Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- Seite 520 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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520 giöses Gefühl wird endlich der letzte Rest von religiösem Jndifferentismus schwinden. Die rege Theilnahme der zur Hampstead-Synagoge gehörenden Mitglieder, die Thätigkeit und Umsicht ihres Predigers, des Herrn 9(. A. Green, wie auch der außerordentliche Eifer der Vorsteher der Hampstead-Synagoge, der Herren F. I. Lyons und H. Bentwitsch, erwirken, daß die Religionsklasien bestehen und die Kinder zu sittlich religiösen Israeliten und Israelitinnen heranwachsen, zu guten Bürgern und Bürgerinnen des Staates und zu nützliche» Gliedern der Gesellschaft erzogen werden. U Oscar S. Straus. Ei» biographische Skizze von Dr. M. Kapserling Ein Mann, welcher als Jurist und Diplomat sich hoher Anerkennung erfreut, der Chef eines großen Handelshauses ist und dabei mit Eifer nüsseuschaftliche» Siudium obliegt, auch als Schriftsteller thütig ist, ein solcher Mann gehört in unserer Zeit zu den seltenen Erscheinungen. Diese Eigenschaften finden sich vereinigt in einem Manne, dessen Name gegenwärtig viel genannt wird, in Oscar S. Straus, der, ein treuer Sohn seiner Religionsgenossenschaft wie seines großen freien Vaterlandes, früher Gesandter der nordamerikanischen Vereinigten Staaten in Konstantinopel war und neben vielen anderen Ehrenstellen der erste Präsident der amerikanischjüdisch-historischen Gesellschaft ist. Eine Biographie dieses Mannes wird de» Lesern dieser Blättern gewiß willkommen sein. Oscar S. Straus ist von Geburt ein Deutscher. Er war fast noch ein Kind, als seine Eltern nach Amerika auswanderten; sie siedelten sich in Talbotton, Georgia, an, wohnten einige Jahre in Kolumbus und ließen sich im Jahre 1865 in New-Hork nieder. Hier gründete sein Vater ein großes Importgeschäft in Porzellan- und Glaswaaren, Uhren und Bronzen, das Faktoreien und Werkstätten in London, Paris, Limoges, Karlsbad, Rudolstadt und andere» Städten hat und unter der Firma „Lazarus Straus und Söhne" heute einen Weltruf genießt. Im Alter von sechzehn Jahren trat Oscar im Jahre 1867 in das Columbia College in New-Pork ein und bezog dann, nachdem er mit Auszeichnung maturirt hatte, die Columbia-Universität, um Jura zu stndiren. Im Jahre 1873 eröffnete der junge Rechtsanwalt im Vereine mit Simon Stern, dem bekannten Verfasser des „Constitutionei History and political development in the United States“, und mit Daniel G. Thompson, einem der bedeutendsten philosophischen Schriftsteller Ainerikas, in New-Iork eine Advokaturs- Kanzlei, welche sich rasch eine ausgedehnte Praxis erwarb, ans der er jedoch ans Gesundheitsrücksichten wieder schied, um im Jahre 1881 in das Geschäft seines Vaters eiuzutreten. Bei seinem außerordentlichen Fleiße und seiner großen Umsicht wurde er in kurzer Zeit die leitende Hand des ausgedehnten Etablissements; alle einlanfenden Briese wurden von ihm selbst gelesen und die Antlvorten aller wichtigeren von ihm diktirt. Und trotz der anstrengenden Arbeit, welche ihn von Morgens nenn Uhr bis Abends sechs Uhr ganz in Anspruch nimmt, findet er »och Muße, sich mit der Wissenschaft und mit litterarischen Arbeiten zu beschäftigen; er ist Tags über Kaufmann, Fabrikant und Nachts Gelehrter. Mit Vorliebe liest und studirt er historische Werke und vornehmlich solche, welche sich auf Amerika beziehen. Da er aus Mangel au Zeit öffentliche Bibliotheken nicht besuchen kann, so kauft er und läßt alle die Werke für sich ankaufen, welche ihm für seine Studien wichtig sind; er besitzt in der That eine reichhaltige Bibliothek, welche auch werthvolle Handschriften und seltene Americana umfaßt. Seine historischen Studien führten ihn alsbald zu eigenen litterarischen Arbeiten, welche er in verschiedenen amerikanischen Zeitschriften und in der „Westminster Review" veröffentlichte. Im Jahre 1885 erschien, „dem Andenken seiner geliebten Mutter gewidmet", sein erstes größeres Werk, „der Ursprung der republikanischen Form der Regierung in den Vereinigten Staaten Amerikas",') das durch die umfassende» Studien, auf denen es beruht, sowie durch die Neuheit der Gedanken und die Schärfe der Logik allgemeine Belvunderung erregte, in kurzer Zeit drei Auflagen erlebte, und das der berühmte belgische Nationalökonom Emil de Laveleye für wichtig genug hielt, um deren von Frau A. Convreur besorgten französischen Uebersetzung eine umfangreiche Vorrede beizngeben. Der Kaufmann und Gelehrte nahm auch jederzeit ein lebhaftes Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten seines Vaterlandes. Bei der großen Bewegung, welche die New-Iorker Kaufleute zu Gunsten der Wahl Clevelands zum Präsidenten der Union in Scene setzten, fungirte er als Sekretär des Exekutiv-Ausschusses und ein wesentlicher Theil des Erfolges wurde ihm zngeschrieben. Nachdem die Wahl Clevelauds vollzogen lvar, zog sich Straus bescheiden zurück, aber seine Freunde, welche ihn wegen seines Charakters und seiner Tüchtigkeit verehrten, und Cleveland selbst, der seinen Werth zu würdigen wußte, drangen in ihn, sich dem öffentlichen Leben nicht zu entziehen. Ohne es zu wünschen und zu wollen, wurde er von den einflußreichsten Männern des Landes dem Präsidenten für den hohen Posten eines amerikanischen Gesandten bei der Pforte vorgeschlagen und dringend empfohlen. Unter Anderen geschah dieses auch von dem gefeiertste» amerikanischen Redner, dein Geistlichen Henry Ward Beecher, der kurz vor seinem Tode folgendes charakteristisches Empfehlungsschreiben an Cleveland richtete: „Einige der besten Bürger interessiren sich für die Ernennung des Herrn Oscar Straus zum Gesandten in der Türkei. Was seine Befähigung betrifft, so stimmen Alle überein, daß er sowohl wegen seiner Persönlichkeit als wegen seiner glänzenden Fähigkeiten vorzüglich für diesen Posten geeignet ist. Mich aber interessirt noch ein anderer Umstand, nämlich der, daß er ein Jude ist. Das bittere Vorurtheil gegen die Juden, ivelches in vielen Theilen Europas herrscht, sollte in Amerika keine Billigung finden. Gerade weil er Jude ist, darum möchte ich auf seine Ernennung dringen, als eine passende Anerkennung dieser merkwürdigen Volksklasse, welche so viel zum Gedeihen Amerikas beiträgt, und deren Intelligenz, Moralität und bei allen die Wohlfahrt der bürgerlichen Gesellschaft betreffenden Gelegenheiten gezeigte große Liberalität verdientermaßen von den Häuptern unserer Regierung eine derartige Anerkennung empfangen sollten . . . Warum sollten wir nicht ein krönendes Zeugniß dem Geiste unseres Volkes geben, indem wir einen Hebräer nach der Türkei senden? Die Unwissenheit und der Aberglaube des mittelalterlichen Europa mag wohl die Vorurtheile jener finstern Zeit erklären, wie aber ein Christ in unseren Tagen sich von einem Juden abwenden kann, ist mir ganz unbegreiflich. Das Christenthum ist selbst am Busen des Judenthums genährt worden, unsere Wurzeln sind im Alten Testament. Wir selbst sind Juden, welche zur Blüthe und Frucht gereift sind. Das Christenthum ist Judenthum in Evolution, und es wäre für die Saat sonderbar, sich gegen den Halin zu wenden, auf dem sie gewachsen." Zur großen Freude seiner zahlreichen Verehrer wurde Straus zum Gesandten ernannt. Von Osman Ghazi Pascha, dem Ver- *) The origin of republican form of government in the United States of America. (New-York and London, Putman’s sons.)