Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Ar. 44. Allgemeine Berlin, 3. November 1893. ettung des Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, \ Postoder direkt von der Expedition in Berlin j unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M.! Redaeterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Uabbiner Dr. Ludwig Phitippson-Äonn. Verlags-Crpe-ition: Berlin, Zerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums-. Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel; Die Rabbinerwahlen. — Die Woche. — Brief aus England. Von M. Di in an. — Oscar S. Straus. Von Dr. M. Kahs erl ing. — Bei den Taubstummen in Weitzensee. Von Bernhard Traubenbera. — Die Volksmärchen und ihre Verbreitung durch die Juden. Von Josef Jacobs. -Forts.) — Charlotte von Schiller über Judentaufen. Von L. G. — Feuilleton: Ter Schatten. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) — Jüdisches Theater iu Galizien. Von Hermann Menkes. — Sprechsaal. Der Gemeindebole. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Elbing. Breslau. Mannheim Xanten. Wien. Prag. Warschau. Jerusalem. New- ))ork. Chicago. Johannisburg. — Von Nah und Fern. — Miseellen. > —. ........ —- Nie Nabbinrrivahlen. Berlin, 1. Rovemb-r. Verschiedene Vorkommnisse hoben in letzter Zeit die Aufmnksamkeii der betheiligten Kreise ans den allgemein üblichen Modus der Rabbinerwahl gelenkt, der von vornherein als ein durchaus unwürdiger bezeichnet werden muß. Man braucht nur an die alte Zeit zu denken, auf die wir so gern mitleidig lächelnd hercibsehen, um das Unpassende des gegenwärtigen Verfahrens alsbald zu erkennen. Wenn in früheren Zeiten eine jüdische Gemeinde einen Rabbiner aufnehmen wollte, so hielt sie zunächst unter den amtirenden Rabbinern ihrer Zeit Umschau, um denjenigen Mann herauszufinden, von welchem ne annehmen durste, daß er sich für ihre Verhältnisse eignen und Durch ihre Wahl geehrt fühlen würde. An diesen Mann wurden dann Abgesandte (Meschnllachim) entsendet, um ihn in seiner Wirksamkeit kennen zu lernen, und mit ihm zu unterhandeln. War dieses geordnet, so wurde der Mann zum Rabbiner der Gemeinde berufen. Das war ein Verfahren, welches die Gemeinde ebenso lote den Rabbiner ehrte. Wie ganz anders in unseren Tagen! Wir bilden uns ein, feinfühliger zu sein als unsere Alte», wir glauben, bessere Uingangsformen zu besitzen als sie, aber der Modus, nach welchem wir die geistlichen Ziihrer unserer Gemeinde wählen, zeigt gerade nicht dafür. Wenn eine Gemeinde, groß oder klein, heute einen Rabbiner wählen will, so wird dabei folgendes Verfahren eingeschlagen. Zunächst wird die Stelle sehr umständlich ausgeschrieben; das >st der erste Akt des Dramas. Die geradezu kolossalen Anforderungen, ne die Gemeinde Tripstrill genau so wie Berlin und Frankfurt a. M. iellen, stehen in einem wahrhaft lächerlichen Verhältniß zu den Eiuliinften einer solchen Stellung. Und nun beginnt das Wettlaufen Der Kandidaten, von denen selbstverständlich die Majorität eine chmerzliche Enttäuschung erleben muß. So wandern die Zeugnisse mancher Rabbiner von Ort zu Ort, von Stelle zu Stelle. Die vlemeinde aber hat nun die Qual „der engern Wahl" unter den Kandidaten, die sie der Reihe nach zu Probepredigten einladet. Damit beginnt der zweite Theil des Dramas. Da in dein Ausschreiben gewöhnlich feierlich versichert wird, „daß nur dem Gewählten die Reisekosten vergütet werden", so komint es dem verehrlichen Vorstand gar nicht darauf a», soviel Kandidaten wie möglich zu berufen; das ist ja immerhin eine angenehme Abwechselung für die Sabbath- Vormittage. Mit diesem zweiten Akt des Wahldramas beginnt freilich schon die Katastrophe für unser» Kandidaten. Die Sache kommt in die Oeffentlichkeit, und nun erfährt seine eigene Gemeinde, daß er sich um eine andere Stelle beworben habe, was ihr natürlich nicht sonderlich viel Vergnügen macht und den Gegnern des Rabbiners Gelegenheit zu neuen Wühlereien giebt, während dieselbe! Gemeinde durch eine Berufung ihres Rabbiners auf eine bessere 5lr!>e sich selbst gehoben und aeehri Hin wu o . Der Dritte All, die Prvbepred'gl UM. st tu», allen. Der Vergleich mit dem Schauspiel, der Gastrolle, dem Debüt liegt gar zu nahe, als daß man sich demselben entziehen könnte. Und wie wenig kann eine solche Probepredigt über die Bedeutung eines Mannes entscheiden. Von wie vielen Aenßerlichkeiten hängt ihr Gelinget ab! Und wo giebt es einen Prediger, der nicht wenigstens einmal eine gute Predigt halten könnte. Aber auch die Probepredigt entscheidet nicht immer Uber die Bedeutung eines Mannes und die Wahl des Rabbiners, denn verschiede» sind die Urtheile über dieselben. Kritik und Antikritik wogen hin und her, die Partcileidenschaften werden entfesselt, Interessen, die mit der Sache selbst gar nichts zu thun habe», kommen mit ins Spiel — kurz, es entwickelt sich eine regelrechte Jntrigue, wie sie für den vierten Akt eines Drainas nothwendig ist. Und nun schließt naturgemäß der fünfte Akt das Drama ab. Dieser fünfte Akt spielt tu der Gemeindestnbe. Ta es sich um eine Schicksalstragödie handelt, so entscheidet in den meisten Fällen die Laune oder der Zufall. Und so schließt das Drama für alle Kandidaten als Tragödie und nur für einen einzigen Kandidaten als Lustspiel. Ist das nun, so fragen wir, ein ivürdiger Modus für die Wahl des Mannes, dem wir die Sorge für unsere religiöse» Angelegenheiten und für die Erziehung unserer Jugend anbertrauen wollen? Gewiß nicht, und darum möchten wir für den alten Modus der Berns u n g plaidiren, der für die Gemeinde wie für die Rabbiner vortheilhafter und ehrenvoller sich gestalten würde. Da - aber auf die Predigt in unserer Zeit ganz besonderes Gewicht gelegt wird, so würde sich vielleicht das folgende Verfahren empfehlen, das den alten mit dem neuen Modus in wirksamer Weise verbindet, das auch bereits wiederholt eingeschlagen worden unb oft zu günstigen Resultaten geführt hat. Nämlich dieses: der Vorstand prüft die eingegangenen Meldungen und trifft unter den ihm zusagenden Kandidaten die engere Wahl, deren Ergebniß nicht gerade in die