Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- Seite 497 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Es wird christlicherseits inimer darauf hingewiesen, daß in der Jetztzeit die Gebildeten und Denkenden unter den Juden in ihrem religiösen Bewußtsein keine völlige Befriedigung sinden könnten. Man ruft uns zu: Lasset euch taufen und ihr seid un Besitz des gesammten heutigen Kulturlebens, einen adäquaten Ausdruck eures religiösen Denkens und Empfindens findet ihr nur n der christlichen Kultform, die dem Zeitgeist entspricht. Wer ein olches Urtheil äußert, kennt die zeitbewegenden Religionsfragen nicht, sie alle Gebildeten und Denkenden jeder Konfession in ihren Bannireis fesseln, weiß nicht, daß auch das Christenthum entwickelungsfühig ist, Entwickelungsphasen gezeitigt hat und unzählige Spaltungen;eigt. Unsere Mahnung lautet: Harret aus in dem Glauben eurer Bäter, die ihr Herzblut geopfert für ihre Religioil! Lernt die Geschichte unseres Volkes, erfasset tief das wahre Wesen unserer Religion, und sie wird euch voüe Befriedigung gewähren; jeder Zwiespalt zivischen Glauben und Denken wird dann gehoben sein. M. Sp.? Wie Synagogen-Chorvereine. Es ist ein wenig bestrittene Thatsache, daß in den Gemeinden, ni welchen ein Synagogenchor wirkt, der Gottesdienst an Feierlichkeit und Erhabenheit gewiirnt und der Besuch des Gotteshauses ein regerer wird. Wohl Mancher, der zuerst durch den Klang der Töne angelockt wurde, der vielleicht seit seiner Kindheit der Synagoge fern geblieben :var, hat bei dieser Gelegenheit erfahren, welch' heilige, erhabene Handlung ein jüdischer Gottesdienst ist, und ist wieder das geworden, was er hätte inimer bleiben sollen: „Jude". Deshalb muß der Gesang in der Synagoge gepflegt werden; iber ohne die Schönheit und packende Wirkung der alten, jüdischen Melodien unterschätzen zu wollen, muß auch dem deutschen Gesang ein breites Feld beim Gottesdienst geschaffen werden. Derselbe ist Allen verständlich, den Großen und den Kleinen, Orthodoxen und neier Gesinnten, und kann deshalb den Weg zum Herzen eines 3ebett finden. Naturgemäß wirken in der Synagoge zum größten Theile gewischte Chöre, und wird sich bei den meisten derselben ein empsindsamer Mangel dadurch bemerkbar gemacht haben, daß bis jetzt keine größere Zammlung von Liedern für gemischten Chor, speziell für den Gottesüienst in der Synagoge zu haben ist. Dagegen hat jeder derartige Verein eine Anzahl oft sehr >chöner Lieder, durch Abschreiben u. s. w. vervielfältigt, deren Anschaffung mit größeren Kosten verknüpft war und doch nicht das sietet, was eigentlich »öthig wäre. Sehr oft ist auch fehlendes Material der Grund, daß, der Ausgaben halber, ein Studiren neuer Lieder unterbleibt, Sänger und Züngerinnen dadurch die Lust zum Gesänge verlieren und Chöre, sie eine Zeit lang bestanden und zu den besten Hoffnungen berechtigten, üch wieder auflösten. Das in den verschiedenen Vereinen zerstreute Material zu sammeln, si'eues und Gutes dazu zu suchen, muß Aufgabe der bestehenden v'horvereine werden, »in auf diese Weise die Herausgabe eines jüdischoeutschen Liederbuches für gemischten Chor zu ermöglichen, das jeden Verein bei geringer Auslage in die Lage versetzt, sich mit einer Anzahl siir Jahre hinausreichender schöner Chöre zu versehen. Der Unterzeichnete bittet daher die Herren Kantoren, Direktoren und Vorstände der Synagogen-Chorvereine, sowie Alle, die sich für angeregte Sache interessiren, um Aufgabe ihrer Adressen, behufs Verständigung über weiter vorzunehmende Schritte. Mit Sängergruß! Julius Straus, Vorstand des Synagogenchors in Pforzheim (Baden). Um Verbreitung eventl. Nachdruck dieses Artikels wird höslichst gebeten. U Me Volksmärchen und ihre Verbreitung durch die Juden. Vorgetragen im litterarischen Verein des „Jews College“ von Josef Jacobs in London.si Die nachbiblische Geschichte der Juden kann nach zwei Hauptgesichtspunkten, dem der inneren Entwickelung des jüdischen Denkens und Fühlens und dem der Wechselbeziehungen zwischen den Inden und ihren Nachbarn in allen Ländern der Civilisation, verfolgt werden. Während in ersterer Hinsicht hauptsächlich durch die Arbeiten von Professor Graetz immer klarere Anschauungen erzielt werden, ist der andere Zweig der jüdischen Geschichte, die Erforschung der Einflußnahme des Mutterlandes und seiner nationalen Kultur auf die Juden der verschiedenen Länder und deren Gegeneinflusses auf das Mutterland noch immer in den Anfängen befindlich. Was wir über den Weg erfahren, auf dem die Juden seit frühester Zeit mit der Kultur der Griechen, Römer, Franzosen, Deutschen, Italiener, Moslenien, Engländer in Verbindung traten, ist so sehr nur der Anfang zur Erkenntniß geblieben, als wie das eben erst dämmernde Licht in der noch mehr verwickelten Frage, welchen Einfluß die Juden im Mittelalter auf ihre Nachbarn geübt haben, außer daß sie ihnen als Stoff für gelegentliche Massakces oder als ewige Zielscheibe der Verhöhnung dienten. Sie in ein begrenzteres Gebiet dieses Problemes einzuführen, den Einfuß der mittelalterlichen Juden auf die Verbreitung der Volkssagen in Haus und Herd unter dem niederen Volke der europäischen Länder zu schildern, soll der Gegenstand dieses Vortrags sein, und ich hoffe, Sie werden es nicht für bedeutungslos erachten, wenn sich beweisen läßt, daß Juden an ihrem Theile beigetragen haben, das Leben derer zu erhellen, welche die harte Arbeit der Welt zu verrichten hatten. Der Stoff ist allerdings ein überreicher, denn zu mannigfachen Zeiten hat der Versuch gelockt, zu zeigen, daß alle, oder doch nahezu alle Volkserzähluugen und Fabeln, die ganze Zauberwelt der Volksphantasie auf jüdische Quellen sich zurückführen lassen. Ich habe für solche Ansichten, wie überhaupt für Alles, was jugendlich und enthusiastisch ist, eine heimliche Liebe, wie es denn noch nicht so viele Jahre auch her ist, daß ich in diesem Sinne jugendlich selber die Neigung hatte, bei allen Forschungen nach den Ursprüngen „cherchez le juif“ mitzilschreien. In der Philosophie überall den Einfluß Philos, Jbn Gabirols, Maimonides und Spinozas zu sehen, jede mystische Richtung auf die Kabbala zurückzuführen, alles mittelalterliche Wissen auf Werke jüdischer Uebersetzer aufzubauen und in der mittelalterlichen Exegese nur Philos, Raschis, Jbn Esras und Kimchis Einflüsse zu erblicken, das sind die Verlockungen für ven jüdischen Forscher, wenn er zum ersten Male die gediegenen Beiträge zu dem Wissen und der Einsicht der Menschheit mustert, die für eivig mit unsren Namen in Verbindung gebracht werden müssen. Aber mit dem erweiterten Wissen ernüchtert das Denken, man lernt die Juden nicht als Monopolisten, sondern als Mitarbeiter ansehen an dem großen Werke der Aufrichtung des mächtigen Baues der menschlichen Erkenntniß. i) Uebersetzt von Ignatz Kaufmann (Kojetein).