Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- Seite 496 (sequence 6)
- Language
- German
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496 die zwischen den Bankreihen stehenden jungen Leute überfüllt werde. Das Gemeindehaus war denn au.st am jüngsten Feiertag einem wahren Sturme ausgesetzt und die Mitglieder des Vorstandes hatten nicht genug Hände, um die ungeduldigen jungen Leute, welche um Eintrittskarten gekommen waren, rasch genug zu befriedigen. Es wurden für diesen Gottesdienst etwa 500 Eintrittskarten ausgegeben. Selbstverständlich hat die Gemeinde schon früher für einen entsprechenden Betsaal gesorgt, einen Prediger, einen Vorbeter, zwölf Chorknaben, einen Organisten, Saaldiener u. s. w. engagirt, ohne für diese erheblichen Kosten auch nur einen Kreuzer an Eintrittsgebühren zu verlangen. Am Vorabende des jüdischen Neujahrstages hätte der erste Gottesdienst stattfinden sollen. Allein der Himmel! war schon vollbesäet mit Sternen, es war bereits ganz finster und das Lokal wollte sich nicht füllen. Um 0 Uhr konnte der Gottesdienst noch inimer nicht begonnen werden, weil keine zehn Leute erschienen waren — die Zahl ist nach jüdischem Ritus zum Beginne des Gottesdienstes erj forderlich — so daß der Vorstand der Gemeinde aus dem Kultusternpel j Leute nach dem Bethanse der Universitätshörer dirigiren mußte, damit der Gottesdienst abgehalten werden könne. Es waren also von fünfhundert Universitätshörern keine zehn erschienen! So ist es um die Frömmigkeit der Universitätsjugend beschaffen."! Das ist ein trauriges Bild religiöser Gleichgiltigkeit. Welchen! Religionsunterricht mögen wohl diese Herren Studenten erhalten haben? * Iudcnmlsston und Antisemitismus. Proselytenmachern war im Judeiithum stets verpönt, noch viel : weniger hielt es sich für pcädestinirt, durch Feuer und Schwert fürfeine Ausbreitung Sorge zu tragen. Ganz anders in anderen Religionsgenossenschafte». So erstreckt sich über alle Erdtheile die eifrige Mifsionsthätigkeit christlicher Kirche», um überallhin christliche Gläubigkeit zu verpflanzen, ganz besonders den Heiden die christliche Religio» zugänglich zu »lachen. Diese Wirksamkeit der Missionare! ist entschieden — das ist gar nicht zn verkennen — von hervorragend; kultureller Bedeutung. „Auch für die Mission unter den Juden j bildeten sich neue Vereine in England, Deutschland und Frankreich : mit aufopfernder Thätigkeit, jedoch ohne entsprechenden Erfolg." 1 (Siehe Professor Dr. Kurtz, Abriß der Kirchengeschichte, Seite IW). : Diesem Zwecke dient die mir vorliegende Schrift, die aus fürstlicher Feder stammt?) Die hohe Verfasserin gesteht selbst zu: „Mit den Juden ist es don) eine eigene Sache, daß die im fernen Asien und dem südlichen Rußland lebenden leichter zn bekehre» sind, als diejenigen j in Europa, welche unter uns Christen leben, diese oft hochgebildeten reichen Leute ivollen nichts vom Christenthum wissen. Ich glaube, j die Missionare wagen sich kaum an sie heran, auch ich wüßte nicht, j wie ich ihnen meine Schrift nahe bringen könnte. Doch auch ihre Zeit wird kommen, der Herr wird die Stunde schon kennen, wo sie ihn ftichen und finden sollen." Doch die Sorge der Herzogin ver- , scheucht die Rührigkeit des Herausgebers der genannten Schrift, der , eine „hebräische und eine jüdisch-deutsche (?) Uebersetzung" veranstaltet. „Uebersetznngm in das Dänische, Schwedische, Englische, Französische, : Holländische, Italienische und Russische sind in Vorbereitung." Fern I von der erlauchten Verfasserin ist jeglicher Fanatismus, ihr kirchlicher j Eifer will die Inden „durch Liebe zur Religion der Liebe" hinziehen.! „Hat doch der Heiland gerade unter diesem Volke gelebt,"! ruft sie aus, „und war selbst, seinem menschlichen Wesen? nach, ein Israelit! Im Mittelalter sogar verfolgten unsere europäischen Vorfahren die Juden, weil ihre Vorfahren (?) einst den Heiland ans Kreuz geschlagen? Ein Wort a» Israel, von Agnes, Herzogin von Sachsen-Altenburg, geborene Prinzessin von Anhalt. Leipzig. Akademische Buchhandlung (W. Faber). 189». hatten; sie peinigten und marterten dieselben auf Grund falscher Anschuldigungen, wie der Vergiftung der Brnnnen, des Schlachtens christlicher Kinder zum Passahfeste, oder wenn sie die Zwangstaufe nicht annehmen wollten." Nach dieser Expektoration folge» zahlreiche in christologischem Sinne interpretirte Stellen aus dein „Alten Testament", sowie Belegstetlen ans dem „Neuen Testament", die die Uebereinstimmnng zwischen den Prophezeiungen im erster» und den Erfüsiungen im letzter» darthun sollen. Von dem Standpunkte der fürstlichen Verfasserin ans athmet das Werk eine so kindliche Gläubigkeit, das sie zum Schluß in die Worte ausbricht: „Wir hoffen und beten, daß ihr, die ihr dies leset, zum Glauben gelanget, euch unterrichten lastet das neue Testament mit Aufmerksamkeit leset und getauft werdet!" Daß es selten die gläubige Ueberzeugung von den „Heilswahrheiten" der christlichen Religion ist, die die Inden an das Taufbecken treibt, das kennzeichnet in trefflicher Weise der anonyme Verfasser einer anderen sehr interessanten »nd fesselnd geschriebenen Broschüre? Siehe daselbst Seite 85: „Ehe die jetzigen, mittelalterlichen Juden hetzen begannen, ließen sich viele wohlhabende Jriden taufen, sich selbst oder wenigstens ihre Kinder. Sie folgten damit nur der Frage »ach dem äußeren Vortheil, damit ihren Kindern in einem christlichen Staate der Weg geebnet würde. Denn wenn inan von den heutzutage unsinnigen (?) Ritual- und Speisegesetzen absieht, ist die jüdische Religion lauterer, vernünftiger, als die christliche." Der Herr Verfasser weiß offenbar nicht, daß das Wesen der jüdischen Religion nicht ans Ritual- und Speisegesetzen beruht. Et fährt dann weiter fort und sagt: „Wenn es also schon unklug war die in wachsender Anzahl sich bekehrenden Inden abzustoßen, so ist cs auch ini höchsten Grade empörend, irreligiös, unmoralisch. Lieben und Gutes thun ist göttlich. Aber die bieten Edlen unter den Juden mit den Ungerechten zu verdammen, ist ungöttlich, ist ein Verrath an allem Hohen und Heiligen, was die Menschheit bis heute ans mühseligen Wegen errnngen. Und solchen Lehrern des Hasses soll man seine und seiner Kinder Seelen anvertranen! — Wenn endlich nach allen solchen Hetzereien die thierischen Instinkte des Pöbels in Rußland und Korfu bis zum Mord der Juden und zn Brandstiftinigen borschreiten, schlagen jene Herren salbungsvoll die Augen auf: „Gottes Wege sind unersorschlich. Wir sind unschuldig an diesem Blut." Hier gilt der Vers des Horaz: Quidquid delirant reges, [>lectimtni-Acliivi: „was auch immer die Hohen in ihrem Wahnsinn verbrechen, der gemeine Mann erleidet Schläge." Der Verfasser hat »och manches kräftige Wort gegen den Antisemitisiinis und dessen Wortführer. So wirft er die Fragen auf: „Worin übertrifft denn die christliche Moral die jüdische? Können bu edlen Herren Antisemiten darauf antworten? Daß Christus i» de» Tod gegangen ist? Also die Selbstverlengmmg iväre das nnter scheidende Merkmal. Nun, dadurch zeichnen sich die Herren Anti semiten im reichsten Maße aus. Sie sind fürwahr Jesu getreuest. Jünger! Geht man indessen ihrem wüsten Treiben auf den Grund so findet man Neid und Hetzereien, sich an dem Gute derer zn be reichern, die ihnen vorher in ihrer Noth Gelder vorgeschoffen haben. Unter den Christen giebt es indessen biete und vielleicht auch ver hültnißmäßig mehr Wucherer als unter den Juden. Man gebe den Juden bürgerliche Gleichstellung auf allen Gebieten, und sie werden sich schnell vom Handel zmückziehen. Gleiche Pflichten sollen sie haben Königsdienst, Stenern, Gehorsam gegen das Gesetz; aber die gleichen Rechte versagt man ihnen." Soweit die zweite Broschiire! si Betrachtungen eines Einsiedlers über kirchliche und staatliche Dinge. Bremen. Verlag von Eduard Hampe. 1893.