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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-27 · Heft 43 (27.10.1893) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 43 (27.10.1893)
Date
1893-10-27
Page
Seite 511 (sequence 9)
Language
German
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Wie ich oben angedeutet habe, vertragen, um einen Ausdruck von Dickens zu gebrauchen, nur wenige derselben „in Gegenwart der Frau Bassin" eine Wiederholung, doch fand ich eine, die völlig harmlos ist und die Sie vielleicht in Caxtons eigenen Worten zu hören wünschen werden. Es ist die fünfte Fabel, die von der „Treue dreier Gesellen" handelt: (Uebersetzung): „Oft geschieht es, daß das Böse, welches Anderen bereitet wird, auf den zurückfüllt, der es bereitet. Dies zeigt die Geschichte dreier Gesellen, von denen zwei Bürger und der dritte ein Bauer war. Die thaten sich zusammen, um nach dem heiligen Grabe zu gehen, aber sie hatten für die Pilgerschaft sich nur in solcher Weise vorgesehen, daß Alles bis auf den Stoff für einen Kuchen bald aufgezehrt war. Und als nun die Bürger das Ende ihrer Wegzehrung sahen, sagten sie zu einander: Wenn wir nicht Weg und Weise ausfiuden, den Bauer zu betrügen, der ein gar reicher großer Schlingel ist, werden wir vor Hunger sterben, weshalb wir Weg und Weise ausfindig machen müssen, um des Kuchens habhaft zu werden, der aus unserem letzten Mehl wird gemacht werden. Und sie verbanden sich und sagten: Wenn der Kuchen wird in den Ofen gelegt werden, wollen wir gehen und uns schlafen legen, und wer den besten Traum wird haben, des; soll der Kuchen sein, und weil wir Beide schlau und weise sind, so dürfte er nicht so gut träumen als wir, darum der Kuchen unser sein wird; womit alle Drei zufrieden waren und zu schlafen begannen. Als aber der Bauer all ihre Arglist einsah und durchschaute und sah, daß seine beiden Kameraden schliefen, ging er und nahm den Kuchen aus dem Ofen und verzehrte ihn. Darauf stellte er sich, als ob er schliefe, einer der Bürger aber stand auf und sagte zu seinem Kameraden: Ich habe einen wundervollen Traum geträumt: denn zwei Engel hoben mich empor und trugen mich vor Gottes Majestät. Und sein anderer Genosse, der Bürger, erwachte und sagte: Dein Traum ist wundervoll, aber ich glaube, daß meiner schöner ist als Deiner; den» ich träumte, daß zwei Engel auf harter Unterlage mich in die Hölle trugen. Darauf weckten sie den Bauer, der voll Schrecken ausrief: Wer ist da? Sie aber antworteten: „Wir, Deine Kameraden. Darauf sagte er ihnen: Wie seid Ihr denn so schnell zurück? Wir sind ja kaum erst aufgebrochen; darauf sagte er zu ihnen: Meiner Treu, mir träumte, die Engel hätten Einen von Euch ins Paradies oder in den Himmel und den Andern in die Hölle getragen, weshalb ich annahm, Ihr würdet nimnierinehr zurückkehren. Ich stand darum vom Schlafe auf, und weil mich hungerte, ging ich, nahm den Kuchen aus dem Ofen und verzehrte ihn; denn oft passirt es, daß der, der einen Andern betrügen will, selber betrogen wird." Die Geschichte ist auch in den Gesta Romanormn anzutreffen, von wo sie nach verschiedenen Gegenden gekommen ist (siehe Oesterley Gest. Rom. 106). Sie ist nicht besonders überraschend und würde heute in keines unserer Witzblätter ausgenommen werden. Aber man war im Mittelalter leichter zum Lachen zu bringen, und die Geschichte ist um ihres Alters willen, mehr als ihrer Komik wegen interessant. Jedenfalls wird sie uns als Beispiel für die Disciplina Clericalis dienen. 2. Wir gehen zur griechischen Uebersetzung der Alexandreide (durch Simon Seth) aus dem Persischen über; zugegeben, daß es seine Uebersetzung, daß sie aus dem Persischen stamme, und daß sie wirklich die Quelle aller europäischen Uebersetzungen bildet. Simon Seth war ein jüdischer Arzt, der gegen Ende des elften Jhd. am Hofe von Byzanz praktizirte. Warton und Weber behaupten Beide, daß seine griechische Uebersetzung der Alexandersage die Quelle aller anderen Uebersetzungen gewesen, und wenn sich dies wirklich so verhält, so wären wir damit zu einer sehr wichtigen „Anschlußstation" gelangt. Denn die Alexandersage war eine der volksthümlichsten der mittelalterlichen Romanzen, und da sie eine der frühesten war, so hatte sie großen Einfluß auf die übrigen. Die französische Uebersetzung war in Zeilen von zwölf Silben geschrieben, die bis auf den heutigen Tag Alexandriner heißen. Sie erinnern sich an Popes Verse: Alexandrinisch Versmaß schließt des Sanges End, Gleich einer wunden Schlange schleppt es seine Läng. (A needless Alexandrine ends the song, Which Like a wounded Snake drags its slow lengtli along). Aber ich fürchte, daß in Wartons Darstellung ein Mißverstündniß vorliegen muß, da Zacher den Pseudo-Callisthenes weit früher ansetzt als Seth. Gleichwohl kann die Uebersetzung des Seth eine Anpassung gewesen, und so in diesem Falle doch die unmittelbare Quelle gewesen sein. Der Hauptgrund meines Zweifels ist der, daß ich mir nicht vorstellen kann, diese Thatsache sei der Aufmerksamkeit des Dr. Steinschneider oder Israel Levy's entgangen, welcher Letztere sehr gelehrt über den Gegenstand gehandelt hat und einen hebräischen Text der Alexandreide herausgegeben hat (was ein anderes Beispiel einer „Endstation" darstellt). Gleichwohl habe ich es für richtig gehalten, die Ansprüche des Simon Seth hier anzuführen, da, wenn sie sich bewahrheiten, sie sehr wesentlich zu dem bewiesenen Einfluß der Juden auf die Verbreitung der Volksmärchen beitragen. Jedenfalls steht Simon Seth in engerem Zusammenhang mit der griechischen Uebersetzung der Fabeln des Bidpai, denen wir uns jetzt zuweuden. Bevor ich in die Einzelheiten in Betreff der Fabeln des Bidpai eingehe, halte ich es für wünschenswerth, Ihnen eine Vorstellung von dem Charakter des Buches zu geben und von der ungemein weiten Verbreitung, die es im Orient nnd in Europa gefunden. Was das Letztere betrifft, so wird die bloße Beschreibung der besonderen Uebersetzung, die ich herausgegeben habe, zeigen, wie weit sie in der Welt herumgekoinmen sind. Denn es ist die englische Uebersetzung einer italienischen Bearbeitung von der spanischen Wiedergabe einer lateinischen Uebertragung der hebräischen Uebersetzung einer arabischen Bearbeitung der Pehleviübersetzung des indischen Originals. Auf dieser Brücke der Ueberlieferungen giebt es zwei Schlußsteine, die lateinische und hebräische Uebersetzung, beide von Juden gefertigt. Doch ist dies nur eine von den vielen Bahnen der Ueberlieferuug. Ich habe einen litterarischen Stammbaum der Bidpailitteratnr ausgestellt, aus welchem hervorgeht, daß das Buch in 38 Sprachen in 112 verschiedenen Uebersetzungen übertragen worden, welche seit der Erfindung der Buchdruckerkunst in über 180 Ausgaben übergegangen sind. Nur die Bibel übertrifft diese Aufzählung unter den Büchern. Nachdem ich so Ihre Neugierde in Betreff der Fabel» des Bidpai rege gemacht, möchte ich dieselbe durch Aushebung eines Beispiels von den Geschichten, die es enthält, befriedigen. Bevor ich dies thue, muß jedoch die Frage entschieden werden, mit welchem Namen wir dieses viel übersetzte Buch bezeichnen solle». Wir könne» darauf Hinweisen als auf das „Pantschatantra" oder „Die Moralphilosophie des Doni" oder das „Exemplarin contra los Enganos“ ober das „Horngimn N an iah" oder „Hitojiadesa“ oder „Stefanides kai Ichuilates“ oder einen der vielen Namen, welchen die Geschichten während einer langen Wanderung getragen haben. Meine eigene Ausgabe habe ich betitelt: „Fabeln des Bidpai", weil dies der Name ist, unter welchem die Geschichten

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