Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1893)
- Date
- 1893-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Misoellen. — Ein Glaubensbekenntniß. Aus dem Nachlasse des protestantischen Konsistorialraths und Professors David Schulz wird der „Breslauer Zeitung" das Manuskript eines Gedichtes zur Verfügung gestellt, das unter den jetzigen Umständen von Interesse sein dürfte. Dasselbe trägt die Ueberschrift „Mein Glaube" und lautet: Ich glaube, daß die schöne Welt regiere Ein hoher, weiser, nie begriffner Geist, Ich glaube, daß Anbetung ihm gebühre. Doch weiß ich nicht, wie man ihn würdig preist. Nicht glaub' ich, daß der Dogmen blinder Glaube Dem Höchsten würdige Verehrung sei: Er bildete ja das Geschöpf vom Staube, Von Jrrthum nicht und nicht von Fehlern frei. Drum glaub' ich nicht, daß vor dem Geist der Welten, Der schuf des Talnmd und des Alkoran Bekenner, weu'ger sie als Christen gelten: Verschieden zwar, doch Alle beten an. Ich glaube nicht, wenn wir vom Priester hören. Der Christen Glaube mache nur allein Uns selig, wenn die Finsterlinge lehren. Verdammt muß jeder Andersdenker sein. Das hat der Weise, der einst seine Lehre Mit seinem Tod besiegelt, nie gelehrt. Das hat fürwahr — dem Herrlichen sei Ehre! — Kein Jünger je aus seinem Mund gehört. Er lehrte Schonung, Sanftmuth, Duldung üben, Verfolgung war der hohen Lehre fern; Er lehrt' ohn' Unterschied die Menschen lieben. Verzieh dein Schwachen, jedem Feinde gern! Ich glaube an der Geister Auferstehen, Daß, ob dereinst das matte Auge bricht. Geläuterter wir dort uns Wiedersehen, Ich glaub' und hoff' es, doch ich weiß es nicht. Dort glaube ich, werd' ich die Sehnsucht stillen. Die hier das Herz oft foltert und verzehrt. Die Wahrheit, glaub' ich, werde sich enthüllen Dem Geiste dort, dem hier ein Schleier wehrt. Ich glaube, daß für dieses Erdenleben — Glaub's zuversichtlich, trotz der Deuter Zunft — Zwei schöne Güter mir der Herr gegeben. Das eine Herz, das andere heißt Vernunft. Die letzte lehrt mich prüfen und entscheiden. Was ich für Recht, für Pflicht erkennen soll: Laut schlägt das erste bei des Bruders Freuden, Nicht minder, wenn er leidet, warm und voll. So will ich denn mit regem Eifer üben. Was ich für Recht, was ich für Pflicht erkannt. Will brüderlich die Menschen alle lieben Am Belt, am Hudson und am Gangesstrand. Ihr Leid zu mildern und ihr Wohl zu mehren. Sei jederzeit mein heiligster Beruf, Durch Thaten glaub' ich würdig zu verehren Den hohen Geist, der mich, wie sie, erschuf. Und tret' ich einst dann atls des Grabes Tiefen Hin vor des Weltenrichters Angesicht, So wird er meine Thaten strenge prüfen. Doch meinen Glauben? nein, das glaub' ich nicht. * Jüdisch-deutsches Theater in Sofia. Man schreibt aus Sofia, 27. August: Hier wurde mir Gelegenheit zu Theil, eine jener „jüdischen Theatertruppen" kennen zu lernen, von welchen letzter Zeit wiederholt die Rede war, und über welche auch v. Heffe-Wartegg vor einiger Zeit in der „Franks. Ztg." berichtet hat. Seit einem Monate giebt hier die „israelitisch-amerikanische Truppe" des Herrn Finkelstein Vorstellungen, welche sich großen Zulaufes erfreuen und auch von einem Theile des nichtjüdischen Publikums ziemlich stark besucht werden. Die Bezeichnung „israelitisch-amerikanisch" ist allerdings nur mit Vorbehalt zu nehmen und wurde wohl der Reklame wegen gewählt, vielleicht wohl auch deshalb, weil zuerst in Amerika die Idee austauchte. Solcher Truppen von Bedeutung soll es blos zwei geben. In der That hat die Truppe Finkelsteins Jahre hindurch in amerikanischen Großstädten mit Erfolg gearbeitet, ehe sie nach Europa kam, wo sie in Deutschland, in Galizien, in Rumänien und nunmehr auch in Bulgarien auftrat. Sämmtliche Mitglieder der Gesellschaft sind rumänische Juden; ihre Bühnensprache ist der rumänische Dialekt des „Jüdisch-Deutschen", der weniger unangenehm klingt und dem Nichtjuden leichter verständlich ist, als z. B. der galizische. Diese eigenthümliche, besonders auf der Bühne seltsam anmuthende Sprechweise ist das Charakteristische ihrer Aufführungen, welche sonst in den Rahmen jeder andern Bühne sich einfügen lassen würden. Dem Repertoire nach sind die Stücke in drei Kategorien zu scheiden: Biblische Stücke; solche aus der jüdischen Geschichte; Uebertragungen moderner Operetten. Es muß bemerkt werden, daß diese Gesellschaft mehr aus Operetteudarstellern als aus Schauspielern besieht und selbst in den Stücken ernsteren Inhalts des Gesanges und der Musik nicht entbehren zu können glaubt. Als Beispiele ihres Repertoires seien genannt: „Joseph in Aegypten", „Samson Hagifor", „Sulamith", „König Kasimir und die schöne Esther", „Rabbi Kochba", „La Perichole“, „Die schöne Helene" u. a. m. So verschieden die Sujets auch sind, so ähneln die Stücke in Bezug auf Darstellung und Ausstattung doch einander auffällig. Einen ungetrübten Eindruck, der an das Künstlerische grenzt, l machen die biblischen Stücke. In diesen begreift man die sonst so abstoßende Sprache, und das Bewußtsein, daß Juden die Urgeschichte ihres Stammes zur Darstellung bringen, erhöht die Stimmung. Gewiß aber kann man es nur als eine Geschmacklosigkeit oder bestenfalls als einen tollen Spaß bezeichnen, wenn man die Götter Offenbachs in jüdischen! Jargon sich zanken oder vornehme Herren und Damen in jenen uns lächerlich klingenden Lauten ihre Liebe gestehen läßt. Daher mag es auch kommen, daß die gebildeten Juden diesen Darbietungen feindlich gegenüberstehen und keine Gelegenheit versäumen, sie als Geschmacksverirrung zu bezeichnen. Der Erfolg giebt indessen den eigenartigen Künstlern Recht. Finkelsteins Truppe besteht schon seit zehn Jahren, setzt sich aus denselben Mitgliedern zusammen, bereist die halbe Welt und findet überall ein Publikum — welcher wandernde Theaterdirektor sonst kann das von sich sagen? Es muß auch konstatirt werden, daß die Truppe in schauspielerisch-, technischer und musikalischer Beziehung, besonders was Präzision und Zusammenspiel betrifft, sehr Gutes leistet, was sich daraus erklärt, daß dieselben Mitglieder immer wieder ein und dasselbe Repertoire abspielen. Musikalischen Werth haben diese Stücke freilich nicht. Herr Finkelstein, Direktor, Regisseur, Kompositeur und Orchesterdirigent, nimmt seine Musik, wo er sie findet, z. B. ganze Sätze und Arien aus den bekanntesten italienischen Opern. Solcherart sind auch die biblischen Stücke vertont, und es macht natürlich einen eigenen Eindruck, in dem Liebesduett zwischen Samson und Delila Ersteren einige Takte aus der „Norma" singen zu hören, während die falsche Philisterin ihm mit dem Motiv des Bleisoldaten aus der „Mam'zell Nitouche" antwortet. Aber das Publikum dieser Vorstellungen ist nicht kritisch. Einzelnen Chören liegen hebräische Motive zu Grunde; ob letztere originell sind, entzieht sich meiner Kenntniß. Unrecht wäre es, diese kurze Darstellung zu schließen, ohne der Hauptstütze der Gesellschaft, der Primadonna Frau Finkelstein zu gedenken, für welche die meisten Stücke geschrieben zu sein scheinen. Sie verdient die Bezeichnung Primadonna, welche sie sich übrigens nicht selber beilegt, in vollem Maße, denn sie ist Besitzerin einer kräftigen, schönen, sympathischen Stimme, die sie mit Maß zu behandeln weiß und mit welcher sie, ihr verständnißvolles Spiel hinzugerechnet, auf jedem Theater sich zu behaupten vermöchte. — Die Nr. 43 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Zur Naturgeschichte der Antisemitenpresse. — Vom Hochmuth. II. — Statistisches über die Juden. — Zur Abwehr. - Aus dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Aus Rußland. — Briefkasten.