprachen bei den Juden der untern Schichten Rußlands, Rumäniens,! Galiziens rc. veranlaßte einige begabte hebräische Schriftsteller, die auch l sonst auf der Höhe moderner Bildung stehen, für jene Kreise eine Litte-! ratnr begründen zu helfen in jenem Dialekt, oder sagen wir lieber: Jargon,! um so auch den Geistesarmen ein Bildungs-, Beredlungs- und Auf- 1 kläruugsmittel z» verschaffen. Ein vorzüglicher Schriftsteller, Dr.; Kammer, gab ein jüdisches Bolksbuch heraus, eine Sammlung I jüdischer Volkslieder und Sprüche. Dieses Buch ist für de» Kultuc-! und Litteraturforscher von unschätzbarem Werth. In diesen Liedern liegt eine Poesie, eine Gefühls- und Gemnthstiefe, wie sie Niemand bei diesen armen, mißachteten Menschen zu finden gehofft. Auch das i düstere Ghetto hat seine Nachtigallen, aber was sie singen, ist Schmerz, und es ist wie ewiger Herbst in diesen Liedern. Der Frühling lächelt darin nur an den kargen jüdischen Feiertagen; und weil ihnen eine herbe Gegenwart Alles versagt, blühen in ihren Gesängen nur die Rose» zager Hoffnungen . . . Wenn ihr wissen wollt, wie der Jude des Ostens lieben kann — leset jenes Buch, lind wenn ihr erschüttert sein wollt vorn Martyrium des heimathlosen, verfolgten i russischen Juden, so horchet diesen Klagen. Dieses Volksbuch ist das i Werthvollste, was die polnisch-jüdische Litteratur hervorgebracht; es! übertrifft an poetischem Gehalt weitaus die, größtentheils der Didaktik j und der Reflexion sich zuwendende, neu-hebräische Lyrik. Auch eine! Anzahl kleiner Erzählungen voll köstlicher Charakteristik sind entstanden; diese stehen aber sonst an Kunstwerth den neu-hebräischen Meisterstücken der Smolensky, Map», Gordon n. A. nach. Aber sie sind nicht bei diesen mehr- oder minderwerthigen! litterarischen Hervorbringungen stehen geblieben. Auch die Bühne; suchen sich die Inden des Ostens zu erobern. Sie begannen zuerst mit kleinen, ja lächerlichen und läppischen Anfängen, wie jede Kunst eben beginnt. Zuerst blühte eine Art Bänkclsängerthuin unsauberer Art. Und auch jetzt sind sic über die Anfänge noch nicht weit hinaus-