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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-13 · Heft 41 (13.10.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 41 (13.10.1893)
Date
1893-10-13
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Zum großen und aufrichtigen Bedauern all derjenigen, welche Ee Kanzel, die der unvergeßliche Mannheimer aufgerichtet hat, hoch in ü'hren halten, ist sein würdiger Nachfolger im Predigeramte Dr. Jellinek u'il Jahr und Tag selten in der Lage, dieselbe zu besteigen. Man sollte i itn meinen, daß es maßgebenderseits keine wichtigere Aufgabe geben i önne, als für eine Stellvertretung zu sorgen, welche der Weihe entspricht, die diese Kanzel für alle Zeiten dadurch erhielt, daß sie von solch begeisterten md begeisternden Verkündern des Gotteswortes beschrittni wurde, und oie sie ein intelligentes, das Judenthum in seiner hehren und erhabenen Mission erfassendes Publikum zu beanspruchen das volle Recht hat. Weit i.efehlt! Vielmehr wurde der Gemeinde ein stellvertretender Funktionär \\x dieses Amt aufoctroyirt, der ohne jeden Zweifel ein braver Mann, «ber ebenso gewiß nicht befähigt ist, den ihm zugewieseneu Predigerposten, wenn auch nur aushilfsweise zu versehen. - Nichts wäre jedoch ungerechter, als dem Manne selbst irgend eine Schuld beizumessen; er >ietet eben sein Bestes. Aber diejenigen, welche ihn mit der Mission bebauten, im Bethause der Innern Stadt das Predigeramt zu üben, haben ich an ihm und an der Gemeinde arg vergangen: an ihm, weil sie ihn em Lehrberufe entzogen, in welchem er Ersprießliches leistete; an der Gemeinde, weil sie es unterließen, dieselbe, „die nicht hungerte nach Brod und nicht durstete nach Wasser, sondern zu hören die Worte Gottes", mrch entsprechende Vorsorge zu befriedigen. Man sinnt und trachtet, Ulf welche Weise das religiöse Bewußtsein geweckt werden könnte, und nan begiebt sich des hiefür geeigneten Mittels: der Predigt. Der Hauch, uer den Lippen des gottbegnadeten Redners entströmt, stimmt, wie der Zephyr die Davidsharfe, die Herzenssaiten der Zuhörerschaft zu den melodischesten Tönen. Nur Wahnbethörte können glauben, daß „die scharfe Tonart" in der Rede eine Kompensation zu bieten vermag für die fehlenden Gedanken und für die abgängige Redegewandtheit; das Gegentheil ist der Fall, und „die Balken am- Holze", die leeren Bethaussitze, bezeugen dies ,ur Genüge. Soll dies aber so fortdauern? Gelten Ansehen und Würde uer Gemeinde nichts? Soll der Seitenstetter-Tempel, an den sich solche uerrliche Traditionen knüpfen, fürder ohne Festbesucher bleiben? Verdient s Dr. Jellinek nicht, daß bei der Wahl eines Stellvertreters für ihn auf eine Bedeutung Rücksicht genommen wird? Oder soll wirklich das dermalen bestehende Interregnum in unserer Gemeinde verhängnißvoll, venn nicht gar unheilvoll werden? Das Regime der Stellvertretung dehnt ich auch auf die Präsidentschaft in unserer Gemeinde aus. Seit den: Rücktritt des letzten Präsidenten ist nicht mehr an die Wahl eines solchen gegangen worden. Es mögen zweifelsohne triftige Gründe dafür vorhanden sein; zu bedauern bleibt, wenn man aus dem Munde des interimistischen ersten Vertreters der Gemeinde hört,daß ein Kultusvorstand nicht reformatorisch sein könne, weil „Reform" und „Kultus" mit einander nichts gemein Hütten. Verstehe das, wer da wollet — Mögen ein neuer Geist und besseres Verständniß für die Aufgaben und Bedürfnisse unserer Gemeinde ihren Einzug bei uns halteil! □ Wien, 9. Oktober. Der famose Pfarrer von Weinhaus 'pukt noch immer in manchen Köpfen; so war diese Woche hier das Gerücht verbreitet, daß der im Prozesse Paulus Meyer mitverurtheilte Pfarrer von Weinhaus, Dr. Deckert, über Beschluß des fürsterzbischöflichen Konsistoriums aus Wien versetzt worden sei. Auf Grund sehr guter Informationen können wir mittheilen, daß dieses Gerücht, wenigstens in diesem Augenblicke, unbegründet ist. Kaum aber ist der „Ritual- Mord-Prozeß" Meyer-Deckert vorbei, gehen gewissenlose Agitatoren schon oaran, etwas Aehnliches zu insceniren, wie ich Ihnen im Nachstehenden über die Vorgänge in Be raun in Böhmen zu berichten habe Die hiesige Stadt ist am i. d. der Schauplatz turbulenter Szenen gewesen, deren Grundlage ein angeblicher Nitualmord bildete. Der Glasermeister Emil Löwy, der auch die Funktionen eines Schächters der israelitischen Kultusgemeinde versieht, fand in seinem Magazine vor acht Tagen sein entlassenes Dienstmädchen Marie Schmidt zwischen Strohvorräthen leblos nn Boden. Löwy eilte zum Vorstande der Kultusgememde und erstattete oon seinem Funde die Anzeige. Der Vorsteher begab sich mit Löwy yun Bürgermeister und dem Bezirksrichter, welche den städtischen Arzt unverzüglich in das Glasmagazin entsandten. Der Arzt konstatirte den nngetretenen Tod und verlangte einen zweiten Arzt behufs Obduktion der Leiche. Der zufällig anwesende Horowitzer Bezirksarzt legte mit den Stadtärzten das leblose Mädchen auf den Tisch und entdeckte, daß in dem Körper noch Leben vorhanden sei. Die angestellten Wiederbelebungsversuche waren von Erfolg begleitet. In der Stadt verbreitete sich mittlerweile das Gerücht von einem Ritualmord, das von Agitatoren genährr wurde Eine hundertköpfige Menge sammelte sich vor Löwy's am Ringplatze gelegenen Hause an. Die von den Agitatoren, namentlich von Weibern, aufgehetzte Menge nahm eine drohende Haltung an. Die Bahnarbeitersgattin Swoboda schlug in Gegenwart des Bezirksrichters mit den Fäusten an die verschlossene Thür und rief aus: „Massakrirt sie! Treibt die Juden aus Beraun!" Die Gendarmerie führte die Exzedentin weg. Das zum Bewußtsein gebrachte Dienstmädchen wurde in das Krankenhaus gebracht und sagte aus, daß sie selbst in das Magazin gekrochen sei, dort einen epileptischen Anfall hatte und seit acht Tagen ohne Nahrung in dem Magazin liege Die Volksmenge sammelte sich aber trotzdem wiederholt vor dem Hause Löwy's an itnb stieß antisemitische Drohungen aus. Die Gendarmerie und die Ortspolizei hatten Mühe, die Menge zu zerstreuen. Der Bezirksrichter Holic und Bürgermeister Pstroß verhinderten wiederholt burd) ihr taktvolles Eingreifen größere Exzesse. — Unterdessen berufen die hiesigen Antisemitenführer unausgesetzt Versammlungen ein, in denen Brandreden schwersten Kalibers gegen das Judenthum gehalten werden — zuweiten auch, um sich bei den Sozialisten schön zu nmchen gegen das Kapital — zumeist aber enden diese Versammlungen durch das Eingreifen der Sicherheitswache, die die tmnnltuarischen Redner auseinander treibt. - Diese Woche verstarb hier der allgemein beliebte und geachtete Arzt Dr. Emanuel Kali sch; ferner verschied in Korneuburg der Kreisgerichts - Adjunkt Moritz Schmiedel, Sohn des Fünfhauser Predigers Dr. A. Schmiedel. — Zu Prwatdozenten wurden ernannt: Doktor Albert Hammerschlag als Privatdozent für interne Medizin an der medizinischen Fakultät'der Universität in Wien, Dr. Rudolf Fischer als Privatdozeut für englische Sprache und Litteratur an der philosophischen Fakultät der Universität in Innsbruck. Zu Polizei-Ober-Kommissären die Kommissäre Leopold Presser, Dr. Samuel Freund und Josef Rosenberg; der Bezirksrichter in Joslowitz Alois Glückselig zum Landesgerichtsrath. Rußland. F. Warschau, 2. Oktober. Ueber einen Juden auf st and in Jekaterinoslaw weiß die „Now. Wremja" Folgendes zu berichten: „Vergangenen Sonnabend veranstalteten die Juden in genannter Stadt grobe tumultuarische Szenen. Wie aus der eingeleiteten Untersuchung hervorgeht, gab die Verhaftung eines betrunkenen. Juden, der auf offener Straße 2 Uhr Nachmittags einer russischen Frau, Irena Krotowa, einen Faustschlag versetzt hat, Anlaß zu dem Exzeß. Der Israelit weigerte sich, dem Beamten zu folgen, und versetzte ihm, als er Gewalt gebrauchen wollte, eine derbe Ohrfeige, worauf das Polizeiorgan sein Nothsignal gab. Aber auch dem hierauf herbeieilenden zweiten Beamten widersetzte sich der Jude, schlug ihn und zerriß ihm seinen Mantel, Als nun die beiden Polizisten den sich Widersetzenden nach dem 3. Polizeirevier bringen wollten, verlangte eine große Menge von Juden, die sich währenddessen angesammelt hatte, die Freigabe ihres Glaubensgenossen. Je mehr die Beamten sich dem Polizeibüreau näherten, desto tosender und lärmender erschollen hinter und rings um ihnen die Freilassung verlangenden Rufe. Schließlich suchten die Juden die Beamten am Weitergehen zu hindern, indenl sie dieselben an ihren Kleidern zerrten. Schließlich gelang es den Beamten dennoch, ihre Pflicht zu erfüllen. Als jedoch der Verhaftete in den Hof des Polizeihauses im 3. Revier gebracht wurde, drängten die jüdischen Massen nach. Nur mit Mühe gelang es, das Gitterthor 31t schließen. Nun umstanden die Juden — sie hatten sich währenddessen auf 300 angesammelt — das Polizeibüreau, lärmten, schimpften und fluchten, bis dann plötzlich unter lautem Geschrei „Stürmt!" ein Ansturm auf das Gitterthor unternommen wurde, das aber dem Angriffe widerstand. Ebensowenig, wie die Zerstörung des Gitters, gelang ihnen auch die versuchte Erkletterung. — Nun warfen sie Steine über das Gitter hinweg in den Hof hinein. Ein Stein traf und verwundete eine Frau, die Tochter des im Hause wohnenden Polizeipräfekten, welche vom Hofe aus dem Tumulte zusah. Erst als von anderen Revieren Polizeiverstärkung erschien, gingen die jüdischen Tumultuanten unter Flüchen auseinander. Die Untersuchungen dauern noch fort. Die Einwohner

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