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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-27 · Heft 43 (27.10.1893) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 43 (27.10.1893)
Date
1893-10-27
Page
Seite 514 (sequence 12)
Language
German
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514 in jedem jungen Menschen ein Zigeuner, der einen leichten Schlaf hat 1111b Dom Geräusch in der Kneipe rasch geweckt und lebendig wird. Ich habe beit damals in mir wohnenden Zigeuner in Verdacht, das; er überhaupt nicht geschlafen, sondern nur die klugen geschlossen hatte, denn er war sofort ganz munter und setzte mich mitten in einen Kreis non Kollegen und Schauspielern. Da saß ich nun, trank mehr, als ich vertragen konnte, wurde häufiger, als ich dagegen protestiren konnte, Herr Doktor titulirt, und war ganz berauscht von der so einseitigen und selbstgefülligen Unterhaltung, deren mich die Herren vom Theater würdigten. Man muß jung sein, wie ich es damals war, um diese Unterhaltung nicht so unerträglich zu finden, wie ich sie heute finde, um im Gegentheil halb betäubt und halb verwirrt dem zu lauschen, was der Schauspieler über sich und nur über sich mitzutheilen hatte. Der Eine war verkannt, der Andere verfolgt, der Tritte, der den Schüler im Faust spielte, eigentlich der Lear, der Vierte, der den Masetto sang, bekanntlich der, für den Gustav Freytag den Bolz geschrieben hat. Das; sie mir das Alles anvertranten, das machte mich zum Glücklichsten der damaligen Sterblichen, und mir gefiel diese doch eigentlich unfruchtbare und uninteressante Gesellschaft so gut, daß ich sie allabendlich aufsuchte und zwar mit einer Ausdauer, welche Andere nur erst nach längerer Praxis zu erreichen pflegen. Die Nachwächter und ich gingen gleichzeitig nach Hanse. Meine Kollegen waren länger beim Handwerk als ich und spielten das Zigeunerleben bereits vom Blatt. Sie kannten schon längst keinen anderen häuslichen Verkehr als den wirthshäuslichen. Es war. als arbeiteten sie nur für diesen, und als hätten sie auch nur das Bestreben, die Kosten desselben zu decken. Diese Kosten waren nicht sehr groß und die Honorare denselben gewachsen. Die Zeitungen bezahlten glänzend schlecht. Es war ein Verhungern mit Hindernissen. Der Besitzer der „Reform", I. F. Richter, wurde Millionär und ließ sich in dieser angenehmen Beschäftigung nur durch das Zahlen so kleiner Honorare stören, daß das Eiukassiren derselben sich schon der Uneigennützigkeit näherte. „Ein Werdender", sagte Goethe," wird immer dankbar sein." Der zum Millionär werdende Zeitungsbesitzer war aber durchaus nicht dankbar, obschon er es gegen „seine Leute" hätte sein müssen, die ihr frisches Talent und ihre eifrige Kraft in seinen Dienst gestellt hatten. Er wußte aber, das; sie genug bekamen, um mit geringen Ansprüchen und etwas Kredit ihren Wirthshausbedarf befriedigen zu können, und beunruhigte sich nicht weiter. Und doch — wie schön war die Zeit! Wir waren jung und dachten nicht an den folgenden Tag. Es gab ja auch keinen solchen, da wir immer erst am folgenden Tag schlafen gingen. Unserer lächerlichen schriftstellerischen Eitelkeit war genügt, wenn wir uns gedruckt sahen, wir ivaren unglaublich lustig und sahen die Welt auch vom tiefsten Keller aus von oben herab an. Heute, wo über die besagte Eitelkeit graues Haar gewachsen ist, denken wir voller Wehmuth an jene vergnügten Tage wie an einen liebenswürdigen Traum. Wir^ Ich sagte schon, daß das Leben in Hamburg für den Aufstrebenden gefährlich war. Wohin sind sie gerathen, mit denen ich damals gemeinsam fragte, was die Welt koste! In meine „heitere Erinnerungen" fällt bei dieser Frage ein Schatten. Ich erinnere mich eines talentvollen jungen Schriftstellers, Carl Cubasch's, dessen Wohnung wir niemals ermitteln konnten. Die Sage ging, er wohne gar nicht. Er schrieb kleine reizende Novellen, die auch gesammelt erschienen sind, und lebte von Kaffee, den er vortrefflich zu kochen verstand. Seinen Unterhalt bestritt er aus dem Verkauf von Büchern, die ihm aus einer Redaktion znm Rezensiren gegeben wurden und die zugleich sein Honorar bildeten. Als er eines Tages einem Verleger in Hannover ein Manuskript anbieten wollte und ihm das Geld zur Reise fehlte, machte er sich zu Fuß auf den Weg. Dabei hatte das Schicksal die unverantwortliche grausame Ironie, ihn zum Feinschmecker zu machen, als welcher er auch ein sehr tüchtiges Kochbuch verfaßt hatte, immer beint Kaffeetrinken. Erst lange, nachdem ich Hamburg verlassen hat, hörte ich wieder etwas von ihm: es war die Nachricht von seinem Tode. Eine höchst originelle Erscheinung in der Hamburger Schriftstellerwelt war Bernhard Lnttermersk, einer der geistvollsten, witzigsten, gelehrtesten und liebenswürdigsten Menschen, die ich je im Leben kennen gelernt habe. Man wird seinen Namen vergeblich in der Litteraturgeschichte oder im Konversationslexikon suchen, und doch gebührte ihm in jener und diesem ein ehrenvoller Platz. Er war in Altona geboren, hatte nach Beendigung seiner Studien vier Jahre in Italien gelebt, war dann nach Hamburg gekommen und der fleißigste Redakteur der „Reform" geworden. Wir waren seit dieser Zeit auf das Innigste befreundet. Obschon über die Jünglingsjahre hinaus, war Luttermersk ein Kind geblieben, so naiv, so unbeholfen, so unpraktisch. Er hatte ein kindliches Herz trotz seiner erfahrungsreichen Jahre und ein Kindergesicht trotz seines kahlen Schädels und seines spärlichen blonden Schnurrbarts. Er war ein guter Mensch, und es hat mir oft wehe gethan, wenn, die ihn sahen und nicht kannten, über ihn spotteten, wenn er mit seiner kleinen gedrungenen Gestalt, seiner lautheiseren Stiinme und seiner grotesken und vernachlässigten Kleidung einen komischen Eindruck machte. Dabei war er durch und durch Journalist, die menschgewordene Journalistik. Er schrieb unausgesetzt und nur für die Zeitung. Zum Tüchtigsten auf vielen Gebieten der Schriftstellerei eminent befähigt, produzirte er, wenn er die Feder in die Hand nahm, doch immer nur für die Zeitung, in der er wie in lebenslänglicher Haft gefangen saß und er Alles leistete, was für sie zu leisten war. Er war mit dem Schreibtisch förmlich verwachsen, eine journalistische Parodie des Centauren, und eine Trennung erschien ganz undenkbar. Auch wenn er nicht schrieb, war er gebückt wie ein Schreibender, dann dachte er darüber nach, wie er Alles, was er sah und hörte, für sein Blatt verwenden könne. Er hatte auch für nichts Interesse als für das Blatt, und doch mußte man ihn lieb haben, und ich hatte ihn sehr lieb, und wir lebten in treuster Freundschaft. Ich werde noch einmal Gelegenheit haben, von ihm zu erzählen. Die älteren und namhaften Schriftsteller lebten natürlich nicht in unserem Zigeunerkreis, obschon auch sie wenig oder keine Fühlung mit den Familien, sondern in den besseren Restaurants ihr Hauptquartier hatten. Adolf Glaßbrenner, der Senior des Berliner Witzes, war. Dmtk seiner demokratischen Gesinnung, aus Mecklenburg - Strelitz ansgewiesen worden und gab in Hamburg ein Witzblatt „Ernst Heiter" heraus. Natürlich ohne namhaften Erfolg. Als ich mehrere Jahre später selbst Redakteur eines Witzblattes in Hamburg geworden war und einen Bekannten fragte, warum er nicht aus mein Blatt abonnirt sei, ward mir der Bescheid: „Ich kann nur Blätter halten, in denen die Conrse stehen." Und diese standen allerdings damals wie heute in gar keinem Witzblatt, auch nicht in dem Glaßbrenner'schen „Ernst Heiter", und so hatte dieser auch keine nennenswerthe Auflage. Der Ruhm und die Popularität Glaßbrenner's waren aus dem unvergessenen Heftchen „Berlin wie es ist und — trinkt" (Berlin und Leipzig, Verlag von Ignaz Jackowitz) hervorgegangen, und für den jungen Anfänger war der vielgenannte Verfasser eine unnahbare Persönlichkeit. Ich wagte es nicht, mich ihm vorzustellen, selbst dann nicht, als ich für sein Blatt einige Kleinigkeiten geliefert und so sehr geehrt ich mich auch durch die Annahme derselben gefühlt hatte. Es gab damals etwas, was heute verschwunden scheint: Respekt vor den Meistern. Wenn man von ihnen sprach, so zog man im Geist den Hut vor ihnen. Was

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