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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-11-03 · Heft 44 (3.11.1893) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
Seite 519 (sequence 5)
Language
German
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Der heutige einseitige Kampf der Antisemiten müsse erfolglos sei», weil die Ausbeutung der Menschen keine speziell jüdische, sondern eine der bürgerlichen Gesellschaft eigenthümliche Erwerbsform sei, die erst mit dem Untergang der bürgerlichen Gesellschaft endigt. Die Antisemiten würden niemals einen maßgebenden Einfluß ans die Gesetzgebung erlangen; wenn letzteres geschehe, würden sie nur für einen reaktionären Staat eintreten. Das Antisemiten - Programm sei ein wunderbares „mixtum compositum“. Eine von Bebel vorgeschlagene Resolution wurde einstimmig angenommen, auch wurde beschlossen, die Bebel'sche Rede im Druck erscheinen zu lassen. Die Resolution lautet: „Der Antisemitismus entspringt der Mißstimmung gewisser bürgerlicher Schichten, die sich durch kapitalistische Entwickelung bedrückt finden und zum Theil durch diese Entwickelung dem wirthschaftlichen Untergang geweiht sind, aber in Verkennung der eigentlichen Ursache ihrer Lage den Kampf nicht gegen das kapitalistische Wirthschaftssystem, sondern gegen eine in demselben hervortretende Erscheinung richten, Die ihnen im Konkurrenzkämpfe besonders unbequem wird, gegen das jüdische Ansbenterthum. Dieser sein Ursprung zwingt den Antisemitismus zu Forderungen, die ebenso mit den wirthschaftlichen wie politischen Enlwickelungsgesetze» der bürgerlichen Gesellschaft in Widerspruch stehe», also fortschrittsfeindlich sind. Daher auch die Unterstützung, die der Antisemitismus vorzugsweise bei Junkern und Pfaffen findet. Der einseitige Kampf des Antisemitismus gegen das jüdische Ausbenterthnm muß nothwendig erfolglos sein, weil die Ausbeutung der Menschen durch den Menschen keine speziell jüdische, sondern eine der bürgerlichen Gesellschaft eigenthümliche Erwerbsform ist, die erst mit dem Untergang der bürgerlichen Gesellschaft endigt. Da nun die Sozialdemokratie der entschiedene Feind des Kapitalismus ist, einerlei ob Juden oder Christen seine Träger sind, und da sie das Ziel hat, die bürgerliche Gesellschaft zu beseitigen, indem sie die Umwandlung derselben in die sozialistische Gesellschaft herbeiführt, wodurch aller Herrschaft der Menschen über die Menschen ein Ende bereitet wird, bekämpft die Sozialdemokratie den Antisemitismus als eine gegen die natürliche Entwickelung der Gesellschaft gerichtete Bewegung." d Brief aus England. Von M. Diman. Die Juden genieße» in England, wie allgemein bekannt ist, volle Bürger- und Staatsrechte. Sie sind in Schul- und Lehrämtern vertreten und dienen im Civil- und im Staatsdienst als Subalternnnd höhere Beamte. Im Heere sind sie als brave Kauteraden geschätzt und geachtet. Das Avancement steht ihnen ebenso wie den christlichen Soldaten offen. Auch im Parlament nehmen sie eine ziemlich hervorragende Stellung ein. Und sie sind wie alle anderen Briten mit wahrem patriotischen Gefühl für das große und mächtige Reich beseelt; sie suchen in allen ihren öffentlichen Leistungen in der tüchtigsten Weise sich anszuzeichnen. Hier in England herrscht kein Rassenhaß und ist kein religiöser Fanatismus vorhanden. Juden und Christen sind gemeinsam bestrebt, ihr Scherflein für die Größe und das Wohl des Vaterlandes beizutragen. Und wo Juden nicht gedrückt, sondern frei sind, da gehen sie auch nicht so leicht von dem Glauben ihrer Väter ab. Daher finden sich hier in England sehr selten Konvertiten. Die englischen Juden der Gegenwart können sehr gut als Muster für alle andern gelten. Es herrscht hier nämlich ein reger Geist, ein warmes Streben und eine reiche Fürsorge bei den jüdischen Eltern, ihre Kinder in der Religion ihrer Väter zu unterrichten. Die Zukunft des Judcnthnms hängt ja hauptsächlich von der guten und religiösen Erziehung unserer Kinder ab. Indem wir uns bemühen, sie in die uns überlieferten Religionslehren einznweihen, stählen wir ihr Herz und ihren Charakter so, daß sie getrost allen Gefahren trotzen können. Glück und Unglück wechseln sehr oft und sehr schnell im menschlichen Leben. Wo heute große Freude geherrscht hat, da tritt gar plötzlich tiefer Schnterz ein. Schwer, sehr schwer findet sich dann der nöthige Balsam, um das schwache Herz vor Erschütterungen zu bewahren und dem Zusammenbrcchen durch die heilende und tröstende Kraft der Religion vorzubeugen. Dies zu erreichen, ist aber keine so schwere Aufgabe, wenn nur der gute Wille da ist. Hiev in London sind Rabbiner und Prediger, Männer und Frauen bemüht, die Sache der Religio» zu fördern und zu unterstützen. Wahrlich, zu diesem Bau sollte auch jeder Einzelne, ob arm oder reich, seinen Theil beitragen, auch nicht der Geringste sollte dabei fehlen oder zurückstehen wollen. In London ist daher mit Recht in der religiösen Erziehung der Kinder und der Jugend ein großer Fortschritt erzielt. So z. B. sind seit zwei Jahren an der Hampstead-Synagoge Religionsklassen (Hebrew and Religion Classes) errichtet, die von dem Herrn Prediger A. A. Green, wie auch von einigen Damen und Herren und einem Komitee freiwillig unterstützt und geleitet werden. In jedem Jahre finden Examina statt. Bald nach dein Examen werden Preise für die Fleißigen in öffentlicher Versammlung unter Vorsitz eines Präsidenten vertheilt. So fand im vorigen Jahre an einem Sonntage, am 23. Oktober 1892, unweit der Hampstead-Synagoge zu West-Hampstead Town Hall eine öffentliche Preisvertheilung') an fleißige Schüler und Schülerinnen der Religivnsklassen statt. An der Spitze des vorjährigen Präsidiums stand Herr Alfred Louis Cohen. Die Preise bestanden aus schöne», nützlichen und werlhvollen Büchern in Prachteinbünden, die an zwanzig Kinder von dem anwesenden Fräulein Cohen vertheilt wurden. Außerdem wurden von dem Prediger A. dl. Green und einige» anwesenden Herren mehrere Reden und Ansprachen gehalten, worin unter Anderem die hohe Ausgabe des Religionsunterrichts für Kinder hervorgehoben wurde. Hauptsächlich über die Wichtigkeit des Unterrichts im Hebräischen, sowie über die Geschichtskenntniß unseres Volkes sprach der Präsident A. L. Cohen. Auch in diesem Jahre erfolgte eine Einladung an sännntliche Mitglieder der Hampstead-Synagoge, sowie an viele auswärtige Gäste. In diesen Tagen fand wiederum in derselben Town Hall eine öffentliche Versammlung von zahlreich erschienenen Damen, Herren und Kindern statt. Auch Dr. Gaster ans der Reform-Synagoge, Berkely street, und De. Friedländer ans dent Hebrew College waren unter de» Geladenen. Diesmal führte den Vorsitz (chaic to be tasten) Herr Henry E. Beddington. Wie aus dein Examen hervorging, wurde im Religionsunterricht, in der Lehre des Hebräischen, in der jüdischen Gcschichtskunde, sowie in Bibelkunde seit diesem letzten Jahre ein großer Fortschritt erzielt. Lehrer, Elter» und Schüler können sich beglückwünschen. Die nächste Generation wird hier wohl verständlicher Weise den Gottesdienst besser würdigen und durch ihr starkes, relil) Public Distribution of Prizes.

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