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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-27 · Heft 43 (27.10.1893) · p. Seite 508

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 43 (27.10.1893)
Date
1893-10-27
Page
Seite 508 (sequence 6)
Language
German
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508 Mittel vorhanden sind, in einem Jahre mehrere Synagogen Lauen und mehrere Schulklassen einrichten, tüchtige Prediger oder Religionslehrer kann man aber nicht in einem Jahre erziehen. Dies will von langer Hand vorbereitet sein. Die Aufgabe, welche ich hier bezeichnet habe, wartet also noch der Lösung. Auch diese kann durch Heranziehung der anderen Gemeinden, für welche doch mitgesorgt werden soll, erleichtert werden. Jedenfalls lohnt es sich, einen Versuch zu machen; schlagt er fehl, so bleibt es eben bei dem gegenwärtigen unbefriedigenden Zustande. Für Berlin speziell bewegt mich noch ein anderer Gedanke, welchem ich doch Ausdruck geben möchte. Tie Organisation der Juden in den annektirten Provinzen ist eine andere, als die unsrige in den altländischen Provinzen Preußens. Dort findet sich zuweilen die Institution eines Landesrabbiners, welchem die Aufsicht über die kirchlichen Angelegenheiten, insbesondere über die anderen Rabbiner und einzelne besondere Befugnisse zustehen. Bei uns besteht nichts dein Aehnliches. Jeder Rabbiner ist dem anderen koordinirt. Würde auch ein Kandidat gewählt, der eben erst von einem der angestellten Rabbiner das Zeugniß über seine Lehrbefähigung erhalten hat, er würde doch sofort der gleichberechtigte Kollege seines Lehrers werden; dies ist kein wünschenswerther Zustand. So lange unsere Gemeinde klein war und zwei oder drei Rabbiner hatte, konnte nian diesen wohl überlassen, über die Vertheilung der mannigfachen ihnen obliegenden Handlungen sich zu verständigen, und bei wichtigen Ereignissen konnte man dem aus Laien bestehenden Vorstande überlassen, ohne Weiteres bestimmend einzugreifen. Man fühlt aber, das; mit der Vermehrung der Rabbiner, deren wir fünf haben und deren Zahl nothwendig sich vermehren wird, die Sache so nicht fortgehen kann. Irgend eine Organisation des Rabbinats muß erfolgen, lind ich sehe nicht ein, weshalb dasjenige, was anderswo gesetzlich eingeführt ist und in Lolldon, Paris, Hannover, Dessau und anderen Ländern und Provinzen besteht, in Berlin nicht freiwillig sollte eingesührt werden können. Gerade weil die Anordnung - aus freier Entschließung hervorginge, könnten die lokalen Bedürfnisse und die Aneiennitäts-Verhältnisse billige Berücksichtigung finden. In oer Voraussicht, daß sich das Bedürfniß einer Ordnung dieser Verhältnisse mit der Zeit ergeben werde, ist in den Vokationen aller Rabbiner seit vielen Jahren vorgesehen, daß sie einer solchen sich fügen müßten. Erst in einer solchen Organisation wird sich der geeignete Platz für Kandidaten und Hilfsprediger zllr Erleichterung der Arbeitslast der älteren Herren finden. Die Gestaltung des Gottesdienstes muß sich nach seinem Zwecke richten, und zu allen Zeiten der Geschichte haben die Völker sich das Recht gewahrt, diesen Dienst nach ihren Bedürfnissen und! ihrem Geschmacke zu gestalten; es haben die Kllttussormen anderer! großer religiöser Gemeinschaften immer auch ähnliche Formen bei den! Juden hervorgerufen. Daher ist es auch für unsere Zeit nichts Unzulässiges und verslößt'gegen keinen Grundsatz des Glaubens, wenn auch wir den Gottesdienst zeitgemäß umgestalten. Dies ist zum Theil geschehen und weitere Aenderungen werden noch erforderlich sein, immer unter dem Gesichtspunkt, daß sie nur dazu dienen sollen, die Andacht der Gemeinde zu heben, die Sammlung der Geister zu fördern und Veraltetes, wenn es störend wirkt, zu beseitigen. Ein näheres Eingehen auf diese Frage mag hier jedoch unterbleiben, weil mir daran liegt, einen anderen hierbei in Betracht kommenden Gesichtspunkt hervorzukehrm. Die Form des Gottesdienstes ist nicht allein ein Vehikel für die Hebung der Religion, sondern auch ein wichtiges Kulturmittel. Mag auch während des Mittelalters es nicht störend empfunden sein, wenn in Versammlungen zu gemeinsamen Gebeten Jeder nur seiner Inspiration folgte und inbrünstig seiner Stimmung Ausdruck gab, mag die wörtliche Auslegung des Satzes: „und sie schrieen zum Ewigen" dahin geführt haben, daß ein ungeordneter Lärm entstand — unseren, zumal den norddeutschen Gewohnheiten entspricht es, mit mehr Ruhe und Ordnung zu verfahren, seiner individuellen Ergriffenheit nicht bis zur Störung Anderer Raum zu geben, sich der bestimmten Gebetordnung zu fügen, weder Versäumtes in ungestümer Eile nachzuholen, noch Zukünftigem voranzueilen und Andächtige weder durch zu spätes Erscheinen noch durch Verlassen des Gotteshauses vor bendetem Gottesdienst zu stören. Die Inbrunst vertieft sich; sie äußert sich nicht geräuschvoll. Ein wohlgeordneter Gottesdienst muß mit diesem, unseren sonstigen Sitten mehr entsprechenden Verhalten in Einklang stehen und fördert, indem er innner größere Kreise von Inden in diese Richtung einführt, die Kultur, wie wir und Andere sie verstehen. Es ist klar, daß die Laien-Vertretnng einer Gemeinde auf die rein religiöse Richtung im Judenthum keinen wesentlichen Einfluß üben kann, auch wenn sie es wollte. Nur Zufall ist es, wenn sich unter den Mitgliedern der Vertretung solche befinden, welche in religiösen Dingen Gelehrte sind. Aber wie in dem Leben der Völker die Gebiete des Staates und der Kirche sich berühren, die Grenzen von jeher unbestimmt waren und kaum eine klare Grenzlinie gefunden werden wird, so kommen dergleichen Grenzfragen auch bei der Verwaltung einer religiösen Gemeinde vor. Es hat sich gezeigt, daß mit Behutsamkeit und Takt in solchen Dingen jeder Konflikt sich hat vermeiden lassen. Das Gebiet aber, auf welchem die hiesige Laien-Vertretung neben der Fürsorge für die religiösen Bedürfnisse der Gemeinde ihre echte und heilsame Wirkung ausüben kann, ist die Förderung des Kulturfortschritts unter den Juden, und zwar nicht nur Berlins. Die Gemeinde unterhalt eine Knabenschule, eine Mädchenschule, zwei Waisenhäuser und drei Religionsschuleu, in welchen zusammen rund 1500 — 1600 Kinder unterrichtet und erzogen werden. Wenn diese Lehranstalten ihr fortwährendes Interesse der Erziehung der Kinder, und nicht nur der Bereicherung ihres Wissens zuwenden, dann ist es klar, wie außerordentlich viel Gutes gewirkt werden kann. Es nützt nichts, wenn wir die Augen schließen, um die Eigenthümlichkeiten nicht zu sehen, welche unsere Kinder zum Theil noch immer von den Kindern anderer Konfessionen unterscheiden. Die Draußenstehenden, welche keinen Grund haben, die Augen zu schließen, zuweilen auch böswillig übertreiben, sehen die Unterschiede sehr wohl. Es ist aber in einem Lande, in welchem wir nicht blos auf dem Papier Rechte haben, sondern auch in der Wirklichkeit gleiche Rechte ausüben und gesellschaftlich gleich gestellt sein'wollen, nothwendig, uns der anderweitigen Bevölkerung zu assimiliren. Dies hat mit dem religiösen Glauben nichts zu thun. Wer eilt Deutscher sein und als solcher angesehen werden will, muß wie ein Deutscher aussehen, denken, fühlen, sprechen und handeln. Dies kann durch die Erziehung in der Schule, und namentlich in den Internaten beträchtlich gefördert, wenn auch nicht dadurch allein herbeigeführt werden. Dieser Zweig der Thätigkeit ist in unseren Anstalten im Wesentlichen dem Leiter derselben unter Beihilfe der Lehrer überlassen. Mir erscheint dies jedoch nicht als zureichend. Alle diese Anstalten haben zwar irgend ein Kuratorium über sich, und die Vorsitzenden derselben könnten in der erwähnten Beziehung einen Einfluß üben; ich bezweifle aber, daß er in der angedeuteten Richtung in umfassender Weise ausgeübt wird. Theils liegt dies in der Ueberlastung der wenigen Herren des Vorstandes, welche an der Spitze der Kuratorien stehen, mit anderen Geschäften, theils in der Scheu, als Laien gegenüber den techllisch vorgebildeten Direktoren der Anstalten ihre Beobachtungen und Bedenken geltend zu machen.

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