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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-20 · Heft 42 (20.10.1893) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
Seite 504 (sequence 14)
Language
German
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504 Spvechfaal. Ein Fiasko, und zwar der allerkläglichsten Art, ist und bleibt es unter alleil Umstünden, das die .Kreuzritter und Antisemiten in frivolster Weise selbst auf sich heraufbeschworen und das sie mit all ihrell Verdrehungskünsten nicht von sich abzuschütteln vermögen; der Hieb sitzt einlnak festMit unerhörter Keckheit, ganz analog den, auch aus ihren Reihen hervorgegaugeneu Blutbeschuldigungen in Tisza Eslar, kanten u. a., wagteli es jene .sperren der Hetz- und Verleumdungskunst, die Judenheit 31t verdächtigen, daß in ihren Religionsschulen Lehren, die gegen sittlich!eit, Vaterlandsliebe und sozialen Frieden arg verstießen, der Jugend eingeprägt würden, und verlangten stürmisch eine Prüfung der in denselben gebrauchten Lehr- und Erbauungsbücher, welche jene schmähliche Bezichtigung approbiren sollte. Die Negierung, sicherlich wie bei den Btutprozesfen im Vorhinein von der Grundlosigkeit der erhobenen Anklagen überzeugt, ordnete gleichwohl, um die Wahrheit vor i aller Welt an ben Tag zu bringen, weshalb wir uns ihr dafür eher zu Dank verpflichtet als davon verletzt fühlen dürfen — eine solche Revision gedachter Schulbücher au, und was ist das Resultat? Einnnithig betunden die bnmit Beauftragten, daß in all den Hunderten von durchgesehenen Lehrmitteln auch nicht das Mindeste sich gefunden, das ' den von den .Hetzaposteln ausgestellten Behauptungen nur einen Schimmer; von Berechtigung gäbe. Wie konnte es auch anders sein? Die! Sittenlehre des Iudenthums liegt der christlichen in allen Stücken zu; Grunde und ist, von unwesentlichen, die Praxis des Lebens durchaus nicht; assistirenden Modifikationen abgesehen, mit derselben so gut wie identisch! 1 Treue gegen Staat und Obrigkeit lPatriotismus) ist schon von Jeremias (ft. 23) eingeschärft und von den Rabbinen durch das bekannte Wort: das Staatsgesetz ist auch religiös verbindlich, bekräftigt worden, und in dieser wie in allen anderen Beziehungell ist die Unantastbarkeit unb Integrität des jüdischen Gesetzes durch die Autorität einer großen Anzahl hervorragender Rabbinen in den vor einigen Jahren pilblizirten „Grundlehrell der mosaischen Religion" klipp und klar dargelegt worden; hätten sie allch nur diese eingeseheu, so nrußten die Anschwärzer danach scholl von ihrem Vorhaben abstehen. Doch sie gleichen den schlimlnsten Blinden, die nicht sehen lvollen, den Götzen, die „Augen haben und nicht sehen, Ohren und nicht hören". Daß sie auch auf das niederschlagende Dementi, : das ihnen nun offiziell geworden, nicht achten mögen, so wenig als sie — aller Staats- und Königstreue, deren sie sich beständig rühnlen, unerachtet, — die gerichtlichen Verdikte tu den gedachten Ritualm0rdprozessen nach Gebühr respektirten, vielmehr Richter und Staatsanwälte mit Insulten zu überhäufen sich erkühnten, das beweist ihr (gleich dern Ertrinkeilden an ben Strohhalm» verzweifeltes Sichauklammern an die kurze Schlußbemerkung der qu. Revisoren: daß Talmud und Schulehan-Aruch in den jüdischen Schulen nicht gelehrt wiirden. Das sollte doch nur so viel heißen, als: letztere können im vorliegenden Falle außer aller Kontroverse bleiben, keillesivegs aber, daß der ehrenwerthe Rohling und die auf btefem basirende „Staatsbürger - Zeitung" nebst Kollsorten mit deren Verlästerung irgendwie Recht hätten, wessen Gegentheil vielfach schlagend nachgewieseil wordell. Tie Rabbinen vergleichen das j Thun Jemandes, der über einen entwendeten Feststrauß ben Segen spricht, mit einem Räuber, der sich vor Gericht auf einen Zeugen beruft, der aber bei seiner Vernehmung vielmehr gravirend für ihn aitssagt, und fügen hinzu: wehe ihm, sein Fürsprecher wird sein Ankläger! Gegentheils muß es uns 311 hoher Genugthuung gereichen, daß hier unsere 'Ankläger zu unseren Fiirsprechern geworden; denn mögen jene aus oben angegebenem Grunde llirmuer zu überzeugen oder, wenn sie es auch im Herzen sind, zu ehrlichem Eingeständniß ihres Unrechts zu bewegen sein, alle Unbefangenen, Behörden wie Private, werden doch der uns zu Theil gewordenen notorischen Rechtfertigung — welche eine amtliche Verurtheilung der Gegner von selbst involvirt — ihre Anerkennung nicht! versagen können. „Siehe, es schläft und schlummert nicht der .Hüter Israels", j und er hat hier wieder seines Propheten Spruch bewährt: „Jede Waffe, die! gegen dich^geschmieder wird, soll zu Schanden, ltnd jede Zunge, die im Gericht gegen dich sich erhebt, soll verdannnt werden." Sub hoc signo vincemus! Berlin, 11. Oktober. Dr. M. Stern.? | Die jüngsten Festtage verlebte ich in Berlin und nahm die Gelegen-! heit wahr, urehrere jüdische Gotteshäuser zu beflichen. Diese waren in j der Regel, selbstbei zweimaligem Frühgottesdienst, bis auf den letzten | Platz gefüllt, was beweist, daß Berlin bezüglich des Judenthums doch besser sein muß als sein Ruf. Folgendes mußte mir aber auffallen. Eine nicht geringe Zahl der in das Gotteshaus pilgernden Juden trug ein in Zeitungspapier gehülltes Packet, das, ich hatte es bald heraus, ein Gebetbuch enthielt. Es war demnach nicht schwer, den, der ein derartiges Packet bei sich hatte, sofort für einen Juden zu halten, obwohl der Träger eines so verhüllten Gebetbuches, wie mir scheinen will, die Absicht hat, den Juden zu verleugnen. Gelinde gesagt, ist das eine falsche Schmu. Können die Herren und Damen, die das Bedürfniß fühlen, ihr Herz vor dem Höchsten auszuschütten, ihr Gebetbuch nicht frank und frei tragen? Ist da wohl zu verwundern, wenn auch Andersgläubige, welche die Absicht leicht erkennen, darüber ihre Glossen machen? Nach meiner Beobachtung fand ich in der That, daß Christen mit einer gewissen Achtung auf diejenigen blickten, welche ihr Gebetbuch unverhüllt trugen, während sie beim Anblick der Zeitungshülle sich eines spöttischen Lächelns und einer verächtlichen Bemerkung nicht erwehren konnten. — Wenn der Jude seine Religion zu verleugnen sucht, so wird damit dem 'Antisemitismus Nahrung geboten. Wer sich seines Glaubens schämt, der verdient, daß er verspottet werde. — Die besprochene Unsitte scheint in Berlin so eingerissen zu sein, daß es wohl am Platze ist, darauf hinzuweisen. Das Versteckspielen nützt partout nichts; es verräth im Gegentheil das, was mau zu verbergen sucht — selbst wenn man statt des Zeitungspapieres gewöhnliches Pack- oder gar Seideupapier wählt. — 'Also weg mit der falschen Scham und traget euer liebes Gebetbuch offen zur Schau! M. Grünfeld, Schwersenz. d Sehr geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitung leitet Herr Traubenberg die relative Verminderung der Juden (die von ihm angegebene Zahl ist übrigens auch falsch) davon her, daß weniger Juden heirathen als Christen. Eine Quelle für ferne Zahlen giebt er nicht an, also ist die Quelle auch nicht zu kontroliren, die Zahlen aber sind falsch. Der angegebene Grund kann nicht stimmen, es ist eine bekannte Thaksache, daß prozentuell zwar weniger Geburten bei den Juden Vorkommen als bei den Christen, dagegen auch viel weniger Sterbefälle, so daß der Geburts- Überschuß, das heißt die natürliche Vermehrung, bei den Juden stärker ist als bei den Christen. Das Manko rührt in erster Linie von der Auswanderung her. Hochachtungsvoll und ergebenst Berlin, 17. Oktober. W. Bambus. d Geehrter Herr Redakteur! In Nummer 40 dieses Blattes befindet sich ein Bericht über die Spnagogen-Einweihung in Osterode. In diesem Bericht ist die lakonische Bemerkung enthalten: „Der königliche Landrath, die evangelische und katholische Geistlichkeit folgten nicht der Einladung." Ich frage nun: Wo hat in unserm Staate je ein Ortsrabbiner bei der Einweihung einer evangelischen oder katholischen Kirche eine Einladung zu solcher Feier erhalten? Weiß ein Leser Ihres geschätzten Blattes vielleicht das Gegentheil? Ich kann es wenigstens nicht annehmen und meine, daß derartige Einladungen konsequent nur ergehen dürfen, wo Gegenseitigkeit herrscht; so viel Selbstachtung und Stolz müssen wir besitzen. Wo man uns nicht will, soll man bei Gelegenheit ebenso verfahren und nicht unnütz den Spott herausfordern. Derartige Einladungen kommen in größeren Gemeinden überhaupt nicht vor, da wird nur die Obrigkeit geladen. Schneidemühl. Herz Berliner. Hochgeehrter Herr Doktor! In Nummer 39 Seite 463 Sp. 2, 14. Zeile v. 0. bitte ich ergebenst, zwischen „war" und „sein" „meiner Meinung nach" in Ihrer geschätzten Zeitung einschalten lassen zu wollen und die etwas späte Druckfehler-Berichtigung der Feiertage wegen entschuldigen zu wollen. Baja (Süd-Ungarn), 13 Oktober. Dr. S. Nasch ör. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion- Max Bauch Witz in Berlin.

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