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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-20 · Heft 42 (20.10.1893) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
Seite 494 (sequence 4)
Language
German
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494 Ohne kräftige Mitwirkung der Eltern wird die Schule diese Ziele nie erreichen können. So lange die Eltern den Unterricht in der Religion und Sittenlehre als etwas Nebensächliches, als eine Bürde für ihre Kinder betrachten, werden sie es nicht hindern können, daß dis Kinder zum Gespött ihrer Mitschüler werden, welche von Kindheit ab den Religionsunterricht genießen. So lange Eltern selbst dem alten Glauben anhängen, aber den Kindern eine Wohlthat zu erweisen meinen, wenn sie dieselben im unreifen Alter zu einer anderen Religion überführen, werden sie sich über die Charakterlosigkeit ihrer Kinder, über den Zwiespalt in der Familie nicht beklagen können. Wie können solche Eltern für sich und ihre Kinder die Achtung Andersgläubiger fordern, wie es ihnen an Selbstachtung und Selbstvertrauen fehlt?! Die Religionsschule soll ihre Zöglinge im Glauben stärken. Im Glauben! Mit der freiheitlichen Entwicklung sind die Gegensätze zwischen orthodox und liberal schärfer in die Erscheinung getreten als früher, und zwischen diesen Gegensätzen sind noch viele Abstufungen vorhanden. Ich beklage diese Entwicklung keineswegs und bin der Ansicht, daß in einer großen Gemeinde Raum sein muß für die Entfaltung der verschiedenen Richtungen. Wie aber die Organe der Gemeinde bestrebt gewesen sind, die Verschiedenheiten zu überbrücken und den Frieden zu erhalten, so sollen auch unsre Religionsschulen nicht trennend, sondern einigend wirken, sie sollen Stätten der Belehrung und Erziehung sein für die Gesaunntgemeinde und nicht für einzelne Richtungen im Judenthum. Die Kenntniß der Lehre und der Geschichte ist für alle Richtungen im Judenthnm von gleicher Bedeutung. Nicht trennend, sondern einigend soll die Religionsschnle auf das Verhältniß zwischen ihren Zöglingen und den Bekennern anderen Glaubens hinwirken. .Keine trennenden Schranken sollen anfgerichtet werden. Unsere Zöglinge sollen lernen, die Ueberzeugung Andersgläubiger zu achten und zu ehren und mit ihnen gemeinsam für das Heil des Vaterlandes zu wirken. Diese Ziele der Religionsschule werden Vielen als unerreichbar scheinen. Allein häufig ist es schon ruhmvoll, das Beste gewollt und mit geeigneten Mitteln erstrebt zu haben. Wir intrfen uns Glück wünschen, daß an der Spitze unserer bestehenden Religionsschulen Mariner stehen, welche — durchdrungen von der Heiligkeit ihrer 'Aufgabe — mit Aufopferung und Hingebung für die Errichtung der bezeichneten Ziele gewirkt haben und noch wirken. Wir dürfen hoffen, in dem Manne, welchem wir die Leitung unserer dritten Religionsschule anvertrauen, Herrn Rabbiner Dr. Weiße, einen ebenso tüchtigen, gewissenhaften und hingebenden Führer gefunden zu haben. Hierfür bürgen uns die Erfolge in seinem früheren Wirkungskreise und die Sympathien, welche er sich bereits in unserer Gemeinde, auch bei der Jugend, errungen hat. Allein wie der tapferste Feldherr keinen Sieg erringen kann, wenn ihm nicht tüchtige Offiziere zur Seite stehen und die Soldaten willig den Führern folgen, so vermag auch der vorzüglichste Leiter einer Schule nichts, wenn ihm nicht bewährte Lehrkräfte ihre Unterstützung leihen und die Zöglinge gern dem Lehrer lauschen. Je mehr es der Lehrer versteht — so weit es der Gegenstand gestattet, — das Interesse seiner Schüler zu erwecken und bei einer scheinbar trockenen Disziplin anregend zu wirten, — desto größer werden seine Erfolge sein und desto mehr wird er sich die Liebe seiner Schüler erwerben. Alle Lehrkräfte, welche wir für diese Schule gewonnen haben, sind seit Jahren im Unterricht und in der Erziehung der Jugend erprobt. Zur Zeit sind wir nur in der Lage, die Schule mit den unteren Klassen zu eröffnen; wir werden uns aber aufrichtig freuen, wenn die Fortschritte der Schule derartige sein werden, daß wir bald höhere Klassen den jetzt zu eröffnenden anschließen können. Und nun wende ich mich an Euch, die ersten Zöglinge dieser Schule. Ihr wißt, daß der Ruf einer Schule und ihrer Wirksamkeit oft von dem Geist abhängt, der zuerst darin waltet, von den Leistungen und den Fortschritten der ersten Schüler. Betrachtet Euch als die Mitbegründer dieser Anstalt: tragt dazu bei, ihren guten Ruf zu begründen und der Anstalt durch gesittetes Benehmen, durch Fleiß und Eifer Ehre zu machen! Ihr seid in der Schule gewöhnt, Unterrichtsstunden, an denen Theil zu nehmen Ihr nicht gezwungen seid, als untergeordnete zu betrachten,; namentlich wenn die Versetzung nicht von Eurem Fleiße in diesen! Stunden abhängig ist. So liegt es nicht mit dem Religionsunterricht.; Folgt Ihr demselben mit Aufmerksamkeit, nehmt Ihr die Lehren, welche Ihr hier empfangen werdet, mit warmen Herzen auf, so werdet Ihr für Euer ganzes Leben einen Schutz darin finden, einen Schutz gegen Ueberhebung in den Tagen der Freude und Trost in den Tagen des Leids und der Trübsal. Ihr wisset Alle, namentlich die Gymnasiasten, daß das Erlernen einer fremden Sprache (um mich eines gewöhnlichen Ausdruckes zu bedienen) langweilig ist, Geduld und Ausdauer erfordert. Ihr werdet auch öfters die Frage vernommen oder Euch selbst gestellt haben: Wozu sollen wir Hebräisch lernen? Bedenket, daß Ihr durch die Kenntniß dieser Sprache nicht nur in den Stand gesetzt werdet, die unvergleichlichen Psalmen in der Ursprache zu verstehen und die Gebete nachzuempfinden, sondern auch daß das gemeinsame Band aller jüdischen Gemeinden das Hebräische ist. Wo Ihr auch weilt und das Andachtsbedürfniß in Euch empfindet, werden in allen Synagogen — selbst der entferntesten Länder — vertraute Laute an Euer Ohr klingen und in Euer Herz dringen. Als einen Uebelstand empfinden wir es, daß das Alter der Schüler und Schülerinnen derselben Klasse ein sehr verschiedenes ist. Allein wir erwarten gerade von den älteren Zöglingen, daß sie Muster und Vorbilder für die jüngeren sein werden, und wir bezweifeln nicht, daß sie vermöge ihrer größeren allgemeinen Bildung und der größeren geistigen Reife in weit kürzerer Zeit als die jüngeren die höheren Klassen erreichen werden. Wenn Lehrer und Schüler wetteifern, die Aufgaben der Religionsschule zu erfüllen, so wird diese Stunde als eine bedeutsame in den Annalen unsrer Gemeinde verzeichnet werden können; alsdann wird diese Schule den Lehrern Befriedigung für ihre mühevolle Thätigkeit gewähren und den Zöglingen, sowie der Gemeinde zmn Segen gereichen. Das walte Gott! Nach dieser Rede, die sichtlich auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck hervorbrachte, folgte ein Orgelzwischenspiel; sodann bestieg der neue Dirigent der Religionsschule, Herr Rabbiner Dr. Weiße, das Podium und hielt etwa folgende Ansprache: Den trefflichen und erschöpfenden Worten unseres hochgeehrten Herrn Vorsitzenden vermag ich nur Weniges hinzuzufügen. Der thatkrästigen und wohlbedachten Führung unserer Gemeindebehörden danken wir diese Schule, die berufen ist, der Jugend den innigen Glauben an Gott ins Herz zu pflanzen, jenen Glauben, den die Propheten verkündet, und der nichts Anderes fordert, als Recht thun, Liebe üben und demüthigen Wandel vor Gott. Diese Schule soll ein Born werden, aus dem die Jugend höhere Lebensanschauung und Gesittung schöpft. Gerade in unserer Zeit, wo der Kampf ums Dasein ein schwerer, oft ein verzweifelter ist, wo die schroffsten Gegensätze einander begegnen, ja oft künstlich erzeugt werden, ist es nöthig, daß der Jugend Ideale ins Herz gepflanzt werden, im Aufblick zu denen sie den rechten Weg finden und wandeln soll. Werden Glauben an den Höchsten in sich trägt, wer von frühester Jugend an sich gewöhnt hat, an Ihn zu glauben und auf Ihn zu hoffen allezeit, der wird auch von allem Niedrigen und Gewöhnlichen sich fern zu halten vermögen. Diesen Glauben an Gott, den Inbegriff aller Ideale, wollen nmin die zarten und empfänglichen Herzen der Jugend zu pflanzen uns bemühen. Sie wird durch denselben lernen, im Glücke dankbar und bescheiden zu bleiben, und in schwerer Zeil die Zuversicht nicht zu verlieren, und Zweifel und Verzweiflung, die eng Zusammenhängen, von sich abzuwehren. Sie wird durch denselben lernen, wahrhaft human und edel zu sein, und so wie Gott, der Allvater in den Höhen, keinen Unterschied macht zwischen Mensch und Mensch, wie Alle, in gleicher Weise gebildet, seine Gnaden empfangen und von der Sonne seiner Allliebe beschienen werden — so soll auch die Jugend lernen, treu den: angestammten Bekenntnisse sein, aber darum in Liebe, Menschlichkeit und Pflichterfüllung keinen Unterschied kennen zwischen Mensch und Mensch, rveß' Glaubens und Stammes er auch sei; dic Jugend soll hier lernen, daß der Glaube an Gott nie der zerstörenden, verzehrenden Gluth gleichen darf, sondern der milden Frühlingssonne, die erfreut, erwärmt und belebt. Die Jugend soll endlich lernen um der Ideale willen auch gerne leiden und dulden: Das wird sie am besten, wenn sie die schwere, inhaltsreiche Geschichte der Väter kennen lernt: in ihr wird sie wahrnehmen, wie das reinsteund heiligste Glück unabhängig ist von Anerkennung und Erfolg, nur in dem Bewußtsein treuer und ernster Pflichterfüllung seine unzerstörbare Sicherheit trägt, und nicht außer uns,

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