Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 42. Allgemeine Berlin, 20. Oktober 1893. eitung öes Audenlbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter L-treifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von NabKiner Dr. Ludwig Phitippson-Sonn Verlags-Trpedition: iöerlin, Äerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen snr Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Mosse, Berlin. 3ttt|(tlt» Leitartikelr Aus der Berliner Gemeinde. — Die Woche. — .mdenmission und Antisemitismus. — Die Spnagogm-Ehorvereine. Bon Dr. Strauß. — Die Volksmärchen und ihre Verbreitung burdb die Juden. Von Josef Jacobs. — Feuilleton: Der Schatten. Erzählung von Eduard Kalke. (Fortsetzung.) — Wie mein Urgroßvater meine Urgroßmutter bekam. Von Gustav Eichen grün. (Schluß). — Literarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Sckmeideniühl. Breslau, Leipzig, Herford, Wien, Budapest. Vulkovar, Moskau. Jaffa. — Von Nah und Fern. — Miscellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 16. Oktober. Die Eröffnung einer dritten Religionsschule, für den Westen Berlins, ist eine Angelegenheit, welche eigentlich nur von lokaler Bedeutung ist. Aber durch die Ansprache, mit welcher der Vorsitzende unserer Gemeinde, Herr Justizrath Meyer, diese Eröffnungsfeier üngeleitet, hat dieselbe eine weit über den Rahmen des Lokalen hinausgehende allgemeine Bedeutung erhalten. Diese Ansprache charakterisirt den Geist, welcher die Berliner Gemeinde leitet; diese goldenen Worte werden überall Verständnis und Theilnahme finden, lind da die Berliner Gemeinde vorbildlich ist für so viele andere, so ürfen wir hoffen, daß ein Hauch dieses Geistes auch in weite Kreise »ringen und dort religiöse Wärme und thatkräftige Impulse für die Erziehung unserer Jugend wecken wird. Die freier der Eröffnung der dritten Religionsschule fand in der 'lula der Gemeindeschule, Derfflingerstraße 18, am Sonntag Vormittag vor einem geladenen Publikum statt. Sie wurde durch einen besang des Chors der Lindenstraßensynagoge unter der vortrefflichen Leitung des Herrn William Wolfs feierlich eingeleitet. Sodann hielt derr Justizrath Meyer die folgende Rede: Geehrte Versammlung! Die Gemeindebehörden, in deren Namen ich ie Ehre habe. Sie zu begrüßen, haben es stets für ihre Pflicht gehalten, ■eit religiösen Sinn in der Gemeinde zu stärken und zu fördern. Wie -leichwohl hier und da der Tadel laut geworden ist, daß nach dieser Dichtung hin nicht genug geschehen sei, daß die Errichtung von neuen Stätten der Andacht und von Religionsschulen nicht gleichen Schritt gehalten habe mit der Zunahme der Zahl der Gemeindemitglieder, so ist hiese Thatsache leicht erklärlich und entschuldbar. In früheren Zeiten war die Synagoge nicht nur der Mittelpunkt des religiösen Lebens, sondern auch räumlich gruppirten sich die Wohnungen unserer Mitglieder m die Synagoge herum; aber noch bedeutsamer ist es, daß in der Vergangenheit das religiöse Leben stärker pulsirte als heut, und daß man bei der Errichtung neuer Synagogen nicht der Befürchtung Raum zu geben brauchte, sie würden nur an wenigen Tagen des Jahres besucht werden, an den Sabbathen aber verödet dastehen. Je konzentrirter das Leben einer Gemeinde, desto leichter ist es, den religiösen und geistigen Bedürfnissen zu genügen, je verstreuter eine Gemeinde — desto schwieriger. In den Zeiten des Druckes bedurfte es kaum besonderer Religionsschulen; jeder Vater war der Lehrer seiner Kinder, die Religionsübung durchgeistigte das ganze Leben, Beispiel und Lehre des Vaters begeisterte die Kinder für die angestammte Religion. Je größer die Freiheit, je verzweigter die Thätigkeit des Einzelnen, je mehr Ansprüche an die Jugend und ihre Leistungen gestellt werden, desto nothwendiger ist die Religionsschule, aber auch um so schwerer wird es, die Aufgabe derselben zu lösen Wo wir bisher nicht in der Lage waren, eigene Religionsschulen zu gründen, weil wir an einer genügenden Theilnahme zweiselten, haben wir die aus der Initiative der Gemeindemitglieder hervorgegangenen Veranstaltungen, welche den Zwecken religiöser Belehrung dienten, nach Möglichkeit thatkräftig unterstützt. In der Hoffnung, daß es im Westen unserer Stadt einer solchen Anstalt nicht an Theilnahme fehlen würde, haben wir die heut zu eröffnende Religionsschule ins Leben gerufen, und wir dürfen freudig bekennen, daß nach der verhältnißmäßig großen Zahl der bereits angemeldeten Zöglinge zu schließen, wir uns in unseren Erwartungen nicht getäuscht haben, und daß der religiöse Sinn in unserer Stadt und in diesem Stadttheil nicht erloschen ist. Geehrte Versammlung! Jede Schule hat die Aufgabe, nicht nur ihre Zöglinge zu belehren, sondern auch sittlich zu erziehen. Die jüdische Religionsschule hat aber noch besondere Aufgaben; sie hat den Charakter der Zöglinge zu festigen, sie im Glauben zu stärken und mit der Ueberzeugung zu durchdringen, daß das Judenthum seine große geschichtliche Aufgabe noch nicht vollendet habe, ihnen Selbstachtung und Selbstvertrauen — ohne Ueberhebung — einzuflößen. Zu allen Zeiten hat es Abtrünnige gegeben, welche aus persönlichen Beweggründen den Glauben der Väter abgeschworen haben; aber der Gegenwart blieb es Vorbehalten, daß die Unwissenden das große Wort führen und sich weise dünken, wenn sie die Religion verleugnen und alle Fesseln von sich abstreifen. Die Unwissenden, die der Geschichte der Juden Unkundigen sind es, welche ihren Glaubensgenossen Mangel an Muth zum Vorwurf machen und denselben, den Verleumdungen der Gegner folgend, schlechte Eigenschaften andichten, während sie selbst feige ihre Fahnen verlassen und Ursache und Wirkung verwechseln. Die Aufgabe der Erziehung ist es, den Antisemitismus aus dem eigenen Lager zu verbannen. Keine Religion ist mehr verfolgt worden als die jüdische; keine Bekennerschaft hat mehr Leiden erduldet als die unsrige. Wie vor Jahrhunderten, so auch jetzt haben Neid, Mißgunst und Scheelsucht vielfach die Veranlassung zu den Verfolgungen gegeben. Hauptsächlich war es aber der religiöse Fanatismus, welcher in der Vergangenheit die Scheiterhaufen anzündele. Heute ist der Antisemitismus Geschäftssache und ein Mittel, um politischen Einfluß zu gewinnen. Die Böswilligen sind nicht zu bekehren und zu belehren. Aber bei der nicht geringen Zahl der Irregeleiteten ist dies nicht ausgeschlossen, wenn wir uns auch darüber nicht täuschen dürfen, daß zur Heilung derartiger Krankheiten lange Zeit erforderlich ist. Eben deshalb ist es die Ausgabe der Religionsschule, die Jugend anzuleiten, zu befähigen und stark zu machen zum Kampf gegen Vorurtheile und Verleumdung durch Wissen und dazu beizutragen, daß sie die Sittenlehre des Judenthums allezeit im Leben bethätigen.