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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-13 · Heft 41 (13.10.1893) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 41 (13.10.1893)
Date
1893-10-13
Page
Seite 488 (sequence 10)
Language
German
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488 Haus war alt und baufällig und hatte ein Dach aus Stroh. Eines Tages brach Plötzlich Feuer an mehreren Seiten des Hauses aus, und das Haris hatte nur eine Thür. Der Hausherr konnte sich leicht retten, aber er ängstigte sich um seine Kinder, die so jung und klein waren, und die sich in diesem breniienden Hause ergötzten und an verschiedenen Spielen belustigteli. Er rief ihnen zu: „Kommt, meine Kinder, das Haus steht in Brand." Aber unwissenv wie sie waren, verstanden sie das Wort Brand nicht. Da rief der Vater, der die Neigungen seiner Kinder kannte: „Das Spielzeug, das Ihr Euch gewünscht habt, Spielzeug aller Art, Wagen mit vorgespannten Ochsen, Ziegen und Antilopen habe ich vor die Thür gelegt, kommt schnell heraus!" — Selbst wenn der Mann nicht einen einzigen Spielzeugwagen seinen Kindern gegeben hat, war er deshalb ein Lügner? Bei einer anderen Parabel findet man eine ganz schwache Aehnlichkeit mit der des verlorenen Sohnes, obgleich sie bei Weitem nicht deren tiefere Bedeutung besitzt. Znsammengedrängt würde sie lauten: „Ein Sohn wurde von seinem Vater entfernt und kam weit fort in ein anderes Land. Der Vater, der ein mächtiger Mann war, beweinte seinen Sohn und suchte ihn fünfzig Jahre lang vergebens aller Orten. Inzwischen wurde er stets reicher und mächtiger, und eines Tages, als er auf einem Throne unter einem Baldachin saß, umgeben von vielen hundert Männern seines Gefolges, kam der Söhn, der so arm war, daß ihm Nahrung und Kleidung fehlte, nach der Stadt, wo seines Vaters Haus lag. Als er seinen Vater sah, dachte er: Das ist der König oder des Königs Minister, und er flüchtete, denn er fürchtete, daß man ihn seines zerlumpten Aussehens wegen ins Gefängniß führen werde. Aber der Vater, der auf seinem Throne saß, erkannte seinen Sohn und ließ ihn von seinen Läufern ergreifen. Der Sohn fiel nun in Ohnmacht, denn er dachte: Das sind die Häscher, die dich fassen. Dann sandte der Reiche seinem armen Sohne Einäugige, Krüppel und Kranke, zu denen er gesagt hatte: Dingt ihn für meinen Dienst. Und er selbst sagte zu ihm: Der Ort, wo man den Mist aus meinem Hause hinwirft, ist stinkend und scheußlich; reinige denselben und ich gebe dir doppelten Lohn. Und der Sohn reinigte den Ort und wohnte daneben in einer Strohhütte. Aber der Vater beobachtete ihn beständig durch die Fenster oder durch ein Guckloch, und eines Tages ging er in ähnlichen Kleidern zu ihm, schimpfte ihn und sagte: Du thnst nicht deine Arbeit. Aber darauf umarmte er ihn und sagte: Ja, du thust deine Arbeit. Du bist wahrlich mein Sohn, da herrscht kein Zweifel. Nun gewährte er ihm nach und nach Zutritt in sein Haus, verwandte ihn zum eigenen Dienste und flößte ihm Zutrauen ein. Aber der Arme dachte weder an Gold noch Perlen noch andere Reichthümer, die der Vater in seinem Hause barg. Da dachte der Reiche: Nun denkt mein Sohn wahrhaft edel, und so schenkte er ihm seinen ganzen Besitz. So wartet auch der Weltlehrer, er, der in sich selbst existirt, den passenden Augenblick ab; er sagt nicht sofort seine wahre Meinung, zuerst erprobt er uns. Er sagt uns: Bezwingt zuerst eure erbärmlichen Neigungen, und er giebt seine Güter demjenigen, der sie bezwungen hat." Hierin liegt etwas, das an den Geist der biblischen Parabel erinnert. Folgende kleine sinnbildliche Geschichte steht, tvenn auch nicht im Geiste, so doch im Aufbau den Parabeln des Evangeliums recht nahe. Es wird gefragt, warum Pathügata (Buddha) die Erde verläßt und die Menschen an sein vollständiges Verschwinden glauben läßt, trotzdem er noch nicht in Nirväna eingetreten ist. Es war, o Sohn, einmal ein kundiger Arzt, der jedwede Krankheit zu behandeln wußte. Er hatte Kinder, und während er auf einer Reise war, erkrankten alle diese Kinder durch einen giftigen Trank und wälzten sich in Schmerzen auf der Erde. Der Arzt, ihr Vater, kehrte nach Hause zurück und Alle flehten ihn an, sie von dem Gift zu befreien. Aber einige der Kinder hatten unrichtige Begriffe, die Andern dachten jedoch gesund und vernünftig. Der Arzt bereitete ein starkes Arzneimittel, das Farbe, Geruch und Geschmack hatte, und sagte: Trinkt, meine Kinder, und Ihr werdet sofort genesen. Die Kinder, die vernünftig dachten, tranken schnell und erholten sich. Die Andern sagten: Hilf uns, lieber Vater! aber sie tranken nicht die Arznei. Da ersann der Arzt folgendes Mittel. Er reiste von Neuem weg und ließ seine kranken Kinder wissen, daß er gestorben sei. Als diese sich nun ohne Beschützer und Helfer sahen, nahmen sie das Arzneimittel. So lasse auch ich, der Weltvater, das Wesen, das in sich existirt, der Herr und Arzt aller Geschöpfe, wenn ich meine Kinder in Widerspruch und Widerstand, in Irrungen und Unwissenheit gehüllt sehe, mein Nirväna sehen, obgleich ich noch nicht darin eingetreten bin. (Le lotus de la boune loi III, IV, XI. V.) IV. Sobald man sich von Indiens heiligen Büchern zur alten hebräischen Litteratur zurückwendet, fühlt man sofort, daß man hier den gleichen litterarischen Boden unter den Füßen hat, wie in dem neuen Testament. Man kann unausgesetzt in den älteren historischen und prophetischen Büchern Züge und Gestalten finden, die mit denjenigen verwandt sind, die durch die bildliche Sprache in Jesu Predigten dargestellt werden. Man findet sie in den eigentlichen Fabeln des alten Testaments (Buch der Richter; 9. 8, 11. Buch der Könige 14. 9.). Die erste dieser Fabeln, die einen bösen Herrscher verspottet, lautet: Die Bäume gingen hin, daß sie einen König über sich salbten und sprachen zum Oelbaum: Sei unser König! Aber der Oelbaum antwortete ihnen: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Beide, Götter und Menschen, an mir preisen, und hingehen, daß ich schwebe über den Bäumen? Nun forderten die Bäume den Feigenbaum auf, der auch nicht seine Süßigkeit und gute Frucht lassen wollte, und dann den Weinstock, der seinen Most nicht lassen wollte; zuletzt gingen Alle zum Dornbusch, der antwortete: Wenn ihr mich wirklich zum Könige über euch salbet, so kommt und vertrauet euch unter meinem Schatten; >vo nicht, so gehe Feuer aus dem Dornbusch und verzehre die Cedern Libanons. Wir finden auch eigentliche Parabeln. So Jesaja 5. 2: Mein Lieber hat einen Weinberg an einem fetten Ort. Und er hat ihn verzäunet, und mit Steinhaufen verwahret, und edle Reben darein gesenkt. Er bauete auch einen Thurm darinnen, und grub eine Kelter darein, und wartete, daß er Trauben brächte. Aber er brachte Heerlinge. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem, und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberge. Was sollte man doch mehr thun an meinem Weinberge, das ich nicht gethan habe an ihm? Warum hat er denn Heerlinge gebracht, da ich wartete, daß ec Trauben brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich meinem Weinberge thun will. Seine Wand soll weggenommen werden, daß er verwüstet werde, und sein Zaun soll zerrissen werden, daß er zertreten werde. Ich will ihn wüste liegen lassen, daß er nicht geschnitten noch gehacket werde, sondern Disteln und Dornen daraus wachsen; und will den Wolken gebieten, daß sie nicht darauf regnen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israels, und die Männer Judas seine zarte Feser. Er wartet auf Recht, siehe, so ist es Schinderei; auf Gerechtigkeit, siehe, so ist es Klage.

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