Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- Seite 522 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Ei» Sa»« durch die Räume der Anstalt gicbt eine» Begriff von der Liebe und Sorgfalt, mit der die Zöglinge gehegt und gepflegt werden. Ter Bau ist seiner Bestimmung eng angepaßt und zeugt in seinen einzelnsten Theilcn von einer Zweckmäßigkeit, Beguemlichkeit, peinliche», blitzblanken Sauberkeit, die kaum noch gesteigert werden könnte. Eine sehr angenehme Zugabe bildet der kleine, aber mit den anstoßenden Gärten recht stattlich aussehende Park, der den Zöglingen eine angenehme Erholungs- und Tummelstätte in der freien Zeit bietet. Freilich, die Lage in dem gartenreichen Weißensee läßt wohl den Wunsch anfsteigen, auch gärtnerische und Landarbeiten in den Bereich der praktischen Arbeit aufzunehmen. Einmal, weil keine andere von so gesundheitsförderndem Einflüsse und wohlthuender Wirkung auf die j Leibescntwickelung ist, und zweitens, weil später bei der Wahl des Berufes ihnen ein rms Juden bisher verschlossenes Gebiet menschlicher Thütigkeit eröffnet würde, die, nicht allzu schwer und anstrengend, Körper und Geist in gleicher Weise fröhlich gedeihen läßt. Die ausgebildeten Taubstummen sind jedenfalls keine normalen Geschöpfe, auch wenn die Kunst noch so viel nachgeholfen hat. Als solche können sie den wirthschaftlichen Kümpfen, die der moderne Mensch im Schweiße seines Angesichts zu führen hat, nicht voll gewachsen sein. Schon darum sollte hier Lust und Liebe zu solch' leichten Erwerbs-! ziveigen, wie Gartenarbeiten es sind, den Zöglingen ins Herz gepflanzt! werden. Mit platonischen Rede» im Klassenzimmer kann eine richtige Wirkung, nämlich warme Hinneigung zu Landarbeiten, nicht erzielt werden. Da muß Spaten lind Hacke selbst in die Hand genommen und im Erdreich emsig gewühlt werden. Die Gemüsegärten, die sich längs der Anstalt in weiten Alleen hinziehen, sollten zu gleich löblichem | Thun anspornen. Die Sache ist zu lvichtig, um hier übergangen zu! iverden. Sie ist in praktischer Bedeutung wohl ebenso wichtig als! die Uebnugen zur Handfertigkeit. Es kommt ja nicht blos auf die Erziehung und Versorgung in der Jugend an, sondern die Taubstuinmen sollen zu einem Grade bürgerlicher Selbstständigkeit befähigt werden, der ihr Fortkommen im Leben, ohne auf Anderer Hilfe angewiesen zu sein, zu sichern im; Stande ist! Wenn es irach dem Herzen des Leiters jener Anstalt! ginge, wären solche Wünsche mit gewiß guten Erfolgen bereits erlvogen worden. Allein die vorhandenen Mittel werden wohl der Verwirklichung dieser Wünsche ein energisches Halt zurufen. Das Können hält nicht gleichen Schritt mit dem Wollen; umsomehr muß es als gute Pflicht der Publizistik gelten, auf solche Mängel und deren Beseitigung hinzrnveisen. Sie wird sicher in den maßgebenden Kreisen inniges Vcr-! ständniß wecken, so daß das steigende Interesse wohlthätiger Männer der Anstalt eine Erweiterung ihrer Einrichtungen und Ziele gestatten wird. Die Anstalt hat jetzt eine weitere Sprosse auf dem Wege nach Oben erstiege», indem ihr die Rechte einer juristischen Person Allerhöchsterseits verliehen wurden. Die Geschichte der Anstalt ist mit dem Lebensgange ihres Begründers und Leiters eng verknüpft. Die einzelnen Phasen der Entwickelung des Instituts zeigen das hingebungsvolle Streben und Wirken eines von seinen Idealen ganz erfüllten Mannes, der sein ganzes Leben an die Verwirklichung des ihn beherrschenden menschenfreundlichen Gedankens setzte. Was die Anstalt geworden, ist sie durch die Thatfreudigkeit und Schaffenskraft dieses Mannes geworden. Wie viel Mühe und Arbeit muß es einen Lehrer gekostet haben, eine so große Idee ans der Welt der blassen Vorstellungen zu Gestalt und Leben gewinnenden! Dasein zu führen. Vor nunmehr zwanzig Jahren — im Januar wird das zwanzigste Stiftungsfest begangen — wurden die ersten Umriffe des Plaues sichtbar, der zu herrlicher Vollendung in dem Anstaltsgebäude zu Weißensee gediehen ist. Die Fundamente liegen tief genug, aber die Zinnen des humanen Werkes sind noch nicht hoch genug geführt, der Anstalt sind noch mannigfache Aufgaben gestellt, denen sie noch nicht gerecht werden konnte. Nur ein geringer Bcuchtheil sämmtlicher jüdischer Taubstummen Deutschlands hat bis jetzt Unterkunft in dem Institute findeist können; ein weit größerer harrt noch der Wohlthaten, die diese herrliche Einrichtung jenen Unglücklichen gewährt. Bei dem Bau der Anstaltsräume ist in weiser Voraussicht auf eine Verstärkung des inneren Betriebes, auf ein Wachsen des Wirkungskreises Bedacht genommen worden, und der äußere Zuschnitt hindert durchaus nicht, daß sofort noch einmal so viel Zöglinge an den Segnungen des Instituts theilnehmen. Es kann nicht fehlen, daß einem gemeinnützigen Unternehmen solcher Art das Interesse weitester Kreise derart zugewendet »vird, daß es seiner Bestimmung in immer erhöhtem Maße dienen und den Samen des Guten immer reichlicher ausstreuen kann. Me Volksmärchen und ihre Verbreitung durch die Juden. Vorgetragen im litterarischen Verein des „Isevs College“ von Josef Jacobs in London. (Fortsetzung.) Kapitel Sieben. Und dies ist das Kapitel vom Nazariten. Der König sprach zum Philosophen: „Ich habe Alles, was du mir sagtest, vernommen, wie die Dinge verloren sind, wenn ihr Eigenthümer sie nicht zu wahren versteht, und jetze erzähle mir, ich bitte dich, von dem, der eilfertig ist in seinen Handlungen, über dieselben nicht nachdeukt, ihre Wirkungen nicht vorhersieht, und erzähle mir eine Geschichte davon." Darauf sprach der weise Sendabar: „Jeder, der so handelt, wie du sagst, und die Folgen nicht vorhersieht, fehlt in seinem Thun und bereut es zu spät, und es ergeht ihm, wie es dem Nazariten erging, der den Hund tödtete, der nichts Arges gethan, weil er die Sache nicht geprüft hatte und nichts davon ivußte." Und der König sprach: „Wie war das?" Der Weise erwiederte: „Einst vor Zeiten war eine Stadt auf einer Insel im Meere und in ihr lebten viel gute, rechtschaffene Männer, darunter ein Nazarite, gut und gottesfürchtig, und sein Weib war kinderlos. Nach manchem Jahr brachte sie endlich ihm die Verheißung, ein Kind zu gebären, worüber der Nazarite sich freute und zu ihr sagte: „Freue dich und sei heiter, denn du wirst einen Sohn gebären, der unsere Seelen erfreuen und unsere Herzen vergnügen »vird, und ich »vill ihm einen Glück verheißenden Namen geben und eine gute Erziehung, und Gott »vird meiueu Namen durch ihn erheben und er wird meinem Andenken nach meinen! Tode Dauer leihen." Die Frau erwiederte: „Ach, sprich nicht Etwas, wovon du nichts »veißt und >vas dir nicht zukommt. Wie kannst du denn wissen, daß Alles gut ablaufen, ob cs ein Knabe oder ein Mädchen, ob es leben und ob sein Charakter und seine Führung gut sein wird? Laß solche Dinge und vertraue auf Gott, der dir geben wird nach seinem Willen. Denn ein denkender Mensch spricht von Dingen nicht, die er nicht »veiß und urtheilt über die Handlungen Gottes nicht vorher. Gar viele Gedanken leben in des Menschen Herzen, doch ist es der Rath des Herrn, der bestehen wird (Spr. 19, 21). Tenn dem, der vorher redet wie du, ergeht es, >vie