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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-20 · Heft 42 (20.10.1893) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
Seite 500 (sequence 10)
Language
German
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500 bösen Handlungen und Gesinnungen abläßt und zu Gott zurückkehrt oder nicht. In drei Klassen werden sämmtliche Erdenkinder, deren Seelen am Berge Sinai standen, eingetheilt: die Enten, die Bösen und die Zweifelhaften. Die Guten und Frommen werden sogleich am Ncujahrstage in das Buch des Lebens, die Bösewichter hingegen, deren Herz verstockt und abgehärtet ist, so daß sich Besserung nicht erwarten laßt, sogleich in das Buch des Todes eingeschrieben. Die Bußezeit aber ist für die Zweifelhaften; diese müssen die gestattete Frist bestens anwenden, und von der Art, wie sie dies thnn, hängt es ab, auf welcher Seite sich die Waage senkt. Der letzte dieser Bußetage ist der furchtbarste Tag im Jahre, es ist der Versöhnnngstag. An diesem Tage enthalten sie sich Alle jeglicher Speise und jeden Trunkes, sie bekleiden ihre Füße nicht mit Schuhen, und kasteien ihren Leib, und senden ihre Gebete den ganzen Tag zu Gott empor. An diesem Tage erhalten die Urtheile, die bereits am Neujahrstage geschrieben oder inzwischen durch Buße des Betreffenden abgeündert wurde», ihre Bestätigung durch das göttliche Siegel, welches daraus gedrückt wird. Noch aber ist nicht Alles verloren — so unerschöpflich ist das Füllhorn der göttlichen Gnade — selbst ein gesiegeltes Urtheil kann noch ningeändert werden, denn noch eine Frist wird dein sündigen Sterblichen gestattet, auf den Pfad des Rechtes und der Tugend zurückzukehren. Es sind zwar die vorgeschriebenen zehn Bußtage vorüber, und es beginnt jetzt in kurzer Zeit - vier Tage »ach dem Bersöhnungstage — das Laubhüttenfest, eine Zeit der Freude. Aber wer diese Zeit der Freude zu einer Zeit wahrer Herzcnserhebnug macht, wer gerade jetzt, nachdem die eigentliche Bußezeit vorüber ist, dieselbe erst recht kräftig übt, der liefert dem göttlichen Richter eine um so sicherere Biirgschaft, daß seine Buße! und Reue nicht eine erheuchelte, nicht eine nur der Nothwendigkeit abgerungene, sondern eine wahre, aris dem innersten Herzen und aus ■ der aufrichtige» Rückkehr zu Gott stammende sei, und ein solcher verdient — nach der göttlichen Weisheit — Begnadigung lind Verzeihung! Deshalb wird ein dritter Gerichtstag eingesetzt, an welchem die i „Gemar-Chaßimah", die Schlußbesiegelung der gesprochenen, gej schriebenen und abgeänderten Urtheile stattfindet. So lautet die rabbinische Anschauung. Dieser Schlußtag ist eben der Hoschanoh-raliljok, und es ist | nun begreiflich, warum sic von den umliegenden Dörfern sich beeilen, zur rechten Zeit im Städtchen einzutrefsen, um den: Morgen-Gottesdienste beizuwohnen. Ailf einem der Fuhrwerke, welche in zahlreicher Menge nach dem Städtchen hin sich bewegten, saß neben dem Randar, der einer der begütertsten in der ganzen Gegend war, eine holde Mädchengestalt, seine Tochter Golde. Sie müßte nicht so fest in die wärmende Hülle des Pelzes gewickelt sein, wenn man die Anniuth und Schönheit, von der sie umflossen war, hätte wahrnehmen sollen. Indessen hoffen wir, das schöne Kind noch in leichterer Umhüllung und in günstigerer Beleuchtrnig als im Morgennebel zu sehen. Der Morgen hatte die Nebel zerstreut, die Sonne blickte freundlich vom Himmel hernieder, als die Leute aus der Synagoge gingen. Es war ein heiterer Herbstmorgen. Raphaels Vater Sinrche trat in die Stube, in welcher just einen Augenblick vorher seine Frau eingetreten war. „Ter Schwiegervater ist schon hier und Golde auch," sagte der Mann, „ich Hab' ihm schon „Scholemlechem" (Friede mit Euch — Bewillkommnnngsgruß) gegeben." „Nrm, da werden sie gleich da sein auch," sagte Dewore. „Ich bitt' Dich," fragte Sinrche darauf, „warum ist Fohle heut' nicht in Schul gewesen? „Was sagst Du? Fohle ist nicht in Schul gewesen? Wie kann das sein?" „Nun bin ich denn blind? ich müßt ihn doch gesehen haben!" „Schemah Jißroel (Höre Israel)! Wie heißt, „Scheine-Rabbeh" in kein' Schul gehen?" „Die Leut' haben sich gewundert drüber und haben mich gefragt, ob ihm etwas fehlt?" „Wie heißt, etwas fehlt? Gestern Abend war er frisch und gesund, was soll ihm fehlen?" „Ich Hab' eben nicht gewußt, was ich antworten soll, ich bin in Verlegenheit gewesen; wo ist er denn?" Die Mutter fragte die Dienstleute, wo Fohle sei; es wollte ihn aber heute noch Niemand gesehen haben; selbst Channah wußte keine bessere Auskunft. „Tann muß er sich verschlafen haben," sagte die Mutter, „ich Hab' gestern gleich gesagt, er bleibt zu lang auf, er soll sich legen gehn." Mit diesen Worten ging sie in das Schlafzimmer des Sohnes, sie fand ihn wirklich noch im Bette; er schlief. Die Mutter weckte ihn nicht, sondern kehrte zum Vater zurück mit den Worten: „Nun, was Hab ich gesagt? Verschlafen muß er sich haben, er schläft jetzt noch. Ich will ihn jetzt nicht aufwecken, laß ihn schlafen. Wenn er durch unsere große Sünden schon am heiligen „Scheine-Rabbeh" die Schul verschlafen hat, was soll ich ihn jetzt aufwecken? ' „Nein, nein," ermahnte der Vater, „weck' ihn nur auf. Der Schwiegervater und die Braut werden gleich Herkommen; es ist ja eine Schande und Schmach! Del mögst mir glauben, ich hätt' lieber verloren hundert Gulden." „N'bo," beschwichtigte die Mutter, „und was ist noch da mehr? kein solches Unglück ist es justement nicht. Man kennt ihn ja, man weiß in der Gaß, er ist kein schlechter Mensch, werden wir höchstens als Ausred sagen, es ist ihm nicht ganz gut gewesen." „Nun gewiß! was werden wir denn sagen? er'hat verschlafen? verschlafen thut sich ein Kind, aber nicht ein „Choßenjung" (ein Bräutigam). Aber weck' ihn nur schon auf, sie können ja jeden Augenblick herein kommen!" Die Mutter ging hinein, den Sohn zu wecken; es war jedoch nicht mehr nöthig, denn Raphael war bereits erwacht. Aber in welchem Zustande fand ihn die Mutter; wie erschrak sie, als sie ihm ins Gesicht blickte! Er sah aus blaß wie die Wand; sein sonst so treuherziges Auge stierte in die Luft hinein und hatte ein gläsernes Aussehen; kaum schien er die Mutter zu erkennen; regungslos lag er aus seinem Bette; die Mutter stieß bei dem Bilde, das sich ihr darbot, einen Schrei der Verzweiflung aus, der Söhn schien ungerührt von dem Schmerz der Mutter. „Fohl! Föhl-Leben! was ist Dir denn, tvas ist denn mit Dir vorgegangen?" fragte die geängstigte Frau, nachdem sie so viel Fassung gewonnen, ein Wort an ihn zu richten. Keine Antwort erfolgte. „Fohl-Leben!" wiederholte die Mutter und warf sich zri ihm auf's Bett, „was ist Dir denn geschehen?" Raphael schlang seinen Arm um den Hals der Mutter, warf sich an ihre Brust und weinte bitterlich. Die Thränen des Sohnes, dessen gewaltige Herzschläge sie an ihrem Busen fühlte, entlockten auch ihrem Auge heiße Zähren, so weinte» sie mit einander, ohne daß die Mutter die Ursache des Schmerzes wußte. Weinend fragt sie endlich zum dritten Mal: „Fohl-Leben, was ist Dir denn geschehen und warum weinst Du?" (Fortsetzung folgt.) 9

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