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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-27 · Heft 43 (27.10.1893) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 43 (27.10.1893)
Date
1893-10-27
Page
Seite 515 (sequence 13)
Language
German
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Wir kannten noch nicht die Parole der neuesten Litteratur: Die Jugend soll man ehren, und man ehrte die Jugend, wie es jetzt geschieht, noch nicht, wenn sie weiter nichts hatte, als keine Tugend. Jetzt schützt das Alter nicht vor der Thorheit der Jungen, welche groß zu sein glauben, wenn sie sich auf die Trümmer von Denkmälern stellen. Wir achteten Jeden, der etwas geleistet hatte, nicht nur die Klassiker, und wir bildeten uns nicht ein, dadurch Besseres zu leisten, daß wir das von den Alten Geleistete mißachteten. Endlich überwand ich meine Scheu, mich dem Vater des Berliner Witzes zu nähern. Ich wurde ihm von meinem Freunde Christian Claudius vorgestellt, welcher Mitredakteur des „Ernst Heiter" war. Claudius, einer der letzten Nachkommen des Wandsbeker Boten, war Jurist, als er, ein geborener Schleswig-Holsteiner, in die Armee seiner Heimath trat, welche gegen Dänemark kämpfte. Nach Auflösung dieser Armee wurde er natürlich in der wieder dänischen Provinz nicht angestellt, und er wandte sich der Journalistik zu. Auch von Claudius schweigt die Litteraturgeschichte, und doch war er, der erst 1865 wieder zu seinem Beruf zurückkehren durfte und heute als Landgerichtsrath in Flensburg lebt, einer der ausgezeichnetsten Kritiker, die ich kennen gelernt habe, und ein Stylist, dem alle die Politur, in der jeder Satz schimmerte, absichtslos aus der Feder floß. Alles, was er produzirte, bekundete eine gründliche Bildung und war von einem feinen Witz bestreut. Er war ein echter Feuilletonist. Heute ist Jeder ein Feuilletonist, über dessen Artikeln sich ein Strich durch die Journalseite zieht, wie sich heute nach dem Diktum eines bekannten Thalermillionärs Jeder Millionär nennt, der eine Million Mark besitzt. Es giebt jetzt sehr viele Schriftsteller, welche sich den Titel Feuilletonist verliehen haben, der aber bei ihnen etwa die Bedeutung des Titels Konnnissionsrath hat, von dem kein Mensch, am allerwenigste» der von ihm betroffene, weiß, was er eigentlich bedeute. Seit Claudius bei seinem Eintritt in das Flensburger Landgericht das Zeitliche des Feuilletons gesegnet hat, ruht seine Feder fast ganz, oder er beschränkt sich darauf, in kurzen Kritiken über Flensburger Kttnsterscheiiiungen seine dortigen Mitbürger zu lehren, das, was ihnen Gott beschieden, zu genießen und gern zu entbehren, was sie nicht haben. Ein Theater hat Flensburg nicht mehr. Die Stadt hat, um für das Publikum die größte Sicherheit gegen Feuersgefahr zu schassen, eines Tages das Theater abgebrochen. Damit war denn auch allerdings jedes Unglück auf das Sorgfältigste verhütet. Glaßbrenner, über dessen Bedeutung für die humoristische Litteratur ich nichts sagen könnte, was nicht Jeder wüßte, der sich mit seinen zahlreichen Schriften und mit der Zeit, aus der er hervorgegangeu war, beschäftigt hat, war ein überaus liebenswürdiger und heiterer Gesellschafter. Er verkehrte nicht in dem Kreise, den ich als den ineinigen geschildert habe, wenn er ihm auch durch seine Beziehungen zum Theater nicht fernstand. In diesem Kreis würde eine Flasche Champagner ein Ereigniß gebildet haben, welches Gerüchte aller Art, vor Allem ein solches von einer reichen Erbschaft, hervorgerufen hätte, während der Champagner bei Glaßbrenner eine allabendliche Erscheinung war. Glaßbrenner schien allen Champagner nachholen zu wollen, den ihm in seiner Werdezeit das Schicksal vorenthalten hatte. Angesichts des Eiskübels, aus dem sich der Silberhals der Wittwe Clicquot hervorreckte, thaute er auf, und dann! traten seine lustigen Einfälle reihenweise hervor. Er erzählte prächtig und lachte ansteckend. Damals ein Mann in der Mitte der Vierziger,! war er noch sehr lebenslustig, er produzirte noch in aller Frische, und j er sah noch nicht in den jungen Männern, die in Berlin für den j Humor und die Satire neue Formen und mit Erfolg geschaffen! hatten, Eindringlinge, welche ihn von seiner Domäne verdrängten und seinem Eckensteher Nante und Rentier Buffey den Raum streitig machten. Die Popularität der drei Männer im feurigen Kladderadatsch, Kalisch, Dohm und Löwenstein, war »och im Aufblühen und störte ihn nicht in seiner Ruhe aus den 48 er Lorbeeren, wie dies später, wenigstens in seiner Einbildung, geschehen ist. Als ich Glaßbrenner kennen lernte, war er der gelesenste, gesuchteste und bekannteste Humorist des sonst so uneinigen Deutschlands, und es war dies ein wohlerworbener Ruhm. Er hatte noch Freude an den Arbeiten seiner späteren Rivalen, er war noch witzig, ohne bitter zu sein, er hatte noch das Bewußtsein, der Erste und Einzige zu sein, und aus dem Felde des Berliner Witzes war er das auch in der That. Er war und bleibt der Schöpfer des Berliner Witzes, den er in einer Mischung von scharfer Satire und origineller Harmlosigkeit erstehen ließ. Erst 1858 verließ er Hamburg, wo er ohne sonderlichen Erfolg gearbeitet hatte, und kehrte, ein 48 jähriger Mann, nach Berlin, seiner Vaterstadt, zurück. Erst ein Jahr später trennte ich mich von den Fleischtöpfen meiner Vaterstadt, um die Berliner Universität zu besuchen. Keiner dieser Fleischtöpfe ist mir gefolgt. Ein Versuch, ans der Herausgabe einer Sammlung meiner Erstlingsalbeiten einige Mittel zu gewinnen, scheiterte kläglich. Nicht zehn meiner Landsleute waren unvorsichtig genug, auf das Buch zu subskribiren. Enttäuscht und lebenslustig kam ich in Berlin an. U Spverhsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Bezugnehmend auf den Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthnms" „Unser Gottesdienst", in welchem die Frage aufgeworfen wird, ob es nicht möglich wäre, auch für die A r m e n an den hohen Festtagen einen Gottesdienst einzurichten, erlaube ich mir ergebenst zu bemerken, daß bereits in den vergangenen hohen Festtagen von dem Vorstand der jüdischen Gemeinde auch für die unentgeltliche Theilnahme j der Armen am Gottesdienst hinlänglich gesorgt war. — Es bedurfte nur einer Eingabe derselben, um einen Freiplatz in den Haupt- oder Jnterimssynagogen zu erhalten. — Hierbei ging die Fürsorge der Gemeindebehörde so weit, daß sie sogar in den ihr nicht gehörigen Synagogen Plätze miethete, um sie Unbemittelten ohne Bezahlung zugänglich i zu machen. — Indem ich Sie höfl. ersuche, diese Berichtigung gest. auf- ’ nehmen zu wollen, gestatte ich mir meiner persönlichen Ansicht betreffs eines ausschließlich für Arme zu veranstaltenden Gottesdienstes dahin j Ausdruck zu geben, daß derselbe besonders von sensibleren Naturen als; eine Absonderung von den vom Schicksal begünstigten aufgefaßt werden! würde, sodaß selbst in den Stunden der Andacht das Gefühl der Demüthigung den Unbemittelten trotz bester Absicht nicht erspart wäre. Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochachtung von Ihrem Ihnen ergebenen Berlin, 18. Oktober. Siegfried Leichtentritt. Sehr geehrter Herr Redakteur! Irr der letzten Nunnner der A. Z. d. I. werden meine Zahlen als! falsch hingestellt, ohne daß auch nur eine Spur einer sachlichen Wideri legung versucht wird. j Eine solche mußte, wenn sie irgend begründet sein soll, um so leichter > sein, als ich die Zahlen nicht ohne Weiteres als ein Ergebniß einer ge-! Heimen Rechnung niedersetzte, sondern dieselben vor den Augen des Lesers

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