Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- Seite 524 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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524 seiner irdischen Erscheinungen zu sammeln, ein höchst genialer Weg war, eine Anzahl von Geschichten zu kombiniren, und so sollen die 550 Jätakas nahezu 2000 Geschichten enthalten, weshalb es denn nicht überraschend ist, daß manche Folkloristen alle Volksmärchen auf die Jätakas zurückzufiihren suche». Unter diesen giebt es eine, die uns darum interessirt, weil sie eine genaue Analogie des Urtheils Salomo's enthält mit Buddha als Salomo und einer Rakshä, d. i. einem weiblichen Dämon als der falschen Mutter. Nun halte ich es nicht für unmöglich, daß die Geschichte durch Salomos Schiffe »ach Ophir gekommen ist, und so wäre es denn das erste Beispiel der Verbreitung der Volksmärchen durch Jude», daß eine Erzählung der Bibel ein Theil der Buddhalegeude geworden ist. Andererseis müssen wir, wenn wir die Erklärung Räb's vernehmen, die falsche Mutter müsse ein verkappter Dämon gewesen sein, auf die Vermuthung kommen, die indische Geschichte sei auf irgend einem Wege nach Babylonien gesickert und habe den talmudischen Lehrer beeinflußt. Durch ein sonderbares Schicksal ist diese Geschichte aus der englischen Uebersetznng einer singalesischen Wiedergabe aus dem Päli vor zehn Jahren ins Hebräische übersetzt worden und kann in Jellineks Beth Haimdrasch Band VI. gefunden werden. Die Jätakas galten als so heilig, daß manche rings um die Bnddhaaltäre eingemeißelt wurden, eine Thatsache, die für unsere zukünftige Untersuchung nicht ohne Bedeutung ist. Einige von ihnen aus Amaravati können auf den Wänden des großen Treppenhauses des britischen Museums gesehen werden. Und manche der Geschichten können in „Kalila w’Dimna“ »achgewiesen werden und müssen im indischen Original gestanden haben, welches wahrscheinlich „Karataka und Damanäka" hieß. Und da sie aller Verbindung mit Buddha entbehren, so muß unser Buch verfaßt worden sein, als der Buddhismus in Indien im Schtvinden war, also ungefähr um 300 n. Ehr., und : war in brahmanischen Kreise», welche den weisen Bidpai an Stelle! de" v'cki-'en Buddha setzen. Unglücklicher Weise ist das indische Ori-! ■ii: ' "!>■ spätere» Ans; g n cr.M'l'cu. u.i V"-: oder dem Funiouch, worin von miprüugnH dreizehn Büchern blos fünf enthalten sind, oder in Hitopadäsa, wo , von jenen nur vier enthalten sind. In dem Augenblicke, >vo die Geschichten auf ihren Reisen von der indischen Halbinsel ausgehen, beginnt ihr jüdisches Interesse. Die gewöhnliche Darstellung, die in den meisten Uebersetzungen des Buches gegeben wird, ist die, daß sie zuerst im Aufträge Kosru Nurshirvans (Chosroes des Großen) um das Jahr ,550 n. Ehr. ins Pehlevi oder Altpersische übersetzt wurden. Gleichwohl, wenn wir Halevy glauben sollen, begegnet uns der Name „Kalila w’Dimna“ im Talmud im Munde Raba's, der unter dem Sassanidcn Sapor II. blühte, ungefähr 350 n. Ehr., d. h. 200 Jahre vor dem gewöhnlich angenommenen Datum. In einer im babylonischen Talmud (Sanhedrin 740) enthaltenen Diskussion wird die Frage aufgeworfen, in wiefern ein Jude nach dem Gesetze mit dem Ceremoniell des Götzendienstes etwas zu thun haben dürfe. Raba stellt nun den allgemeinen Grundsatz auf, daß ein Jude für seinen zufälligen Zusammenhang mit götzendienerischen Ceremonien kein Martyrium zu leiden brauche. Denn, so führt er fort, wie könnten wir, wenn dem so wäre, ipnanj 'pnp Feuer geben, wie es in den Ausgaben heißt, oder 'p21v11 'pllp in de» Mss von Karlsruhe und München oder wie Halevy emendiren will ’pittli •>p~|”rp, welches den Namen Karataka und Damanka des ursprünglichen Sanscrit nähe genug kommt. Aber welchen Sinn können wir in dem Satze finden, wenn wir diese Verbesserung annehmen? Die jüdische Ueberlieferung bringt diese Worte mit gewissen Brenneisen bei Opferungen in Verbindung, welche Halevy wiederum mit unserem Geschichtsbuche durch die folgenden Glieder verknüpft. Karataka und Damanka sind die Namen zweier Schakale, welche im ersten Kapitel des Buches auftreten. Nach Halevy hätten die Juden die Bekenner der zoroastrischen Religion Schakale genannt, welche so viel bedeuten wie Feuerfänger, und dann auf Feuerhunde und Brenneisen angewendet wurden. Alles dies ist sehr geistreich — Halevy ist immer geistreich — aber es ist nicht sehr überzeugend, und ich fürchte, ich muß hinzufügen, daß Halevy im Allgemeinen nicht überzeugend ist. Die Thatsache des Datums ist in diesem Falle für ihn bedeutungslos. Räva lebte um 350 n. Ehr. und die persische Ueberlieferung sowie die Texte des Buches selber setzen den Eingang desselben nach Persien unter Chosroes auf das Jahr 550 n. Ehr. Der große persische Epiker Firdüsi hält das Ereigniß für so wichtig, daß er eine Anzahl seiner kostbaren Verse dem Gegenstände widmet, in seinen poetischen Annalen Persiens, wo er auf die Regierung des Kosru Nurshirvan zu sprechen kommt. Wir müssen daher Halevys Einfälle verwerfen und 'plZQNl 'pllp als unbekannte Größen stehen lassen, bis Darmestetter oder ein anderer Zendist das Räthsel für uns löst. Denn auch der Vorschlag Dr. Jastrows hat nichts Ueberzeugendes, dahinter Korruptionen der griechischen und lateinischen Worte für den Sonntag Kuriake und Dominica zu suchen. «Schluß folgt.) 9 Charlotte von Schiller über Iudentaufen. In der kürzlich erschienenen zweiten Lieferung der interessanten Publikation von Carl Schmidt über Schillers Sohn Ernst (Paderborn 1893), finden sich merkwürdige Notizen über die bisher unbekannte Thatsache, daß der genannte Sohn Schillers zweimal die Absicht hatte, sich mit einer Jüdin zu vermählen. Der erste Fall gehört ins Jahr 1817, der zweite ins Jahr 1820. Jener betrifft eine Jknenserin. dieser eine Dame aus Köln. Die Namen sind uns nicht erhalte i. und wenn si. »ns auch erhalte» wären, so würde es kaum die Aufgabe des Litierarhistorikers sein, bei ihrer Nennung zu verweilen. Auch darf es nicht wundern, daß die Mutter Charlotte v. Schiller, in Adelsvorrirtheilen erzogen und in den Anschauungen ihrer Zeit befangen, eine solche Verbindung als ihres Sohnes nicht würdig, ja geradezu als Verunglimpfung des Namens, den ihr Sohn trug, betrachtete. Es ist dabei leicht begreiflich, daß sie ungern sah, daß ihr Sohn in so jungen Jahren sich fesselte, und froh war, als die leichte Entzündlichkeit ihres Sohnes ebenso leicht erlosch, wie sie entfacht war. Das Einzige, was uns bei diesem merkwürdigen Zufalle interessirt, ist eine Aeußerung, die sie in dem Briefe vom 1. Juli 1818 an ihren Sohn braucht. Nachdem sie die ziemlich glänzenden Verhältnisse des Mädchens berührt und das Aeußere der von ihr nicht gewünschten Schwiegertochter einer strengen Kritik unterzogen hat, schreibt sie: „Eine Frau, die ihrem Glauben entsagen kann, wenn ein Christ sich findet, möchte in jeder Religion schlechte Fortschritte machen. Wenn sie nicht mit Ueberzeuguug der Religion angehört, die sie ergreift, so ist ihr Herz nicht gemacht, die Menschen, die sie sich zur Pflicht auflegt, zu lieben, glücklich zu mache». Nur die innere Ueberzeuguug, die der Glaube an das Höhere giebt, ist mit dem Glück des Lebens unzertrennlich. Und dieser kommt nicht von außen. Was kein Ohr vernahm. Was kein Auge sah — Es ist dennoch das Gute, das Wahre. Dieses Gefühl für Wahres und Großes ziemt sich zu ehren." L. G. 9