Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Veranlagung zur Gemeindesteuer nach dem neuen, von uns bereits vielfach erörterten Modus betreffend, nunmehr laut Reskript des Regierungspräsidenten ,om 20. September genehmigt worden. * Berlin, 11. Oktober. Sein achtzigstes Lebensjahr vollendete am 0. d. M. ein verdienstvoller Mitbürger, der Kommerzienrath Herr S. Weigert. Ein seif made man, sieht er in rüstiger Gesundheit auf ange Jahrzehnte angestrengter und erfolgreicher Arbeit zurück. Zahlreiche Zweige der Wollenwaaren-Industrie verdanken, ihm Begründung und Einführung in das Vaterland. Neben dieser Thätigkeit in der Praxis beschäftigte ihn die Theorie der Weberei, über die er werthvolle Abhandungen in der Zeitschrift des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes, messen Ehrenmitglied er ist, niedergelegt hat. Dem Ausstellungswesen vidmete er sein reges Interesse. Er war einer der Begründer der ersten rutschen Gewerbeausstellung in Berlin im Jahre 1844, auf der ersten Weltausstellung in London im Jahre 1851 war er preußischer Preisichter und Berichterstatter für die Textilindustrie, und die Berliner Gewerbeausstellung von 1879 gedenkt seiner als eines der Leiter und des orgsamsten Schatzmeisters. Lange Jahre hindurch war er eines der eifrigsten Mitglieder im Vorstand der jüdischen Reformgemeinde. Möge mn trefflichen Manne noch ein langer, froher Lebensabend beschieden sein. * Berlin, 9. Oktober. Zu Handelsrichtern beim hiesigen Landgericht I sind nach Ablauf ihrer Dienstzeit wiederum ernannt die Herren Vernhard Croner, Hermann Jacoby, Sigmund Samuel und Robert yirsch; zu stellvertretenden Handelsrichtern die Herren Heimann Auerbach, George Joachimsthal, Salomon Mosse, Adolf Philippsthal und Julius llosenheim. Neu ernannt sind zu stellvertretenden Handelsrichtern die Fabrikanten Dr. jur. Alfred Menger und Albert Hoffstaedt. * Bromberg, 8. Oktober. Während der Anwesenheit des Erzn schoss Dr. von Stab lew skr in hiesiger Stadt nahm auch Herr Rabbiner Dr. Walter Gelegenheit, sich dem hohen Kirchenfürsten vorzutellen. In der Unterhaltung kam die Rede auf den Antisemitismus, und 4er hohe Gast wies darauf hin, daß er von dem Augenblick an, als er ein erzbischhöfliches Amt angetreten, seine Aufmerksamkeit auch den Strömungen auf den verschiedenen konfessionellen Gebieten zugewandt mbe. Wie er jeden konfessionellen Parteihader hasse, so auch insbesondere >en Antisemitismus. Unsere Religionen, führte er aus, sind ja nahe verwandt, und um so mehr haben wir Ursache, den Frieden unter den Konfessionen zu pflegen. Er sei stets darauf bedacht, das gute Einvernehmen zwischen den Anhängern der verschiedenen Religionen nicht nur >u erhalten, sondern zu vervollkommnen, und freue sich, daß gerade diese 3tabt eine Stätte des religiösen Friedens sei. £ Breslau, 8. Oktober. Die Kgl. Schuldeputation hat folgende Verfügung erlassen: „Breslau, den 18. August 1893. Die hiesige Königiche Regierung hat im Einvernehmen mit dem Kgl. Provinzialschultollegium anerkannt, daß der von dem Rabbiner Dr. Pinkus Neustadt >.u der von ihm geleiteten Anstalt ertheilte Religionsunterricht den Anforderungen der jüdischen Religionsgesellschaft in gleichem Maße entspricht, wie derjenige der an den hiesigen höheren Lehranstalten beschäftigten jüdischen Religionslehrer und wie der Unterricht in den von ser hiesigen Synagogengemeinde unterhaltenen Religionsschulen. Demzufolge ist es gestattet, Schüler (Schülerinnen), welche in der Dr. Neuüadtffchen Anstalt Religionsunterricht erhalten, von dem gleichen Unterricht in der Schule, der sie angehören, auf Grund eines bezüglichen Attestes des Dr. P. Neustadt zu entbinden. Die Schuldeputation. An die Herren Direktoren der städtischen Gymnasien, Real-Gymnasien, Realschulen und höheren Mädchenschulen, sowie an die Herren Rektoren der städtischen Mädchenschulen und an die p. t. Leiter und Leiterinnen aller Privatschulen hier." -a- Aus Schlesien, 5. Oktober. Herr Kaufmann Louis Borinski aus Kattowitz, welcher seinen bisherigen Wohnort vor Kurzem verließ, um nach Breslau zu übersiedeln, hat bei seinem Verzüge zugleich mit der Niederlegung seines Mandats als Stadtverordneter der Stadt die Summe von 1000 Mark für den Siechenhausbaufonds überwiesen. Auf Veranlassung des Stadtverordneten Herrrn H. Fröhlich, wurde dem scheidenden Mitgliede der Dank der Versammlung ausgesprochen. — In der Nacht von Freitag zum Sonnabend verstarb nach viertägigem Krankenlager Herr Partikulier Gerson Guttmann in Beut hen (Oberschlesien) nach erst kürzlich vollendetem 80. Lebensjahre. Der Verstorbene war das älteste Mitglied des dortigen Krankenpflege- und Beerdigungsvereins, dem er länger als 50 Jahre angehörte und zu dessen Ehrenmitglied er s. Z. ernannt wurde. — Am 17. d. Mts. feierte in Gleiwitz die verw. Frau Hausbesitzer Albine Timendorfer geb. Keßler ihren 80. Geburtstag. — Aus Görlitz wird von christlicher Seite berichtet: Der frühere Rabbiner (?), nunmehriger Predigtamtskandidat Bernstein trat nach mehrjährigem Besuch der evangelischen Gottesdienste und intimem Verkehr mit geistlichen Freunden im Jahre 1883 zur protestantischen Kirche über, und zwar in Bonn, woselbst er philologischen Studien oblag. Seitdem hat er in vielen kleineren Gemeinden Deutschlands durch Predigt und religiöse Vorträge mit Segen gewirkt. Am Dienstag und Mittwoch hielt derselbe in Görlitz gleichfalls einen religiösen Vortrag. — Die in Berlin verstorbene Frau Bankier Jenny Brenner geborene Fränkel hat in ihrem Testament der Stadtgemeinde Leobschütz ein Legat von 6000 M. mit der Maßgabe ausgesetzt, daß die Zinsen dieses Kapitals im Winter an zehn arme unbescholtene Handwerker ohne Unterschied der Konfession vertheilt werden sollen. Besonders mit Kindern gesegnete Personen sind zu bevorzugen. — Die vor einigen Jahren neuerbaute Synagoge in Ratibor soll elektrisch beleuchtet werden; doch soll hierzu keine besondere Stromerzeugungsanlage hergestellt, sondern die Synagoge durch eine Leitung mit der Beleuchtungsanlage der Schück'schen Papierfabrik verbunden werden. — Seitens der evangelischen Schulgemeinde in Trachenberg wird der Neubau eines Schulhauses geplant. Zu diesem Zweck wird ein Fonds angesammelt und die Mitglieder der evangelischen Schulgemeinde werden nach Maßgabe ihrer Staatssteuern zu Beiträgen herangezogen. Nunmehr müssen auch die jüdischen Hausväter hierzu ihren Beitrag steuern, weit, wie der Magistrat in einem Schreiben an den Vorstand der Synagogengemeinde mittheitt, sich die Kinder der Hausväter im Allgemeinen zur evangelischen Schule gehalten hätten. Es wird deswegen beabsichtigt, gegen den Magistrat im Wege des Verwaltungsstreitsverfahrens auf Aufhebung der Verfügung zu klagen. g. Seesen, 8. Oktober. Vergangenen Sonnabend feierte die Jacobsonschule ein Doppeljubiläum. Lehrer Gürbich war seit 50 Jahren, wenn auch die letzten beiden Jahre nur noch als Bibliothekar, und Herr Gerson seit 25 Jahren ununterbrochen als Lehrer an der Schule thätig. Die Feier war an den Schulschluß gelegt. Früh morgens brachte der Gesangverein der Jacobsonschüler beiden Herren ein Ständchen Um 9 Uhr versammelten sich Lehrerkollegium und Schüler in der Aula der Anstalt, wo nach dem Gesänge: „Bis hierher hat mich Gott gebracht" der Direktor Dr. Philippson eine warme Ansprache an die Jubilare hielt, in der er in herzlichen Worten der Anerkennung und dem Dank für ihr treues und erfolgreiches Wirken Ausdruck verlieh. Mit bewegten Worten dankten die Jubilare. Um 11 Uhr brachte ihnen das Lehrerkolleginm in corpore in ihren Wohnungen seine Glückwünsche dar und überreichte dabei Jedem ein Geschenk zum Andenken an diesen Tag und als Ausdruck kollegialischer Verehrung und Zuneigung. Der Direktor verlas darauf ein die Verdienste in den ehrendsten Ausdrücken anerkennendes Schreiben des Kuratoriums, das gleichzeitig Jedem ein werthvolles Ehrengeschenk verlieh. Abends gab das Kollegium den Jubilaren ein Festessen, bei dem es an ernsten und heiteren Trinksprüchen nicht fehlte.