Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- Seite 502 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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502 „So, so," sprach er stöhnend, „so, min wird's besser. Er schlummerte. Häßliche Träume schreckten ihn. Grinsende Gesichter starrten ihn an. „Der, der," riefen sie mit verzerrtem Munde, der hat's gethan, und zeigten mit Fingern auf ihn, lausend, tausend Finger, tausend verzerrte Gesichter. Und die Finger wurden länger und länger, sie wurden zu glühenden Stangen, tausend glühende Stangen — kamen näher und näher, jetzt, jetzt waren sie nahe, berührten — seine» l'eib. — — „Herr Jesus," schrie er erwachend laut auf. „Ha,"! seufzte er schweißtriefend auf, „es war nur ein Traum!" Wild blickte er im Zimmer herum. Will's denn nicht Morgen werden? Er war zerschlagen an Geist und Körper, die Auge» fielen ihm zu. „Ich will nicht schlafen," sagte er und wollte sich im Bette aufrecht setzen, doch die Müdigkeit übermaunte ihn. Wieder Träume, häßliche Träume!! Er lag ohnmächtig in Schlamm und Morast. Irrlichter tanzten um ihn auf und nieder. Eine Stimme rief von oben: Du hast meinen Sohn gemartert, gefoltert, gctödtct! Und aus der Tiefe kamen Molche und Schlangen und Gespenster, und Teufel ergriffen ihn mit harter Faust und schleppten ihn weit, weit hin an einen jähe» Abgrund. Berdammt, Berdannnt, riefen sie alle mit furchtbarem Getöse und schleuderte» ihn in die unermeßliche grauenhafte i Diese .... | „Hilfe, Hilfe!" schrie TimS auf. Seine Frau erwachte.! „Was ist, Franz?"! „Nichts, nichts," sagt er halb ohnmächtig, „ich Hab geträumt."! „Du bist krank, ich will den Arzt rufen," sprach sic.! „Weib," rief er, „ich sag Dir, ich bin nicht krank, will keinen i Arzt, will nicht sterben, o!" Eine lange, qualvolle Nacht, bis endlich der Morgen tagte. r Bleich und still setzte sich TünS in einen Sessel. „Ich will zur Kirche gehn," sprach er niatt, „gieb niir's Gesangbuch, Marie." TünS wartete, bis cs auSgeläutet hatte. Tann machte er sich ans den Weg zur nahen Kirche. Er setzte sich auf den letzten Platz. Ter Pfarrer hatte die Messe schon gelesen und trat jetzt auf die j Kanzel, die Predigt zu halten. Er sprach über die ewige Berdammniß.! Mit beredtem Munde schilderte er den Ort, wo ewig Heulen und j Zähneknirschen ist. Tort würden die Meineidigen, die Diebe und ■ die Mörder gepeinigt. ...! „Liebe Ehrislen," sprach er, „drum haltet rein das Herz, rein die Hand, dann könnt ihr dem Tode ruhig ins Antlitz blicken. Aber wehe, dreimal wehe dem Sünder!" TünS wurde cs glühend heiß und eisig kalt, seine Glieder bebten, er ließ das Gebetbuch fallen. Er blickte auf, ob Jemand zu! ihm hinsähe. Ta war ihm, als wenn die heiligen Bilder j lebendia geworden wären, sie bewegen sich, sie sehen ihn a», j kommen näher und näher, die ganze Kirche dreht sich im Kreise! herum, die Pfeiler schwanken, die Menschen blicken sich um, ohnmächtig j fällt Tüns zu Boden.! *! Man hatte Tüns ans der Kirche nach Hause getragen und zu! Bette gebracht. Sein Zustand war bedenklich. Ununterbrochen! phantasierte er. Mit der einen Hand faßte er krampfhaft das Bettstroh und warf cs ins Zimmer, mit der anderen pflückte er auf der Bettdecke herum. „Ich bin ein Dieb, ein Mörder," schrie er dann auf. j Er richtete sich dann auf. Ein Herzkrainpf erfaßte ihn. Der | Arzt wurde geholt.! „Laßt ihm die Sakramente reichen," sprach er zu Marie. I Die Krämpfe ließen nach. Für einige Augenblicke schien der Verstand zurückzukehren. „Franz," sagte seine Frau weinend, der Pfarrer kommt, Dir die Sakramente zu reichen. „Nein, nein," schrie er auf, „der Pfarrer kann mir nicht vergeben, der Jakob Cohn soll kommen, der Schulze soll kommen, die können mir vergeben." Der Pfarrer trat im Ornat ein mit dem heiligen Kreuze. Wild blickte Tüns hin. „Das Kreuz, das Kreuz, ich darf's nicht sehen," schrie er auf, „ich hab's geraubt, geht weg, geht weg, ich kann 's Kreuz nicht sehen, ruft den Jakob her, den Markus her, den Schulzen her. —" Der Pfarrer machte mit dem Kreuze das heilige Zeichen. Entsetzt von dem Anblicke kehrte er um. „Laßt sie rufen," sprach er zu Marie, „es ist sein Wille, vielleicht hat er etwas auf dem Gewissen." Der Schulze kam mit Jakob Cohn, der Pfarrer folgte: Tüns richtete sich gewaltsam im Bette hoch auf. „Ich soll sterben," sprach er, „und kann's nicht, iveil ich was auf dem Gewissen Hab'. Jakob, ich Hab' schlecht gegen Euch gehandelt. Euer Sohn sitzt im Gefängnis;. Er ist unschuldig. Ich Hab' die Kirch' bestohlen, und der Rolf hat geholfen." Erstaunt sehen sich der Pfarrer und der Schulze an, Jakob blickte ruhig den Sterbenden an. „So," fuhr Tüns fort, „so, nun ist's heraus, nun bin ich ruhiger, nun kann ich's weiter erzählen. Ich hatte den verteufelten Plan gefaßt, der Rolf half ihn ausführen. Wir übten uns die Worte, die gehört und beschworen sind, ein. Der Rolf hat die heiligen Geräthe zusammenschmelzen lassen und hat die Klumpen verkauft. Dort in der Schublade liegt's Geld- 500 Thaler -seht mich nicht so an, ich sprech' nicht im Fieber ... ich Hab' so gut meinen Verstand wie Ihr. . . Jakob, Jakob, kommt her, könnt Ihr mir verzeihen .... ich Hab' schlecht gegen (Sud; und Euren Sohn gehandelt . . . gebt mir die Hand, vergebt . . ." Jakob reichte ihm die Hand . . . „O, Ihr seid gut . . . in der Ewigkeit will ich für Euch bitten. Herr Pfarrer, Ihr wißt mm mein großes Verbrechen, könnt Ihr verzeihen, könnt . . ." Tüns bäumte sich vor Schmerz hoch auf, der Krampf hatte ihn wieder erfaßt, nur einige Minuten und der Schmerz ließ nach . . . „Seht, seht, ich kann noch nicht sterben. Herr Pfarrer, kann mir vergeben werden?" „Ihr habt schwer gesündigt, doch Gott im Himmel ist barmherzig." Er reichte ihm das Sakrament. „Jakob, Ihr seid gerächt, ich bin ein Sünder . . . Herr . . .. sei mir gnädig! . . . ." Noch einmal erfaßte ihn der Krampf . . . ein Menschenleben war dahin. * Zur selben Stunde, da der Schreiner für Tuns den Sarg ziinmerte, ward Rolf geknebelt zum Gefängniß abgeführt. Man hatte das Geld und den silbernen Reliqnienkasten bei ihm gefunden. Alles Leugnen war vergeblich. Was soll ich nun weiter berichten? Daß Jakob auf freien Fuß gesetzt wurde, ist selbstverständlich. Aber welche Freude, als er seinem Vater und seiner Mutter nach dieser schweren Zeit wieder zum ersten Male in den Armen lag! Welche Seligkeit lag in dem ersten Kusse, den er seiner Rebekka gab! All die Wonne, die er empfand, alle Dankbarkeit gegen sie, die ganze Größe seiner reine» Liebe legte er hinein....