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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-27 · Heft 43 (27.10.1893) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 43 (27.10.1893)
Date
1893-10-27
Page
Seite 516 (sequence 14)
Language
German
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516 entstehen ließ. Der Rechenfehler — denn die Verhältnißziffern sind nicht meine Erfindung, sondern oom Königlich Statistischen Amt gegeben — hätte an Ort und Stelle festgenagelt werden sollen. Da das nicht geschehen ist, bin ich jeder weiteren Vertheidigung meiner Zahlen non vornherein so lange überhoben, bis dieselben durch streng sachliche Kritik erschüttert scheinen. Die geringere Sterbeziffer beweist doch nichts. In Frankreich ist die Sterbeziffer unvergleichlich geringer als in Deutschland, trotzdem vermehrte sich Deutschland 1892 um 675,000 Seelen, während Frankreich gar keinen Zuwachs erhielt. Die Gründe dafür sind doch wirklich nicht so schwer zu suchen. Das Kindesalter ist ganz besonders die bevorzugte Beute Freund Hein's. Das fünfte Jahr erleben nur 50 Proz. aller geborenen Kinder. Je mehr Kinder geboren werden, desto mehr Kinder müssen dann auch sterben. Die Sterbefälle der Kinder schnellen die Todesstatistik zu der furchtbaren Höhe hinauf, auf der wir sie antreffen. Natürlich können die nichtgeborenen Kinder auch nicht zur Hälfte sterben. Weil so wenig Kinder unter Franzosen und Juden geboren werden, darum ist die Sterbestatistik eine weit günstigere. Kinder, die nicht geboren werden, brauchen eben nicht zu sterben, aber die Vermehrung geht auch nicht vorwärts, weil die 50 Prozent, die sonst am Vebeu bleiben, eben auch nicht vorhanden sind. Die preußischen Heirathsziffern von 1891 zeigen die Juden um ein Drittel schwächer als ihren Bevölkerungstheil. Ich war gewissenhaft genug, das anzuführen, und wer mich widerlegen will, sollte doch erst die betreffende Statistik ansehen. Ich will die Zahlen hier rund wiederholen, ich betone, tun mich nachher nicht wieder mit kleinkrämerischen Einwürfen befassen zu müssen, daß die Zahlen rund hier hingesetzt sind. In Preußen kamen 1891 1,100,000 Geburten zur Meldung, darunter 9000 jüdische, 300,000 Trauungen, darunter 2400 jüdische. Nach ihrem Bevölkerungstheil kämen auf die Juden mindestens 13,000 Geburten und 3500 Trauungen — Was die Auswanderung betrifft, so liegt auch nicht die allergeringste Wahrscheinlichkeit vor, daß die Juden einen höheren Antheil an ihr nehmen als die Christen. Das ist eine billige Behauptung, da keine Zahl angeführt wird und gar nicht angeführt werden kann, weil keine konfessionelle Auswandererstatistik in Deutschland geführt wird Eine derartige Behauptung liegt im Bereiche der Hypothesen. Sind die Zahlen richtig, die ich hier gegeben habe, so sieht man auf den ersten Blick, woher der Rückgang der Juden sich herleitet. Oder soll das Minus der Geburten von 33 Prozent von der Auswanderung bedingt werden? Dann müßten aber, da die Neugeborenen nicht allein den Wanderstab zu ergreifen pflegen, ihre Ellern mitgehen. Dann entstände ein jährliches Minus der jüdischen Bevölkerung überhaupt im Betrage von 33 Prozent, d. h. mit anderen Worten, in 3 oder 4 Jahren wäre sie vollends ausgewandert Ihr sehr ergebener Berlin, 20. Oktober. Bernhard Traubenberg. Sehr geehrter Herr! In Nummer 41 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" hat Herr Dr. Selver ein Urtheil über die soeben erschienene deutsche lieber"' setzung von Renans Geschichte des Volkes Israel gefällt. Der Herr findet zwar viele Stellen „nicht nur richtig und sinngemäß, sondern sogar gut übersetzt;" dagegen tadelt er „die geistlose, stellenweise geradezu unsinnige Uebersetzung" des Deborah-Liedes und wundert sich darüber, daß „jemand an solche Nebersetzungsarbeit sich wagen kann, dem nicht nur der Gegenstand des zu übersetzenden Werkes, sondern auch die Elemente der Sprache, aus der er übersetzen soll, fremd sind!" () si tncuisses! — Die „geistlose, stellenweise geradezu unsinnige Uebersetzung" ist nämlich, wie — (siehe Fußnote auf Seite 374) — alle Bibelstellen vom . . Doktor Martin Luther, von dem am Ende auch Herr Selver nicht behaupten wird, daß ihm „der Gegenstand des zu übersetzenden Werkes fremd" ist! Die Stellen, die Herrn Selver Entsetzen erregen, sind sämmtlieh der Lutherschen Bibelübersetzung entnommen, und es muß mindestens Erstaunen erregen, wenn ein Herr, dem diese Uebersetzung offenbar unbekannt ist, sich noch auf ein hohes Pferd setzen und von „Laien in litterarischen und philosophischen Dingen" sprechen will! Im klebrigen kann ich mich der Bitte des Herrn Selver: Der Kritiker möge „mit dem Uebersetzer scharf ins Gericht gehen", nur auschließen, so ungewöhnlich sie auch sei; doch hoffe ich bestimmt, daß er auch das Wohlwollen nicht vergessen wird, das der erste Versuch, das großartige Werk mit Sorgfalt und Verständniß dem deutschen Publikum zugänglich zu! machen, unter allen Umständen wohl verdient. In vorzüglicher Hochachtung Berlin, 10. Oktober. E. Schaelsky. Sehr geehrter Herr Redakteur! In der Zeitung des Judenthums Nr. 40 vom 6. Oktober d. I. lese ich zu meinem Erstaunen den Artikel „Ueber das Talmudstudium". i Der Einsender fordert und empfiehlt so warm die Punktirung des i Talmuds. Hierauf möchte ich dem betreffenden Einsender kurz erwiedern, j daß die Punktirung der „mündlichen Ueberlieferung" überflüssig ist. Und; zwar aus folgenden Gründen: Hat Jemand viel Hebräisch in seiner Jugend gelernt, so kann er den Talmud ohne Punktirung auch lesen und verstehen. — Denjenigen aber, der wenig oder gar nicht Hebräisch gelernt hat, den wird die Punktirung des Talmuds gewiß nicht zum Gelehrten machen. — Es ist traurig genug, daß die heutige Jugend so wenig! Hebräisch lernt! Jeder, der Lust und Liebe zum Talmudstudium hat, muß sich bis; zu seinem 13. oder 14. Jahre so viel hebräisches Wissen angeeignet haben, , daß er geläufig den Talmud und die rabbinische Schrift lesen und auch verstehen kann. Es ist schlimm genug, und mit dem hebräischen Wissen > schlecht genug bestellt, wenn ein angehender Lehrer oder Rabbiner, um den Talmud zu studiren — erst der Punktirung bedarf! Oder soll etwa der punktirte Talmud den Antisemiten Gelegenheit bieten, ihre Kniffe, Verdrehungen und Verleumdungen ihnen noch zu erleichtern? — Genug des grausamen Spiels! Ich rathe Jedem, der sich einen solchen Beruf erwählt, der ihn, so zu sagen, zwingt, die Bekanntschaft mit dem Talmud uitb Codices zu machen — von anderen prosauen Gegenständen zu lassen itnb mehr Gewicht auf das Jüdische zu legen — namentlich in der Schulzeit — dann wird ihm das Lesen im Talmud eine Leichtigkeit sein. Es ist eben, wie leider die Verhältnisse im Judenthum jetzt liegen - traurig genug, daß Knaben bis zu ihrer Bar-Mizwah nicht einmal im Siddur geläufig lesen können! Und darauf hin, daß sie vielleicht später einen Beruf erwählen, zu dem sie unbedingt viel Hebräisch können und belesen sein müssen, das Riesenwerk zu punktiren — ist meiner Meinung nach - ein unbilliges Verlangen. Uebrigens wünsche ich Denen, die die Riesenarbeit übernehmen wollen, viel Glück und — vor Allem Ausdauer. — Den Talmudjüngern aber wünsche ich: Sie mögen ihre kostbare Jugendzeit besser anwenden und gebrauchen lernen. Man braucht nur nicht das Hebräische so stiefmütterlich behandeln, dann liest sich der Talmud ohne „Punktirung" auch recht schön. Polzrn, 15. Oktober. F. Verehrliche Redaktion! In jahrelanger Thätigkeit als Leiter einer Jugendbibliothek habe ich aufs Lebhafteste den Mangel eines Führers durch die jüdische Jugend - litteratur, wie er von namhaften pädagogischen Vereinen periodisch für! die allgemeine Jugendlitteratur erscheint, empfunden. Ich hörte dieselbe Klage von vielen berufenen Seiten. Ich beabsichtige nun, einen solchen Führer für Lehrer, Schulleiter, Eltern und Jugendfreunde zu schaffen, und bitte deshalb eine verehrliche Redaktion um Ihren gefälligen Beistand in diesem Beginne durch Aufnahme folgender Aufforderung in Ihrem Blatte: „Der Unterzeichnete beabsichtigt eine Zusammenstellung eines Führers durch die jüdische Jugendlitteratur nach Inhalt, Werth, Lesealter, Preis u. s. w. und bittet, ihm gefälligst in Kürze Titel, Verleger und Verlag sort solcher Jugendschrifken durch Postkarte mitzutheilen. Nur durch allseitige Unterstützung kann das Beginnen gelingen." Geisa, im Oktober 1893. M. Goldschmidt, Lehrer. $ Außer einem unrichtigen Eitat in Zeile 26 meines im Sprechsaal der letzten Nummer enthaltenen Artikels: K. 23 statt K. 2Q hat sich in : Zeile 24 auch ein sinnentstellender Druckfehler eingeschlichen, indem „assistirenden" statt „afficirenden" gesetzt ist. Da die Leser beides mir zur Last legen könnten, so bitte ich um gefällige Berichtigung. Hochachtungsvoll Berlin, 20. Oktober. Dr. M. Stern. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für bte Redaktion - Mar Bauchwitz in Berlin.

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