Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- Seite 498 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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—.- 19s - Ganz besondere Borsicht verlangt aber der Zweig, der uns eben beschäftigen soll. Es mag auf den ersten Blick, z. B. wenn wir eine Volkserzählung oder einen Aberglauben zuerst in einer jüdischen Quelle erwähnt finden, natürlich scheinen, das anderweitige Vorkommen desselben immer auf diese zurück zuführeu. Nun kann aber die jüdische, wie die anderweitige Erzählung aus einer früheren Quelle entnommen sein, und wir begehen dann den Jrrthum, die Vetterschaft mit der direkten Abstammung zu verwechseln. Um ein geläufiges Beispiel zu envähnen, wird in Mr. Halliwells Sammlung von „Ammenreimen und Märchen", die Geschichte „von dem Hans, das Jack erbaut", allen Ernstes ans das bekannte Chad Gadja (HU in) des Hngadarituals zurückgeführt, und Mr. Eloustun folgt in seinen jüngst erschienenen „Volksmärchen und Dichtungen" seinem Führer, indem er die Hagada als einen Theil des Talmuds bezeichnet. Und doch ist cs sattsam bekannt, daß Chad Gadja selbst einem deutschen Volksliede entstammt und nur in späteren Handschriften der Hagada auftritt. In ähnlicher Weise versuchte vor mehreren Jahren Tr. Landsberger zu beweisen, daß Judäa die ursprüngliche Heimath der Fabel wäre und daß die unter dem Namen des Acsop bekannte Sammlung sich aus jüdischen Quellen herleitet,! wofür er aus eine große Auzahl von Thierfabeln hinzuweisen vermochte, die im Talmud erwähnt werden, und auf eine noch größere Anzahl, auf die angespielt wird, indem R. Meir nicht weniger als 300 Fabeln zugeschrieben werden, die Ränke und Listen von „Briider Fuchs" (Bier fox) behandelnd, um einen Ausdruck aus „Onkel Remus" zu gebrauchen. Aber Thierfabeln finden sich bereits vor der Zeil des Talmuds und sogar der Bibel in Aegypten und Assyrien, und es besteht die Wahrscheinlichkeit, daß! einige dieser talmudischen Fabeln auf Indien zurückgeführt werden , können, welches der üppigste und fruchtbarste Boden dieser Fabel-; gattung war. Es ist also Vorsicht geboten, wen» wir eine Volkserzühlung auf jüdische Quellen als auf ihren Ursprung zurückführe» »vollen, und selbst »venu »vir dies vermögen, so spricht immer die Wahrscheinlichkeit dagegen, daß die jüdische Quelle den »irsprünglichen klrjprung, wem» »vir uns so tautologisch ansdrücken dürfen, darstelle. Denn »vic sind solche Geschichten verbreitet »vorbei»? In freundschaftlichem! Geplauder am Herde, bei Gelagen, Gelegenheiten der Familieusrende s und ähnlichen Zusammenkünften.! Aber leider hat es nur wenige Perioden »md Stellen in der! jüdischen Geschichte gegeben, wo Inden an solchen Versammlungen thcilnehnieu, ihren Beitrag zur Belehrung und Unterhaltung haben beisteuern können. Unsere »nündlichen Ueberlieserungen haben fast völlig nur unter iins selber sich belvegen dürfen, u»»d »venn »vir nach einige» Traditionen suchen, »velche J»»den ihren Nachbarn übermittelt haben dürften, so müssen »vir diese»» Ucbergang durch das Mitte! der Litteratur erforschen. Wenn in» Mittelalter der Umgang! mit Juden bei dem gemeinen Volke verpönt »var, so haben doch! Gelehrte und Studirende jeder Zeit eine Sehnsucht nach der „Weis-! heit der Hebräer" cuipfunde», und immer hat es Manche gegeben, die zu den Füßen der Rabbinen gesessen sind. Aber sie suchten sie hauptsächlich nur für den lli»terricht i» der Theologie auf, und die s einzigen Volksmärchen, die sich auf diese Weise verbreitet haben! inögen, »varen die über die Gestalten des alten Tcstainents. In I dieser Richtung hauptsächlich hat naturgeinäs; die jüdische Phantasie! ihren Flug geuoinuieu, und viele, »uemi nicht die meisten der i Legeirden über die Gestalten des alten Testaments können direkt j oder indirekt auf die Midraschim zurückgeführt werden. Besonders können alle biblischen Legenden Mohammeds, lvie viele Gelehrte be-! »viesen haben, auf diese Quelle zurückgeleitet »verden.! Man wird bei einigem Nachdenken auch leicht erkennen, »varum, »nit Ausnahme der hagadischen Elemente des Talmud, die sich mit Gestalten der Bibel beschäftigen, die Juden nur so wenig von eigenen Volkserzählungen besaßen. Die Schule von Tylor und Laug hat es nach ineiner Ansicht fast bis zur Sicherheit bewiesen, daß die bizarren Elemente der Volksunb Zaubermärchen, die Verwandlung von Menschen in Thicre, die redenden Vögel, die menschenfressenden Währwölfe und Aehuliches „Ueberlebsel" jener rohen, götzendienerischen Bräuche und Vorstellungen siird, »velche den dümmste» »ind gröbsten Aberglauben enthalten. Nun ist es gerade der Ruhm Israels, daß die Bräuche, »nit denen die anderen Nationen des Alterthnms sich erniedrigten, durch die hoheitsvollen Aeußerungen der Propheten für immer zerstört, nach dein Exil von Grund aus hinlveggerüumt waren. Volkserzählungen konnten daher in einer Atrnosphäre, die so fast allen allergläubischen Materials, aus dem sie sich bilden, entblößt war, nicht gedeihen. Nun könnte es scheinen, daß ich mir den Grund unter den Füßen ausgehöhlt habe mit der Behauptung, daß J»»den, um es rund herauszusagen, keine eigenen Volkserzählungen hatten, und daß, »venu, »nie die Vertheidiger urtheilen, sie welche hatten, sie keine Gelegenheit besaßen, um dieselben im sozialen Verkehr ihren Nachbarn zu vermitteln. Aber auch »venn sie vergleichsweise außer den biblischen keine eigenen Erzählungen hatten, so mögen die Juden doch manche Sage von ihren Nachbarn angenommen haben, »venn sie in litterarischer Form dazu gelangen konnten. Denn Juden haben alle Zeit freudig das Schriftthum der Gegenden, ii» welchen sie lebten, ausgenommen »md Dinge, die ihre Phantasie beschäftigen, sich angeeignet m»d in die heilige Sprache übersetzt. Was nun die Ueberlieferung dieser aufgenominenen Schätze an die Völker in ihrer Uingebung betrifft, so mögen die Bücher, die in der Landessprache von vou ihnen geschrieben »varen, in dein Kampfe für die litterarische Existenz einen jschönen Erfolg gehabt und den direkten Verkehr in» sozialen Leben ersetzt haben. Kurz, »vir müssen in der Uebersetzerthütiqkeit der mittelalterlichen Jliden ihre Einflüsse auf die Volkserzählungen suchen, und in der Thal sind es gewisse jüdische Uebersetzungen von Volksmärchen, auf welche ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit lenken will. Dieser Gegenstand der jüdischen Uebersetzerthätigkeit ist ein sehr arisgedehnter und bildet ein wichtiges Element in jenein zweiten Theile der jüdischen Geschichte, auf den ich im Eingänge hintvies. Die überallhin zerstreuten Juden haben aus jeder und in jede Sprache der civilisirten Länder übersetzt. Nur einem Manne ist es verliehen gewesen, dieses ungeheuere Litteraturgebiet zu beherrschen, meinem lieben Freunde Dr. Moritz Steinschneider, und wir Alle erwarten »nit Ungeduld das Erscheinen des krönenden Werkes seines Lebens über die jüdischen Uebersetzer des Mittelalters. Sie Alle werden sich mir anschließen, wenn ich der Hoffnung Ausdruck gebe, daß es diese»» ausgezeichneten Gelehrten verliehen sein möge, das Ende seiner arbeitsreichen Jahre »nit Erfolg gekrönt zu sehen. Ich habe auf Dr. Steinschneider hingeiviesen, weil ich für Vieles, was ich hier speziell zu sagen habe, seinen Schriften „Manna" und „Volkslitteratur der Juden" verpflichtet bin, »vietvohl ich hoffen darf, daß es mir auch geglückt ist, einige unbeachtet gebliebene Kleinigkeiten aufgelesen zu haben, die selbst seinein allwiffendcn Auge entgangen sind. Indem ich nun zu den jüdischen Uebersetzungen der Volksmärchen übergehe, auf die ich jetzt meine Untersuchungen eingeschränkt habe, »nutz ich vor Allem einen Unterschied niachen zwischen dein, tvas ich in der Eisenbahnsprache „Eirdstationen" (tarmim) und „Anschlüsse" (zimcckions) nennen möchte. Wenn eine Sammlung