Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-20 · Heft 42 (20.10.1893) · p. Seite 503

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
Seite 503 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228029--50269-3271874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

503 Auf der Hochzeit giug's hoch her. Kaspar Eckersmeyer hatte den Platz neben Jakob Cohn erhalten. Man scherzte und lachte. Da klopfte Kaspar an sein Glas und erhob sich: „Meine lieben Leute," sagte er, „heut ist's das erste Mal, da ich eine Rede halten will. Nehmt» darum nicht für ungut, wenn ich es nicht so gut kann wie der Herr Rabbiner, der das Paar eingesegnet hat, oder wie unser Pfarrer. — Erst muß ich Euch, Jakob, meinen Dank abstatten für Euere Freundlichkeit, daß Ihr mich zur Hochzeit eigeladen habt. Aber ich hab's mir wohl gedacht, Ihr würdet den Kaspar nicht vergessen. Wir wollen an die bösen Tage, die Ihr hinter Euch habt, nicht mehr denken. Doch wenn ich das junge Paar da so fröhlich sitzen sehe, wie sie sich so verliebt anschanen, und dann bedenke, wie und wo sie sich ihr Herz gegeben habe», dann mein' ich, der alte Herrgott da oben meint's doch gut mit seinen braven Menschen. Ich sag immer zu meiner Frau, wenn's mal nicht gut geht: Frau, was nicht säuert, das süßt auch nicht! Die saueren Tage hat das junge Paar schon durchlebt, gebe nun der liebe Herrgott, daß fortan nur süße kommen. Das Brautpaar soll leben, Vivat hoch, hoch, hoch!" Kräftig fielen Alle ein. Markus und Rebekka bedankten sich bei Kaspar. „Du hättest Pfarrer werden müssen, Kaspar, so gut kannst Du predigen," bemerkte Riwke. „Ihr scherzet, Mutter," antwortete er, „aber ich glaub, was ich so recht int Herzen fühl', das kann ich mir auch herunterschwatzen. — Aber hört, Riwke, wenn das Essen vorbei ist, dann müssen wir Beide einmal zusammen tanzen!" „Wo denkst Du hin, Kaspar?" „Ra, ich mein' nicht den Walzer oder den Ländler, wir machen den langen Tanz zusammen." „Der Kauf gilt, aber, Kaspar, Deine Frau wird eifersüchtig." Die ganze Tischgesellschaft lachte über diese Bemerkung. Jsak Heinemann trank und küßte seine Sarah, trank und küßte sein liebes Töchterlein und trank und küßte Riwke. Ei, wie witzig war der sonst so ernste Mann heute. Aber hätte die Gemeinde heute den Herrn Vorsteher gesehen, ich fürcht', er hatte a» seiner Würde eingebüßt. Und der alte Jakob Cohn? „Hab ich doch nimmer gedacht, in meinen alten Tagen noch so viele Freude zu erleben," sagte er zum Rabbiner. „Es bleibt ewig wahr, was geschrieben steht: „Ich danke Dir, o Herr, daß Du mich gedemüthigt hast, denn es ward mir zum Heil!" f In trauter Abendstunde, geliebte Mutter, hört ich die Geschichte Deines Aeltervaters oftmals aus Deinem Munde. Dein gutes Auge feuchtete sich, da Du von den bangen Qualen berichtetest, hell aber leuchtete Dein strahlender Blick bei den liebliche» Blümlein Freude und Wonne, die dem Boden der Wehmuth entsprossen. Ich, ein kleiner Knabe noch, küßte bang eine Thräne aus Deinem Auge, fing einen Strahl Deines leuchtenden Blickes auf. Nimm hier die Thräne wieder! Sieh hin in das Auge Deines geliebten Sohnes: ein Sonnenstrahl von Dir.? Mterarische Mittheilungen. Der hebräischeLitteratur-Verein „Mekize Nirdamim"! versendet soeben den Abschluß der Jahresrechnung für das achte Vereins- I jahr (1892).! Mit besonderer Befriedigung kann derselbe eine gesteigerte Theil-! nähme für den Verein konstatiren, welche allerdings die Einnahmen desselben nicht vergrößert, wohl aber den Ausfall einigermaßen gedeckt hat, der durch die Unmöglichkeit, die Schriften des Vereins nach Rußland einzuführen, noch immer fühlbar bleibt. Der Druck der Schriften für den neunten Jahrgang hat bereits begonnen, und zwar: 1. *1SD welches wahrscheinlich iu diesem Jahrgange ganz zu Ende geführt werden wird. 2. 1-^1 HlTrTD fünfte Lieferung; der Schluß des Ganzen dürfte im nächsten Jahrgang erfolgen. 3. Das Wörterbuch Jona ibn Gannach's nach der einzigen hebräischen Handschrift in der Batikana. 4. Ein Sammelband mit verschiedenen Beiträgen zur jüdischen Geschichte und Litteratur. Zugleich wird die erfreuliche Mittheilung gemacht, daß bereits die geeigneten Schritte gethan worden sind, um korrekte Abschriften von den noch ungedruckten Poesien Jehuda Ha-Levi's und Moses ibn Esra's zu erlangen. Vielleicht wird der Verein im Stande sein, noch in dem gegenwärtigen Jahrgange eine Lieferung von Gedichten dieser hebräischen Klassiker erscheinen zu lassen. Bei solchen hohen Zielen, welche der Verein im Auge hat, verdient derselbe gewiß die regste Theilnahme und Unterstützung aller Freunde der hebräischen Litteratur. Der gelehrte R. Jehuda Jacob Nehama in Salonichi, der Verfasser mehrerer Schriften in hebräischer und spaniolischer Sprache, veröffentlichte jüngst unter dem Titel 'IWDtt die Korrespondenz, welche er seit 1850 mit mehreren zeitgenössischen Gelehrten und Rabbinern in der Türkei, Deutschland und Oesterreich, in Italien und Rumänien führte (Salonichi 1893). Das erste, 184 Seiten umfassende Heft dieser Sammlung enthält 113 Briefe von und an Israel Stern in Belgrad, S. D. Luzzatto, M. Mohr m Lemberg, Benamoseg in Livorno, Leopold Zunz, an Rappoport, Marco Mortara u. A. m. Zunz wendete sich an Nehama im Jahre 1857 mit der Bitte, mehrere seltene Machsorim, wie das Machsor Aragon, Katalonien u. A. und verschiedene Gedichtsammlungen, für ihn zu kaufen, ersucht ihn aber dringend und wiederholt. Niemand zu sagen, daß die von ihm gekauften Bücher für den Verfasser der „Litteraturgeschichte der synagogalen Poesie" bestimmt wären. Als Ludwig Philippson im Jahre 1860 die israelitische Bibelgesellschaft ins Leben rief, wurdeNehama von einem Freunde, vermuthlich Israel Stern, der die Idee einer neuen spaniolischen Bibelübersetzung bei Philippson anregte, ernstlich angegangen, die Uebersetzung zu liefern, was Nehama in seiner Bescheidenheit ablehnte; er hegte jedoch den Wunsch, mit Philippson in Korrespondenz zu treten. Diese Briefsammlung, von besonderem Interesse für die jüdische Bibliographie und Litteraturgeschichte, enthält u. A. eine Abhandlung über die verschiedenen jüdischen Gemeinden in Salonichi und über die dortigen jüdischen Druckereien, eine willkommene Ergänzung zu Steinschneider-Cassels Artikel „Jüdische Typographie" in Ersch-Grubers Encyklopädie. Viele Jahre arbeitete der ehrwürdige Nehama an einer „Geschichte der Juden in Salonichi"; dieselbe war, wie er mir mittheilte, fast druckfertig; bei dem großen Brande, welcher vor einigen Jahren einen Theil der Stadt in Asche legte, wurde jedoch das Werk ein Raub der Flannnen. Möchte doch Herr Nehama sich entschließen, die Arbeit bald wieder von Neuem aufzunehmen. ^r. M. Kayserling. A. I. Glasberg: Sichron B'rith Larischonim. Die rituelle Circumcision Band I. Berlin 1892, Selbstverlag. Die Vorschriften und religiösen Gebräuche der Circumcision, obwohl allgemein bekannt, bieten dem Fachmann nicht minder als dem Laien viel Interessantes, wenn ihm erst die sie behandelnden Quellen erschlossen sind. Dem Verfasser gebührt das Verdienst, alle auf diesen Gegenstand sich beziehenden talmudischen und späteren rabbinischen Forschungen gesammelt und als ein Ganzes herausgegeben zu haben. Wie aus dem Buche ersichtlich ist, scheint der Verfasser weder Mühe noch Kosten gescheut zu haben, da er seinem Buche drei diesen Gegenstand betreffende, bis jetzt unedirte Werke, von welchen eins aus dem XII. Jahrhundert von R. Jacob Hagoser herrührt, einverleibt hat. Sowohl dieses als auch ein ähnliches bis nun ebenfalls unedirtes Werk von R. Gerson Hagoser sind vom Verfasser mit einem Kommentar unter dem Titel „Beer Jacob" versehen, der eine große Belesenheit auf dem Gebiete des rabbinischen Schriftthums bekundet und schon aus diesem Grunde Anerkennung verdient. Auch die äußere Ausstattung des Buches, das 330 (8°) Seiten enthält und in einem leichl verständlichen rabbinischen Hebräisch abgefaßt ist, läßt nichts zu wünschen übrig. Wir empfehlen das Buch auf's Wärmste und wünschen, daß der Verfasser außer der Anerkennung seines Fleißes und seiner nützlichen Arbeit aus dem Buche auch materiellen Nutzen erzielen möge. ... tz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.