Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 der Stadt sind über diesen Aufstand der Juden furchtbar erbittert. Wie verlautet, sollen die Tumultuanten nach § 264 (Landfriedensbruch) mit 2—15 Jahren Zuchthaus bestraft werden." Soweit die „Now. Wremja". — „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube", er fehlt aus denr einfachen Grunde, weil die Mittheilung nur in der antisemitischen „Now. Wremja" wiedergegeben ist. — In Balta ist von H. Rosenthal, dem Direktor der jüdischen Bibliothek dortselbst, nach den „Odesk Nowosti", dem Inspektor Korischonowski der Plan unterbreitet worden, neben der Bibliothek eine Handwerkerschule zu errichten. K. versprach, das Unternehmen zu unterstützen. Die Ausgaben sollen sich jährlich auf circa 1620 Rubel belaufen, während das Grundkapital auf 1000 Rubel veranschlagt ist. Die Gemeinde Balta hat sich nunmehr an die Regierung behufs Bewilligung gewandt. — Ein bedauerlicher Unfall ereignete sich am Versöhnungsfeste in einem kleinen Flecken des Gouvernements Lodz. Dort erscholl plötzlich in der Frauenabtheilung der Synagoge der Ruf „Feuer!" und Alles drängte dem Ausgange zu. Bei dem Tumult und Gedränge kam ein vierjähriges Mädchen ums Leben. Marokko. ng. Mogador, im September. Abermals ist ein Mord eines Israeliten in unserem Lande zu verzeichnen. Der in Sophi (unweit Tanger) geehrte und geachtete Bürger Elijahu El Towil wurde von räuberischen Mauren in der Umgegend Sophi's überfallen, ermordet und beraubt. Wie immer so unterblieb auch in diesem Fall jede Nachforschung nach der Spur der Mörder. — Der Galanterie- und Kurzwaarenhändler Jacob Jbn Masod - Ohojon, ebenfalls ein Bürger Sophi's, wurde, als er sich auf der Strecke von dem Dorfe Dikulo nach dem nahegelegenen Flecken El Mendels befand, von räuberischen maurischen Einwohnern des letztgenannten Ortes überfallen, durch Schläge tödtlich verwundet, seiner Baarschaft (100 Dollars) sowie der bei sich führenden Maaren (200 Dollars) beraubt, und in dem Glauben, daß er bereits tobt, von den Räubern bei dem Orte Jenan el Roman auf die Hauptstraße, die nach Sophi führt, geworfen, um so den Verdacht von sich und den Einwohnern ihres Ortes abzulenken. Dort kehrte dem Beraubten das Bewußtsein wieder, er bat, da er durch den erlittenen Blutverlust sich nicht fortbewegen konnte, vorüberziehende arabische Händler, welche ihre Maaren auf Kameelen bei sich führten, ihn nach seiner Wohnung in Sophi mitzunehmen. Da sich die Araber wegen angeblichen Raummangels weigerten, diese Bitte zu erfüllen, so bat er sie, doch wenigstens seiner Frau und seinen Verwandten von dem Vorgefallenen zu berichten, was die Händler auch thaten. Unter Militärbegleitung wurde der Ueberfallene von seinem Lagerplatz durch mehrere Israeliten nach Sophi geführt, wo er einem Verhör unterworfen wurde. Trotzdem der Ueberfallene die Namen der ihm bekannten Räuber dem Richter genannt hat, befinden sich dieselben, während sich ihr Opfer auf dem Krankenlager befindet und dessen junge Iran und drei kleine Kinder dem Hunger preisgegeben sind, in Freiheit. Die Raubmörder behaupten, daß sie den Juden überhaupt nicht gesehen haben, daß er sich wahrscheinlich die Wunden selbst beigebracht habe, um nun von ihrer Gemeinde Schmerzeus- und Lösegeld zu erhalten. Amerika. n. Netv-4)ork, 18. September. Die Amerikanisch-Jüdische historische Gesellschaft hat nunmehr in Buchform den Bericht ihrer ersten wissenschaftlichen Versammlung, welche bekanntlich am 15. Dezember 1892 in Philadelphia tagte, herausgegeben. Der Inhalt dieser interessanten Schrift ist: 1. Ansprache des Präsidenten Oscar S. Strauß, 2. Die Kolonien der Juden in Georgia von C. Jones, 3. Bericht über die „Mickwe-Jsrael-Vereinigung" zu Philadelphia von Sabbato Morais, 4. Einiges unveröffentlichtes Material mit Bezug auf Dr. Jakob Lambrozo von Maryland von I. H. Holländer. Dann folgen 5. „Die Anfänge der Geschichte New - Aorker Judenthums" von Dr. M. I. Köhler, 6. „Notizen zur Geschichte der Juden in Philadelphia" von Prof. Mor. Jastrow. Herbert Friedenwald spricht über 8. „Zeichnungen von Juden", worauf 9. „eine Landgrenze" von N. Taylor Philipps folgte. Dann gelangte eine Abhandlung von S. W. Rosendale 10. „Ein Akt von Naturalisation der Juden in den Kolonien" zur Vorlesung, worauf 11. „Die Anfänge des Judenthums in Kentucky" von Lewis! H. Dembitz folgte. In dem Bericht sind noch Abhandlungen über I 12. „Dokumente über fränkische Fanlilien" von Simon W. Rosendale. 13. „Juden in den amerikanischen Plantagen zwischen 1600-1700 von Dr. Cyrus Adler, 14. „Amerikanische und englische Juden" von demselben. 15. „Ein politisches Dokument vom Jahre 1800" von demselben, 16. „Die Ansiedlungen der Juden in Kanada" von Andrew C. Joseph, zur Erörterung gestellt. Dann folgen geschäftliche Notizen, Geschenke der Gesellschaft, Statuten und Mitgliederverzeichniß. Wir können diese Schrift, welche uns sehr viel Material von historischem Werthe darbietet, bestens empfehlen. Von Nah und Fern. Als antisemitische Kandidaten zu den preußischen Landtagswahlen sind bisher aufgestellt: Seitens der Reformpartei Dr. Böckel in den Wahlkreisen Marburg und Kirchheim - Frankenberg, Reichstagsabgeordneter Hirsche! in Biedenkopf, Reichstagsabgeordneter Werner in Hersfeld. Seitens der Deutschsozialen: Liebermann v. Sonnenberg für Homberg-Ziegenhain, Pastor Jskraut für Fritzlar-Melsungen, Dr. Häberlein-Berlin für Rinteln, Dr. Schnutz-Hannover für Hofgeismar- Wolfhagen, Reichstagsabgeordneter Leuß für Eschwege - Schmalkalden Für Bitterfeld-Delitzsch soll Amtsgerichtsrath Schettler in Aussicht genommen sein. Ahlwardt kandidirt in Friedeberg -Arnswalde. Die Konservativen im zweiten Berliner Landtagswahlkreise haben mit den Antisemiten ein Kompromiß auf der Grundlage abgeschlossen, daß ein konservativer und ein antisemitischer Kandidat aufgestellt wird. — Bei den Ergänzungswahlen zum hessischen Landtage, wurden drei Antisemiten, darunter der Reichstagsabgeordnete Köhler, gewählt. Es sind das die ersten Antisemiten, welche ihren Einzug in die hessische zweite Kammer halten. — Herr Ahlwardt hat die antisemitisch-konservativen „Dresdener Nachrichten" verklagt, weil sie in einem Artikel gegen ihn den Ausdruck „Lump" gebraucht haben. Vielleicht findet man für die „Dresdener Nachrichten" vor dem Gericht einen Milderungsgrund darin, daß sie etwa vier Wochen vor diesem Vergehen an derselben leitenden Stelle über Ahlwardt wörtlich schrieben: „Ahlwardt ist ein Ehrenmann, der hoch zu achten und zu schätzen ist." — Laut Erkundigungen, an zuständiger Stelle eingezogen, ist kein Berliner Kriminalkommissar in kanten gewesen und sind die zunächst betheiligten Zeugen des Knabenmordprozesses nach der Clever Gerichtsverhandlung nicht mehr vernommen worden. — Die „Westfälische Reform" brachte in ihrer Nummer vom 17. September d. I. einen Bericht, wonach der Landesrabbiner Dr. Dessauer in Meiningen eine Audienz bei! seinem Landesfürsten zu denr Zwecke nachgesucht, um Schutz gegen den j Antisemitismus zu erbitten, der Fürst aber ihn sehr ungnädig empfangen haben soll. Die ganze Nachricht ist völlig aus der Luft gegriffen. — Die antisemitische Pariser Zeitung „La Libre Parole" ist für Elsaß- Lothringen verboten. — Bei der Anwesenheit des deutschen Kaisers in Metz wurden folgende Israeliten zur kaiserlichen Tafel gezogen: Oberj rabbiner Uri), Mayer, Präsident der Handelskammer, Levy, Notar zu! Saarburg und Landdirektor Laza r, Letzterer wurde zum Kommerzienrath! ernannt. Bei dem offiziellen Empfange war auch der Oberrabbiner zugegen. — Das Kuttenberger Kreisgericht verurtheilte einen der enragirtesten antisemitischen Agitatoren, der sich gelegentlich der Koliner und Podiebrader Judenhetzen besonders unrühmlich hervorgethan hat. Es ist dies der 25jährige Buchbindergehilfe Johann Sajal aus Podiebrad, Sohn eines dortigen Schuldieners; er erhielt wegen öffentlicher Gewaltthätigkeit eine i 13monatliche schwere Kerkerstrafe. — Der deutsche Kaiser hat anläßlich seines Aufenthaltes in Güns dem Oberinspektor der Südbahn, David Weiß, den rothen Adlerorden 4. Klasse verliehen. — Vom Oberrabiner aus Belgien, A. Bloch, wurde die neue Synagoge in Antwerpen eingeweiht Bisher beteten die Juden in einem Gebäude, das ehemals eine Klosterkapelle war. Die Kosten betrugen 260,000 Frs., zu denen der Magistrat 50,000, der Staat 40,000 und die Provinz ebenfalls 40,000 Frs. beisteuerten Die Spitzen der Civil- und Militärbehörden und viele christliche Geistliche wohnten der Feier bei — Am ersten Abende des Neujahrsfestes wurde der renovirte Tempel der israelitischen Gemeinde in Neapel eingeweiht. Die Kosten der Renovirung betrugen 5000 Lire. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.