Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 V. Breslau, 15. Cftobcv. Soeben verwendet der hiesige „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" seinen ersten Jahresbericht. Demselben entnehmen wir, daß im verflossenen Winterhalbjahr, der öffentlichen Aktionszeil des Vereins, drei öffentliche Vorträge gehalten wurden, nachdem der Verein am 9. Januar 1893 durch Geheimrarh Dr. Wollner eröffnet worden war: 1. Antheil der Juden an den geographischen Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts, von Dr. Braun; 2. der Talmud, von Rabbiner Dr. Rosenthal; 3. ein Talmudprozeß im 13. Jahrhundert, von Rabb. Dr. Gnttmann. Auch wurden vier Diskussionsabende abgehalten, deren Themata lauteten: 1. Der Blut(aber)- glaude (Ref. Tr. Gnttmann, Korref. Tr. Braun); 2. Durch welche Uebersetzungen tonnen wir am Besten in die hebräische Litteratur der spanischen Epoche eingeführt werdend (Res. Dr. Rosin, 5Hrref. Dr. Rosenthal); 3. a) Welche Beweise findet man in der hl. Schrift für die Unsterblichkeit der Seeles (Res. Dr. Rosenthal, Korref. Dr. Guttmann); b) Welche Bedeutung haben die jüdischen Aerzte (spez. der spanischen Periode) für die jüdische Litteratur? (Ref. Dr. M. Freudenthal); 4. Wie bekämpft inan am wirksamsten den Antisemitismus. — Der Vorstand war auch durch die Liberalität eines Mitgliedes in der Lage, 60 Exemplare des Buches „Ter Talmud" von Eman. Deutsch gratis zu vertheilen. Da durch das freundliche Entgegenkommen der Lessing-Loge Ausgaben für Lokalmiethe erspart wurden, so konnte der Verein trotz des sehr geringen Mitgliederbeitrages mit einem Bestand von 146,50 M. abschließen. — Die diesjährige Generalversammlung der Mitglieder ist auf Donnerstag dm 19. Oktober nach den bisherigen Vereinsräumm einberufen — aus der Tagesordnung steht u. A. der Antrag: „Ter Verein möge die Bekämpfung des Antisemitismus durch Wort und Schrift in den Kreis seiner Bestrebungen ausnehmen und in diesem Sinne seine Statuten ergänzen"; der nächste Versammlungs- (Diskussions-)Abend findet Montag den 30. Oktober statt. — Das beigegebene namentliche Verzeichniß der Mitglieder zählt 141 Mitglieder auf. — Am 8. d. Mts fand im Hotel „König von Ungarn" der Parteitag der Antisemiten Schlesiens unter Leitung des Vorsitzenden des schlesischen Provinzialverbandes, Rechtsanwalt G r ö g er U.-Schweidnitz statt. Nach der Erledigung sozialer Fragen gelangte ein Antrag des Liegnitzer Vereins zur Annahme, welcher „modifizirt" lautet: „Bet Meinungsverschiedenheit innerhalb verschiedener Vereine eines Wahlkreises hat der Vorstand die Pflicht, schlichtend (?) und vermittelnd einzutreten." Ein Mitglied des Parteitages, Wolsf- Breslau, brachte eine Resolution, betr. die Maßregelung von Beamten, welche der antiseniitischen Partei angehören, ein, welche nach längerer Debatte angenommen wurde. Derselbe Herr begründete auch einen Antrag des deutsch-sozialen Vereins Breslau über die Stellungnahme der schlesischen Antisemiten zu den einzelnen antisemitischen Abgeordneten, denen gegenüber man freie Hand behalten wolle. Gocksch-Liegnitz erklärte: „Wir wollen uns nicht länger die Streitigkeiten der Führer gefallen lassen und ihre persönlichen Angriffe (auch wenn sie berechtigt sind??) und Ueberhebungen unter einander dulden. Es soll ihnen energisch zum Bewußtsein gebracht werden, daß sie nur so lange Führer seien, wie wir hinter ihnen stehen." In der weiteren, sehr erregten Debatte erklärte der Vorsitzende, daß ohne Unterordnung unter die Parteileitung ein erfolgreiches Arbeiten und Vorwärtskonunen nicht möglich sei; er sei gegen diesen Antrag. Da es inzwischen 2 Uhr geworden war — um 11 Uhr hatte der Parteitag begonnen — wurde die Debatte abgebrochen. Als nach dem Mittagsmahl die Verhandlungen um 4 Uhr wieder ausgenommen werden sollten, erklärte der überwachende Polizeikommissarius, daß das Vereinsgeseh die Unterbrechung einer Versanrmlung und Wiederaufnahme von Verhandlungen nicht zulasse. Ter Parteitag mußte demnach unterallgemeiner Mißstimmung geschlossen werden. Dann fand die Jahres- Hauptversammlung des deutsch-sozialen Provinzialverbandes statt, in der interne (?) Angelegenheiten verhandelt wurden. — In der am 11. d. Mts. abgehaltenen Versammlung des Bezirksvereins der inneren Stadt wies am Schluß der Sitzung ein Fragesteller darauf hin, daß in dem Schaufenster der Sesselmann'schen Buchhandlung auf der Taschenstraße Bilderbogen auslägen, welche in Zeichnungen und Text geeignet seien, die Konfessionen gegen einander zu verhetzen. Herr Stadtverordneter Haber bemerkte hierzu, daß die Buchhandlung durch ihre unfläthigen Bilderbogen schon früher die Aufmerksamkeit erweckt hätte. Durch den Prediger H offmann sei damals ein Einschreiten der Polizeibehörde erwirkt worden. Er (Redner) glaube, daß in erster Reihe die Väter derjenigen Kinder, welche die jener Buchhandlung gegenüberliegende Schule besuchen.! bei der Schulbehörde (Schuldeputation) Beschwerde führen müßten, wenn unfläthige und aller Ethik widersprechende Bilderbogen daselbst ausgelegt j würden Auch der Vorstand werde bei der Schuldeputation und der Polizeibehörde die nöthigen Schritte thun. — Die landesherrliche Genehmigung wurde ertheilt: 1. der israelitischen Krankenverpflegungsanstalt und Beerdigungsgesellschaft Hierselbst zur Annahme der Zuwendung, welche ihr der Rentner Louis Sand der g; und der Dr. med. Ernst Sandberg am 12. Juni d. I. als Beitrag ' zum Bau eines neuen oder zur Erweiterung des bestehenden israelitischen! Krankenhauses mit 10,000 Mark bezw. 5000 Mark schenkungsweise vermacht haben; 2. der israelitischen Waisenverpflegungsanstalt Hierselbst für die Zuwendungen, welche ihr die Rentner (Raphael) Robert! Triest und Israel Litt au er letztwillig mit je 6000 Mk. Angewiesen haben. * Leipzig, 4. Oktober. In der gestrigen Sitzung der hiesigen Handelskammer wurde unter Anderem seitens des Meßausschusses der; Kammer über eine Eingabe der hier zur Messe weilenden Borstenhändler! wegen Aufhebung des im Königreich Sachsen bestehenden Schächtungsverbotes Bericht erstattet. In der betreffenden Eingabe wird gewünscht, daß die Karnmer bei der königl. sächsischen Staatsregiernng ihre Berl Wendung dahin eintreten lassen möge, daß das gedachte, seit etwa einem Jahre in Sachsen erlassene Verbot, gewisse Schlachtthiere zu schachten, wieder aufgehoben werde. Die Vertreter weisen in ihrer Vorstellung : darauf hin, daß, wenn jenes Verbot aufrecht erhalten werde, sie genöthigt : seien, die Leipziger Messen zu meiden und ihre Geschäfte alsdann in; Berlin zu betreiben; sie fügen aber auch die Bemerkung hinzu, daß, wenn! dieser Fall eintreten sollte, dann auch die Leipziger Handelshäuser, die! sich mit dem Borstengeschäft befassen, veranlaßt sein würden, nach Berlin! überzusiedeln. Der Referent des Ausschusses, Herr Herrmann, dessen Initiative bekanntlich die Existenz der Leipziger Borstenmessen zu danken ist, betonte, der Ausschuß habe sich dieser Angelegenheit gegenüber in eineraußerordentlich schwierigen Lage befunden, da sie nicht zur Kompetenz der Kammer gehöre. Was das Materielle der Sache betreffe, so ergebe sich! aus den beim hiesigen Rath ergangenen Akten, daß schon früher von! betheiligten Kreisen an die kompetenten Behörden das Gesuch gerichtet! worden sei, das Schächtungsverbot aufzuheben, daß jedoch diese Bemühungen; keinen Erfolg gehabt hätten. Selbst die Anrufung der allerhöchsten Stelle j habe kein anderes Resultat zur Folge gehabt. Nach alledem sei, so betonte der Referent des Meßausschusses der Handelskammer, dein Ausschuß nichts Linderes übrig geblieben, als vorzuschlagen, die betreffende! Eingabe zur Kenntnißnahme an das königl. Ministerium des Innern ge- : langen zu lassen und hierbei darauf hinzuweisen, daß es sich um die Angehörigen einer Branche handele, deren jährlicher Geschäftsumsatz in Leipzig 20-25 Millionen Mark betrage. Die Handelskammer genehmigte diesen Antrag. * Herford, 13. Oktober. Am 7. d. M. beging die hiesige Gemeinde die feierliche Einweihung ihres neuen Schulgebäudes. Nachdem die Schüler unter Leitung des Herrn Organisten Wilke die von Herrn Professor Lewandowski komponirte Motette: „Wenn Gott der Herr das Haus uicht bauet" zum Vortrag gebracht hatte, betrat Herr Rabbiner Dr. Hulisch! das Podium, um nach einer herzlichen Begrüßung der Anwesenden in schwungvollen Worten den Zweck deszu Ehren Gottes errichteten Gebäudes, bestehend darin, die Schüler zur Gottesfurcht, zur Arbeitsfreudigkeit und i zu allen menschlichen Tugenden zu erziehen, klar zu legen. Dann richtete! auch der um den Bau verdienstvolle erste Vorsteher, Herr I. Meyer,! herzliche Worte der Freude sowohl als des Dankes für thatige Mithilfe an die Anwesenden. Hohe Befriedigung erregten die warnffühlenden Worte des Herrn Bürgermeisters Quentin, aus denen edle Fürsorge für das Wohlergehen aller Bürger Herfords ohne Unterschied der Konfession hervorleuchtete. Nachdem auch Herr Kreisschulinspektor Pastor Sander den Wunsch ausgesprochen, daß die segnenden Worte des Festredners Dr. Hulisch zur That werden möchten, erfolgten seitens des Schülerchors die Schlußverse des schönen Liedes, worauf mit einem von Herrn Dr. Hulisch ausgebrachten und begeistert aufgenommenen Kaiserhoch der Schluß der offiziellen Feier erfolgte. Oesterreich - Ungarn.! LI Wien, 16. Oktober. „Oberrabbiner der Antisemiten" und „Führer der Schutztruppe für die noblen Herren und die Geistlichkeit", so nannte in einer Versammlung der Sozialisten der, seiner sozialistischen