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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-03 · Heft 44 (3.11.1893) · p. Seite 525

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
Seite 525 (sequence 11)
Language
German
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Man muß dies um so mehr, wenn man nicht einmal zeigen darf, daß man von seiner Anwesenheit etwas weiß. Und durfte die Mutter dies zeigen? sie, die dem Sohne das Versprechen abgenommen, daß er das Geheimniß keinem Dritten enthüllen möge, durste sie mit plumper Hand ihr eigenes Werk zerstören und den Feind verrathen, der wie ein Bleigewicht auf die Seele des jungen Mannes drückte? Es giebt Philosophen und gelehrte Männer in der Welt, und wer ein Philosoph und ein gelehrter Mann ist, der hat das Recht, Maximen aufznstellen, wie z. B. La Rochefoucauld: „Die Furchtsamkeit ist ein Fehler, worüber der damit Behaftete nicht ohne Gefahr getadelt werden kann." Raphaels Mutter war weder ein Philosoph noch ein gelehrter Mann, ja sie war nicht einmal ein gelehrtes Weib, sie stellte daher auch keine Maximen auf: nichts desto weniger gab ihr die reine Mutterliebe die Kraft zu tiefsinnigen Gedanken, und was sie jetzt im Augenblicke dachte, und was sie schon früher, da sie dem unglücklichen Sohne das Versprechen von der Geheimhaltung seines Seeleuzustandes abnahm, gedacht hatte, das stimmt so sehr mit der genannten Maxime von La Rochefoucauld zusammen, wie zwei Meinungen nur jemals zusammen stimmen können. Die Gefahr abzuwenden, in welcher der Sohn sich befand, hatte sie vor der Hand kein Mittel gesehen. Ihm einrede», er habe geträumt, war wirkungslos, denn auch ein Traum von solcher Schreckgestalt war immer noch schlimm genug, und sie wußte, wie Raphael über Träume denke. Hatte er doch vor einigen Jahren, nachdem ein wilder Traum ihn einnial vom Lager aufgeschreckt, es sich nicht nehmen lassen, einen Fasttag des Traumes wegen zu halten. — Ihm aber einreden, das Gesicht, welches er gehabt, sei bedeutungslos und könne keine Gewalt über ihn und auf sein Leben keinen Einfluß haben, das ging noch weit weniger an. Wie hätte sie eine so tief wurzelnde Anschauung, die mit den zarten Fäden seiner Seele verknüpft war, plötzlich vernichten können! Dazu wäre vor zwanzig Jahren Zeit gewesen, als die geschwätzige Chaunah seine kindliche Phantasie mit ausschweifenden Bildern erfüllte; heute war es zu spät. In diesem Falle that sie, was der Arzt thut, wenn sein Patient mit einer fixen Idee behaftet ist; er geht auf dieselbe ein, um sie zu vertreiben. Ein glücklicher Instinkt aber sagte ihr, daß für den Zustand ihres Sohnes nichts gefährlicher sei, als wenn derselbe bekannt würde. Der Gedanke, daß er das Jahr nicht ausleben würde, könnte dadurch, daß er von Mund z» Mund getragen und überall gedankenvoll oder gedankenlos nachgesprochen würde, eine Art von Sanktion erhalten, man würde sich allgemein an denselben gewöhnen und ihn allmälig für eine ausgemachte, vom Geschick bestimmte und nachher unabänderliche Sachen halten. Ihr unglücklicher Sohn wäre dann nicht nur in seinen eigenen Augen, sondern in den Augen der ganzen Welt ein Mann des Todes; Jedermann würde sich bestreben, ihin sein Mitleid auszudrücken, Jeder würde ihn bedauern, daß er so jung diese schöne Welt nun werde verlassen müssen, überall würde er au sein Unglück erinnert werden, und es fiele schwer, daß er fortan auch nur eine ruhige Stunde genießen könnte. Viel erträglicher schien ihr das Unglück, wenn Niemand etwas davon erfährt. Ist es Gottes Rathschluß, sein unschuldiges Leben abzufordern, so vermag keine irdische Macht etwas dagegen auszurichten: hat aber der gütige Vater im Himmel es anders beschlossen, desto besser — so ist auch keine andere Hilfe nöthig. Dies war der Sinn ihres Verlangens, dies der Grund, weshalb sie ihm das Versprechen abnahm; nun, so war dies auch der Grund, daß sie über die gedrückte Stimmung, welche von der Tischgesellschaft an dem Sohne bemerkt wurde, den eigentlichen Aufschluß zu geben sich wohl hütete. Der Braut zu Ehren schickten die Leute, wie es in der Gasse Sitte ist, allerlei Geschenke. Weine, Bäckereien, Torten und Kücheln, Obstsorten und was das Herz begehrt, wurde gebracht der Braut zu Ehren, die sich hierüber nicht wenig freute, denn so was ist ihr ja in ihrem ganzen Leben noch nie passirt, daß ihr zu Ehren eine ganze Gemeinde sich in Aufmerksamkeiten allerlei Art erschöpfte. Sie stand oft vom Tische auf und half der guten Mutter, die Geschenke abnehmen, auch Channnh half und lud die Geber ein, des Nachmittags „zuzusprechen". Der Randar vermerkte es nicht gerade mit Wohlgefallen, daß der Bräutigam von aller dieser Herrlichkeit wenig gerührt schien, daß er theilnahmslos die Ehren-Geschenke betrachtete, die seiner Tochter eine so innige, ungekünstelte Freude bereiteten. Er machte indessen diese Bemerkung vorläufig nur im Stillen, ohne ein Wort darüber zu verlieren, um die Fröhlichkeit nicht zu störe» und den Druck, der auf diese wirkte, nicht zu vergrößern. Unglücklicherweise trug man nun Fische auf. Raphael hatte schon bei den andern Speisen keinen großen Appetit gezeigt; kein Wunder, denn er sah in jedem Bisten, den er zum Munde führte, den sichern Tod, mit jedem Bissen meinte er zu ersticken. Er bezwang sich; die Fische aber wagte er nicht anzurühren, denn es war für ihn eine ausgemachte Sache, daß er beim ersten Stücke gleich eine Gräte schlucken und augenblicklich sterben werde. Der Vater fragte, Channah drang, die Mutter entschuldigte, der Randar wunderte sich, und die Braut fühlte Mitleid. Nach dem Esten kamen die Leute, Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen; denn bei einem Brautpaare ist es üblich, daß auch ledige Leute beiderlei Geschlechts „schenken" und „zusprechen". Man aß und trank, scherzte und lachte, die Wogen der Fröhlichkeit gingen höher und höher — Raphael saß ruhig und theilnahmslos da — der Todesgedanke verlieb ihn nicht. Als er seine Braut, dieses geliebte Mädchen, im Stillen betrachtete, wie sie freundlich ist gegen Jedermann und ivie sie gegen Jedermann »nd wie sie auf jede Frage eine gute und treffende Antwort, auf jede Bemerkung eine richtige Gegenbemerkung in Bereitschaft habe, und wie mancher der anwesenden Jünglinge von dem Feuer ihres Auges getroffen das seinige verschämt senkte und ihn, den glücklichen Bräutigam, innerlich ein wenig beneiden mochte, da trat ihm sein Unglück in der vollen Größe vor die Seele. Wie glücklich könnte ich sein — dachte er bei sich — und wie unglücklich bin ich! Eine solche Braut zu haben, ein Mädchen, um das mich ein König beneiden könnte, geschaffen, die Tage des Daseins zu versüßen und diese Erde in ein goldenes Paradies zu verwandeln — und ich werde von ihr scheiden und sie verlassen, ehe ein Jahr um ist. Wie schön, wie herrlich träumte ich mir das Leben an ihrer Seite, wie golden malte ich mir die Zukunft im Verein mit ihr; wie würdig ist sie des Glückes, das ich ihr bereiten wollte, denn ich möchte sie ja auf diesen meinen Hände» durch das Leben tragen — aber es soll nicht sein, und sie werden mich hinaustragen auf den „guten Ort", ja, auf den guten Ort, und dort werden sie mich in die Grube hinuntersenken, werden Erde über mich schütten, lind mir

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