Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- Seite 492 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228028--50249-3271853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
492 „Wäre er ein Christ, Herr Richter," antwortet der Schulze bestimmt, „so würde ich tausend Eide schwören, er hat's nicht gethan, aber ein Jude, Herr Richter, die Sache ist etwas anders." Der Ankläger erhob seine Stimme und bewies, das; der Angeklagte schuldig sei. Der Vertheidiger wandte ein, keiner der Zeugen habe, da es dunkle Nacht gewesen sei, den Angeklagten deutlich erkennen können. Die Aehnlichkeit der Stimme und Gestalt beweise nichts. Das Auftreten des Angeklagten sei nicht das eines Verbrechers. Der Gerichtshof müsse zu der lleberzeugung kommen, das; sein Klient unschuldig sei. Der Gerichtshof zog sich zurück; ein erwartungsvoller Augenblick! Was wird er bringen? Nach kurzer Berathnng traten die Richter wieder ein und der Vorsitzende verkündete: „Im Namen seiner bischöflichen Gnaden und im Namen des Kaisers! Der Angeklagte Markus Cohn wird des Kirchenraubes schuldig erklärt und wird zu sechs Jahren Zucht . . . ." „Meine armen Eltern!" klang's verzweiflungsvoll von den Lippen Markus Cohns. Gefesselt wurde er abgeführt. Am Bette Riwke's saß Rebekka Heinemann. „Mein Kind," sprach die kranke Alte, „also einen Schreiberposten hätte Markus im Zuchthaus zu versehen, steht im Briefe." „Ja, lieb Mütterlein, und der Direktor könnt ihn gut leiden. Er dürfte täglich zwei Stunden im Garten spazieren gehen, der Direktor unterhielte sich mit ihm, er dürfte auch hebräische Bücher lesen. Ihr habt nimmer die Kirche bestohlen," hätte der Direktor zu ihm gesagt, „und ich werde der Sache noch auf den Grund zu kommen suchen." „Und uns hat der Direktor grüßen lassen?" fiel Riwke ein. „Ja, liebes Mütterchen!" „Gott lohn's dem guten Menschen, was er an unserem Kinde thut!. .. Sag einmal, mein Kind," fuhr Riwke nach einer Pause fort, „kommt Dir's nicht selbst eigenthmnlich vor, mich Mutter zu nennen?" „Nein, nein, seit ich den Markus gesehen und ihn geliebt habe, ist mir's, als Hütte sich seine Liebe zu Euch mir initgetheilt. Drum nenn ich Euch Mutter, und Alles, was ich an Lieb und Treue in dieses Wort legen kann, ich thue es. Ist doch auch der Markus ganz wie Ihr und der Vater, so gut, so fromm, so brav. .." Riwke schaute dem Kinde leuchtenden Auges ins Antlitz. (Schluß folgt.) 4» Sprectzfaal. Die in Nummer 40 dieses Blattes unter der Aufschrift „Die Woche" enthaltene Behauptung, daß in der Versammlung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Bekenntnisses" „gegen den Talmud losgezogen worden sei," ist thatsächlich unrichtig. In meinem einleitenden Vortrage hieß es wörtlich in Bezug auf den Talmud, nachdem ich die Identität der jüdischen und der christlichen Sittenlehre dargelegt: „Nun führen die Gegner den Talmud an und bringen aus ihm — wie die jüdischen und christlichen wirklichen Talmudgelehrten behaupten — gefälschte Sätze, wie sie im Jahrhundert der Reformation der zu den Dominikanern übergetretene Schächter Pfefferkorn veröffentlichte und diesem Eisenmenger, neuerdings Rohling und Andere nachschrieben. Alle Achtung vor dem Talmud, diesem 24 bändigen Sammelwerk aus sieben Jahrhunderten, das ein Jahrtausend hindurch den Scharfsinn stählte, den Verfolgten und von allen deutschen Bildungsstätten Verfehmten Gymnasium und Akademie ersetzte. Aber was geht der Talmud heutzutage uns an, was wissen wir von ihm? Wir studiren ihn nicht, in unseren Religionsschulen wird er nicht gelehrt. Was in unseren Gebetbüchern, selbst in dem tausendjährigen Siddur der Strenggläubigen, aus ihm herübergenommen, beschränkt sich — von Gebeten abgesehen — auf vier Dinge: auf zwei Abhandlungen über Opfer und Sabbathbeleuchtung (686 mekomim und bame madlikim), die kein Mensch liest, und auf die herrlichen, uralte Sittenlehren trefflichster Art enthaltenden „Sprüche der Väter" und auf das im Frühgebet stehende Programm der Wohlthätigkeit: eie dewarim: „Dir ist, o Mensch, im Ueberfluß — Ein Kapital bestellt - Für's Leben hier, zum Zinsgenuß — Der Stamm für jene Welt:- j Eltern ehren - Armuth wehren, — Fremde hegen, — Kranke pflegen, — Bräute ausstattcn, — Todte bestatten, — Zwischen Entzweiten - Frieden bereiten; — Doch die allerhöchste Pflicht — Ist Sorge für den Unterricht" Diese beherzigenswerthen Mahnungen, das Programm des praktischen Judenthums, und die sinnigen, durch Herder der Weltlitteratur, durch Sachs und Veit dem engeren Kreis der Glaubensgenossen zugänglich gemachten Sagen sind das Einzige, was der jüdische Nichttheologe vom Talmud kennt. Es wäre nicht zu verwundern, wenn der Talmud, wenn die Schriften der Rabbinen, dem Zeitalter ihrer Entstehung gemäß, auch Unduldsamkeiten enthielten, wie sie ja in gleichzeitigen christlichen Schriften Vorkommen. Wir wissen es nicht, wir wollen es nicht wissen, uns ge! nügt, daß in unseren Religionslehrbüchern, unseren Schulen und Gottes | Häusern nichts derart gelehrt wird."! Hiermit habe ich festgestellt, daß ich nicht „gegen den Talmud los i gezogen", kein „Angreifer des Talmud" bin. Ob ich mit jenen Worten > „unklug" gehandelt, muß ich freilich Weiseren zur Beurtheilung überlassen. I Ich ersuche um Abdruck dieser Berichtigung im „unparteiischen Organ! für alles jüdische Interesse" und bedauere, daß dessen Leitung keine Ein! ladung zur Versammlung erhielt, wie ich annehme, falls kein Mißver j ständniß vorliegt, in der Voraussetzung, daß ihre als Mitglieder anwesend! gewesenen namhaften Mitarbeiter berichten werden. Dresden, 8. Oktober. Rechtsanwalt Emil Lehmann.! Sehr geehrter Herr Redakteur! j In diesen Tagen ging mir eine deutsche Uebersetzung der Renanffchen Geschichte des Volkes Israel von E. Schaelsky zu. Zufällig schlug ich : Seite 299 der fraglichen Uebersetzung auf, und mein Blick fällt auf die ersten Strophen des Debora-Liedes. Die geistlose, stellenweise geradezu j unsinnige Uebersetzung frappirte mich; ich verglich daher das französiche! Original, und mein Erstaunen kennt fast keine Grenzen. Wie kann i Jemand an solche Uebersetzungsarbeit sich wagen, dem nicht nur der Gegen-; stand des zu übersetzenden Werkes, sondern auch die Elemente der Sprache, j aus der er übersetzen soll, fremd sind! Der Eingang des Debora-Liedes! lautet bei Renan: j „Quand les chefs se levent en Israel, Quand le peuple accourt, ' Benissez Jahve.“ Diese Strophe giebt E. Schaelsky wieder:! „Lobet den Jahve, daß Israel wieder frei ist geworden, und das j Volk willig dazu gewesen ist."! Vers 7 des Liedes lautet bei Renan:! „Los chefs avaient cesse en Israel, ils avaient cesse . . Das | übersetzt E. Schaelsky: „Es gebrach, an Bauern gebrach es in Israel!"! Seinen Augen traut man nicht, wenn man das Folgende vergleicht.! Vers 8 des Liedes heißt bei Renan: „On avait adopte de dieux nouveaux, | Alors la guerre fut aux portes.“ E. Schaelsky übersetzt: „Gin Neues j hat Gott gewählt, er hat die Thore bestritten!!!"! Ich mag diese verdrießliche Vergleichung nicht fortsetzen und überlasse sie dem geehrten Rezensenten Ihres geschätzten Blattes, dem die Aufgabe zufallen wird, die Uebersetzung anzuzeigen und zu besprechen. Ich bitte ihn, mit dem Uebersetzer scharf ins Gericht zu gehen. Hochachtungsvoll und ergebenst j Darmstadt, 5. Oktober. Dr. Selver.! Nachschrift. Ich überwand mich und verglich hinterher noch j einige andere Stellen. Diese waren nicht nur richtig und sinngemäß, j sondern sogar gut übersetzt; wie erklären Sie diese Thatsache? Sollen! hier zwei Hände gearbeitet haben? Daß der Uebersetzer ein Laie ist in litterarischen und philosophischen Dingen, verräth eine Kleinigkeit, wie die Fußnote 2 auf Seite 40. „Siehe Genesius, Thes. beim Worte Jifj; welcher philologisch und litterarrsch z Gebildete giebt „au mot“ in dieser Anwendung so wieder'? Dr. S. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin. 57. : \\\ d Genu Mod i ont 0d S. 2 ange ^wei Ginfi seschc unge )esser vidn seuts Welt Achte Gew« orgs nfric oem ^erid Zern virst Geoi Hofe Fabi nfd stab! telle ser! em Ztrö mbe >en ' van' Acmj uehn ui ei 5tat Ver iche 4oll ui d Grd' ^pru schäs ser;Ufv ücitd Unti iche An liea