Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1893)
- Date
- 1893-10-27
- Page
- Seite 513 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228030--50288-3271894- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
513 >eder an die in thräucnersch rocken, tat war sie int Hause ien erzogen eute, wenn ohne Kopf das große sie befand rathen und rth als die nn Weg ist gsam, keine lickend! In e siehst du nd erträgst :n Ausweg, findest du Zahngebilde mgen hält? sein Herz Du solltest e groß ge- )en Schooß , derer du il und ihre >t das Herz sollte sich >es Sohnes ihre Liebe begann die : umfangen Ich will st, Du hast der Sohn - Dir nicht mz gut, es lohl-Leben, tten sein!" leibt unter imnal der lischeu Dir kannst Dti en Dritten sprichst Du auch nicht te mir ein tolde wird '» Feiertag haben. Thu Dich nur ein bissele zwingen, Du wirst schon seh'n, es wird dann noch Alles zum Guten ausgeh'n. Mir sagt es mein Herz!" Bei diesen Worten öffnete sich die Thür, und der Vater rief herein: „Nun, ist er noch nicht aufgestanden, er wird, „oiwer kcischme" sein (die Zeit des Morgengebetes versäumen). „Gott wird sein Gebet noch anhören," rief die Mutter hinaus, „wenn es auch ein bissele später kommt. Was machst Du für ein „Larment" (Lärm)?" Dann zum Sohne gewendet, sprach sie lieb- und trostreiche Worte, wie sie einzig und allein die Mutterliebe einzugeben im Stande ist. Raphael stand auf. Die Mutter verließ das Zimmer, um ihm das Frühstück zurecht zu machen. Er betete inbrünstig; die „Scheine" aber ließ er ruhig liegen. Hatte er nicht Kraft genug, sie abzuschlagen, oder fühlte sein weich gestimmtes Herz Mitleid mit der unschuldigen Pflanze? In der „Gasse" sagte man sich, er habe Kopfschmerz — und das war keine Lüge. 9 Goldes Vater, der behäbige Randar, schlug zwei Fliegen mit einer Klappe, da er nach dem Städtchen fuhr; er ging Scheinerabbe Morgens in der Gemeinde in Schul und begleitete zugleich seine Tochter zu ihrem Bräutigam, bei dessen Eltern sie über das Fest der Gesetzesfreude — Simches Thora — geladen war. Die Braut hätte eigentlich nicht uöthig gehabt, sich so zeitig aus den Federn zu machen und sich der kalten Nachtluft des Spätherbstes auszusetzen, denn ihre Reise hatte nur Einen Zweck — die Synagoge zu besuchen braucht ein jtmges Mädchen nicht. Sie wäre also zu Mittag immer noch zeitig genug angckommen; indessen da der Vater nach dem Städtchen fuhr, so wollte sie die Pferde nicht unnützer Weise den Weg ihrethalben noch einmal machen lassen. Die Tochter eines Randars versteht die Wirthschaft, sie hat die Regeln der Gutsverwaltung im kleinen Fmger, und wenn sie auch nichts von Pferdekraft weiß im Sinne der Mechanik, von der Kraft der Pferde weiß sie Bescheid wie der erste Knecht, und sie liebt es, diese zu schonen. Deshalb fuhr sie mit ihrem Vater in den dicken Nebel hinein. Aber wie aus dem Nebelschleier die Morgeusonne lachend hervortrat, so löste auch sie sich aus der Hülle, die ihre schlanke, aumuthige Gestalt umfloß, und wie die Erde, beschienen von dem Gold des Tagesgestirns, jetzt ein freundlicheres Aussehen hatte, so gewann auch sie eine belebtere Physiognomie. Golde hatte keine blauen Augen — es muß ja nicht jedes schöne Mädchen blaue Auge haben. Sie freute sich aber, daß Raphael solche habe, sie guckte in seine Augen so gern wie in den blauen Himmel hinein. Wenn er dagegen von einer begehrlichen Wallung ergriffen ihr ins Auge blickte, so warf ihm dasselbe aus seiner tiefen Dunkelheit ein Feuer und einen Glanz entgegen, der ihn zu verzehren drohte. Blonde Haare halte sie auch nicht — müssen sich denn immer die Haare eines reizenden Geschöpfes mit den Strahlen der Sonne vergleichen lasten? — ihre Haare gossen aber, wenn sie gelöst waren, einen bläulich-schwarzen Mantel um ihre Schultern herab. Jetzt aber hatte sie dieselben in reiche Zöpfe zusammengeflochten und in einen mächtigen Knoten am Hinterhaupte aufgebundcu. Das Gesicht und die Hände waren etwas abgebrannt, iveil sie rüstig bei der Feldarbeit zugriff, aber das Kleid, das vorn am Busen sich in wunderbaren Krümmungslinien abzeichuete, und neidisch genug bis an den Hals reichte, ließ freilich manches ahnen. Auch schalt Jeder, der sie ansah, die überflüssigen Aermel. Ihr Wuchs war schlank, den Kopf trug sie nicht nur am rechten Fleck, sonder» auch etwas in die Höhe, aber ohne Absichtlichkeit, es lag in ihrer Natur. Sie war gewöhnt, aufzuschauen .und Acht zu haben. Schwärmerisches lag in ihrem Gesichtsausdruck nicht, im Gegentheil eher etwas Resolutes, etwas, das sagen zu wollen schien: Ich bin ich — und ich steige immer zwei Stufen auf einmal. Braut und Bräutigam saßen bei Tisch nebeneinander, und der Tisch war wohlbestellt. Der obere Sitz, der Sitz des Hausvaters, wurde Ehren halber dem Schwiegervater eingeräumt, au der Längenseite dem Randar zur Rechten saßen Braut uitö Bräutigam, die Eltern des Letzteren ihnen gegenüber an der anderen Längenseite, und zwar so, daß Golde ihrem künftigen Schwiegervater, Raphael aber seiner Mutter gegenüber ztl sitzen kam. Am anderen Tischende, dem Randar gegenüber, endlich saß die gute Channah. Diese sechs Personen bildeten die kleine aber fröhliche Tischgesellschaft, und sie wäre noch fröhlicher gewesen, wenn nicht noch ein Siebenter sich heimlicher Weise ctngeschlichen hätte — der Todcsgedanke. Unsichtbar saß er da, dieser schlimme Gast, den Geist des jungen Mannes mit düstern Ahnungen und Bildern erfüllend, und nur dem feinfühligen Mutterherzen bemerkbar. lFortsetzung folgt.) d Aus meinen Jugenderinnerungen. Bon Julius Stettenheim. 111. Hamburg war in der Zeit, aus der heraus ich erzähle, für Alle, die der Litteratur und Kunst in die Hände fielen, ein gefährlicher Ort. Wie Manchen sah ich verkommen! Das gute Leben war gar nicht gut, denn es brachte Biele um. Es ist erstaunlich, wie viele tüchtige Menschen von den immer vortrefflichen Beefsteaks verschlungen wurden. Das Capua-Beefsteak hat sich in seiner ganzen Tüchtigkeit erhalten, aber die Hamburger haben sich glücklicherweise zu der Künstler Vortheil geändert. Dmnals aber gab es für Künstler und Litteraten in Hamburg nur offene Kneipen und verschlossene Bürgerhäuser. Diese ließen vor Allem keinen Mann der Feder ein. Ein solcher war ihnen ein Grelle!. Wer nicht in irgend einem allgemein begehrten Gewürz machte, oder einige Segelschiffe in See stechen zu lassen pflegte, kannte das Innere der Patrizierhällser llicht und wurde, nachdem sein Sturm auf dieselben eilrigemal abgeschlagen war, zum städtischen Zigeuner. Wohl in teiiter anderen Stadt der Welt war, wie in Halllburg. das Wirthshaus das Heim, an welches sich der Schriftsteller gewöhnte, in welchem er sich einen familienühnlichen Kreis bildete unb so gut genährt wurde, daß er es bis an sein selig Ende spürte. Das aber pflegte der Rlliu des Schaffenden oder des Schaffens zu sein. Die Auster war damals ein fleischfressendes Thier; wer zwischen ihre Schalen geriet!), war verloren, wenll er nicht zeitig die Flucht ergriff, oder wenn er gar dllrch die versagende Kreide des Wirthes gezwungen wurde, auf den treuen Begleiter der Auster, den Rheinwein, zu verzichtell und zu Geträllken herabzusteigen, welche aus bescheidellereir Gläsern getrllnken werden. „Verbummeln" nennt man's. Es ist dles eine Betrachtung, die ich danlals nicht anstellte. Mir gefiel das Leben sehr gut. Ich war vom jollrnatistischen Freischärler in das stehende Heer der Mitarbeiter der „Reform" avamnrt, exerzierte für einen ungemein zierlichen Sold sehr fleißig, redete mir als Rekrut ein, den Marschallstab im Tornister zu tragen, und war entzückt, als ich eines Tages die Redaktionskaserne verließ und das Theater-Restaurant in der Dammthorstraße betrat. Es schlunnnert