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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-27 · Heft 43 (27.10.1893) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 43 (27.10.1893)
Date
1893-10-27
Page
Seite 512 (sequence 10)
Language
German
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512 nu§ Galland's französischer Wiedergabe der türkischen Uebersetznng am besten bekannt sind. Da ich jedoch vor einem jüdischen Auditorium spreche, ziehe ich es vor, unter dem Namen „Kalila w’Dimna“ davon zu reden, dem Titel der hebräischen Uebersetznng, aus deren siebentem Kapitel ich Ihnen jetzt »ach Derenbonrgs wundervoller Ausgabe vorlesen werde. Ich kann einiges Vertrauen zu der Genauigkeit meiner Uebersetznng haben, da ich in der Lage bin, mich durch Derenboiwgs elegante französische Uebersetzrmg zu kontroliren. (Fortsetzung folgt.) -E» FEUILLETON Ber Schatten. Erzählung von Eduard Kulte. (Fortsetzung.) „Mir kan» kein Mensch helfen!" erwiederte endlich der Sohn unter tiefem Schluchzen mit einer von Thränen halberstickten Stimme. „Alach mich nicht unglücklich, mein Kind," besänftigte ihn die Mutter, „was ist das für eine Red? was heißt, es kann Dir kein Mensch helfen? bist Du denn nicht mein Sohn? hast Du Dich über etwas zu beklagen? ist Dir jemals ein Wunsch unerfüllt geblieben?" „Mutter! gute Mutter!" rief der Sohn, „wenn Du mir helfe» könntest, Tu möchtest es gewiß; aber wer kann dafür, wenn es einmal meine Bestiinmung ist." „Ich versteh Dich nicht, Kind-Leben, sag' mir, sag' mir nur, was Dich drückt. Bist Du vielleicht mit Golde nicht zufrieden? Wenn Dli sic nicht willst, werden wir lassen die Partie abgeh'n. Zwingen werden wir Dich nicht." „Ach! es giebt ja keine bessere Seele ans der Welt, als Golde," seufzte der Unglückliche, „sie ist ganz so gut wie Du!" „Also was ist es? red', und erleichtere Dir das Herz! red', Kind-Leben, zu Deiner Mutter red'! mir kannst Du doch sagen, was Dich drückt." „Ich werd' das Jahr nicht ansleben," sagte der Sohn und Hub von Neuem an zu weinen. „Was ist das für ein Einfall, wie kommt Dir ein so unglücklicher Gedanke? Ei» junger Mensch, rüstig und gesund, was fällt Dir ein, mein Kind, an so etwas zu denken?" „Leider denken die Menschen zu wenig an den Tod," sagte der Sohn mit etwas mehr Ruhe, „hält' ich mehr an ihn gedacht, möcht er mich jetzt nicht so unvorbereitet und kindisch finden." „Red'Dir nichts ein!" entgegnete die Mutter, „und mach' keine Rarreschkciten. Komm' lieber, steh' ans und frühstück', wir haben feine Bäckereien mit „Zioorach" (Topfen) gefüllt, wie Dl, sie gern hast. Komm, Fohl-Leben, steh auf und zieh Dich a»; Golde ist schon hier lind der Schwiegervater auch, sie werden bald Herkommen, sie dürfen Dich ja nicht im Bett antreffen." „Das ist es ja," sagt Raphael wehmüthig, „was meinen Schmerz vergrößert. Au mir liegt mir nichts, aber an Euch und an — ihr! Aber ich bin unschuldig; hütt' ich das voraus gewußt, wär' ich kein Bräutigam geworden und hält' ihr den Schmerz erspart. Woher hatl' ich wissen sollen, daß ich das Jahr nicht ausleben werd'!?" „Red' lieber keine solche Sachen! Wie sagt der Vater alleweil: „Oefsne Deinen Mund nicht dem Vecderbeir." Man „thor" (darf) sein Maul nicht zum Böse» aufmachen und der Mensch kann gar nicht wissen, was in der Zukunft liegt." „Nur zu gewiß.weiß ich, was ich red'! Gott gäbe, es wäre so für wahr nicht, wie es ja sein wird. Ich Hab' leider den deutlichsten Beweis: ich Hab' heut' Nacht meinen Schatten ohne Kopf gesehen." Mit diesen Worten sank Raphael seiner Mutter wieder an die Brust und verbarg au ihrem liebend-klopfenden Herzen fein thräneufeuchtes Gesicht. Die Mutter war bei der letzten Eröffnung sehr erschrocken. Sie wußte auf dieselbe nichts mehr zu erwiedern. Zwar war sie keineswegs so abergläubisch wie die gute Chaunah, die im Hause lebte, aber sie ist doch auch mit rabbinischeu Anschauungen erzogen worden, und es war ihr nicht unbekannt, was es bedeute, wenn Jemand in der Nacht vor „Scheiuerabbe" seinen Schatten ohne Kopf sieht. Schweigend saß sie nun da, in ihrem Gemüthe das große Unglück überdenkend, das den geliebten Sohn getroffen. Sie befand sich in einer verzweifelten Lage und wußte sich nicht zu rathen und nicht zu helfen. Wunderbares, großes, theures Mutterherz! Mehr werth als die Heilklinst der Aerzte und die Weisheit der Gelehrteil! Kein Weg ist dir unüberwindlich und war' er noch so steil und unwegsam, keine Last ist dir zu schwer und war' sie noch so groß und drückend! In deiner frommen Einfalt und in der Größe deiner Liebe siehst du helle, wo Andere die Finsterniß mit Fingern greifen, und erträgst den strahlenden Glanz, der Andere blendet. Du findest den Ausweg, wo Andere verzweifeln, und wo sie sich selber aufgeben, findest du das Mittel der Rettung. Und du solltest hier vor einem Wahngebilde zurückbeben, welches den Geist deines geliebten Sohnes gefangen hält? Du solltest zurückschrecken vor einem Phantom, welches sein Herz uinnachtet und seine Seele mit Todesschauern füllt? Du solltest rathlos sein wie er, den Ammenmärchen und Vornrtheile groß gezogen, und solltest mit ihm verzweifeln und die Hände in den Schooß legen, anstatt dich seiner anzunehmen mit all' der Kraft, derer du fähig bist? Nein! Die Mutterliebe ist stärker als das Vorurtheil und ihre Kraft muß größer sein als ein Schattengebilde. Nie glaubt das Herz willig, was es mit Unwillen erfüllt, und ein Mutterherz sollte sich nicht empören bei dem entsetzlichen Gedanken, der den Tod des Sohnes mit Gewißheit voraussagt! Nein! nicht lange blieb sie in dieser Rathlosigkeit, ihre Liebe lehrte sie die Vorschrift, nach der sie handeln mußte. „Hör' zu, Fohl-Leben, was ich Dir jetzt sagen >vill," begann die Mutter, nachdem sie ihn lange schweigend mit ihren Armen umfangen gehalten hatte und jetzt losließ, „hör' zu und folg' mir. Ich will nicht sagen, daß Du vielleicht nur geträumt hast und meinst, Du hast es wirklich gesehen —." „Wirklich, wirklich, so wahr ich jetzt noch lebe," fiel der Sohn der Mutter in die Rede. „Gut, gut," setzte sie fort, „ich sag' Dir ja, daß ich es Dir nicht ausreden will; warum, ich kenne Dich ja, und ich weiß ganz gut, es möcht' bei Dir nichts nützen. Aber Eins bitt' ich Dich, Fohl-Leben, und das inußt Du mir versprechen. Es wird zu Deinem Guten sein!" „Was willst Du Mutter-Leben?" fragte der Sohn. „Was ich will, ist das: was Du mir gesagt, das bleibt unter uns; keine Seel' soll etwas davon erfahren, nicht einmal der Vater; laß' Deinen Schmerz ein Geheimniß bleiben zwischen Dir und mir; ich bin Deine Mutter, an meinem Hals kannst Du Dich ausweinen, lvenn Dich etlvas drückt, laß aber keinen Dritten Deine Thränen sehen; ich Hab' dafür meinen Grund; versprichst Du mir das?" „Ja, ich versprech es Dir. Warum sollt' ich Dir es auch nicht versprechen? Wenn Dli mir nicht helfen kannst, wie sollte mir ein Anderer helfen?" „Und jetzt mein Sohn, steh' auf und sei heiter. Golde wird bald da sein, nimm Dich zusammen, daß wir keinen verstörten Feiertag

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