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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-13 · Heft 41 (13.10.1893) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 41 (13.10.1893)
Date
1893-10-13
Page
Seite 487 (sequence 9)
Language
German
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487 daß diese Mischehen fast sämmtlich in den letzten zwei Jahrzehnten! seit der Emanzipation geschlossen worden sind und ihre Zahl stetig! steigt. So wurden z. B. in Berlin im Jahre 1889 142 jüdischchristliche Ehen vollzogen, dagegen 1890 schon 166, während Heirathen, bei denen beide Theile Juden waren, 1889 : 534, 1890 : 544 gezählt wurden. Der Prozentsatz der Mischehen zwischen Juden und Christen ist auch viel höher, als der ztvischen Katholiken und Protestanten; es | ist also, ob man es nun gern oder ungern sieht, statistisch festgestellt, daß die Verschmelzung durch gemischte Heirathen sehr bedeutende Fortschritte macht. Im Ganzen wurden 1875—90 in Preußen 4214 christlich-jüdische Ehen geschlossen, wonach zu urtheilen, die Antipathie zwischen den beiden Rassen wohl nicht so stark sein kann, wie die Antisemiten behaupten.; Die immer wieder von den Judenfeinden vorgebrachte Fabel! von der Masseneinwandernng fremder Juden wird durch die i bis 1890 fortgeführten Zahlen des Artikels völlig widerlegt. Die; jüdische Bevölkerung Preußens, die einen stärkeren Geburtenüber-! schuß als die christliche aufzuweisen hat, ist bis 1858 im Ver- \ hältnisse zur Gesammtseelenzahl stetig prozentuell gewachsen, seitdem : aber in steigendem prozentuellen Rückgang. Auf 1001 Seelen kommen in Preußen 1822 12,41 Juden. 1837 13,02, 1852 13,40, 1858 13,67,! 1871 13.21, 1885 12,90, 1890 12,42. j Dies Verhältniß findet seine Erklärung nicht in den Taufen, \ deren Zahl verhältnißmäßig gering ist, sondern vor allen Dingen in l einer starken Auswanderung bei geringer Einwanderung. Geh. Rath von Firks unterscheidet bei den Juden drei Zweige, denspanischen, orientalischen und deutschen. Zn dem letztere», der in Preußen fast allein in Betracht kommt, da ihm 99,7 Prozent der i preußischen Juden angehören, rechnet er auch die sogenannten polnischen und russischen Juden, indem er darauf hinweist, daß deren j Väter einst ans Deutschland nach Poleir gewandert sind, und noch! ihre Muttersprache das Deutsche, wenn auch in einem verdorbenen | Idiom ist. Aus dem reichen Schatze der anderen Zahlen wollen wir nur noch anführen, daß sich 4398 Juden nach der Berufsstatistik mit der Landwirthschast beschäftigen, ein Bruchtheil, der obwohl, an sich nicht l groß, doch viel größer ist, als man gemeinhin annimnit. Eine sehr lehrreiche Zusammenstellung der in diesem Jahrhundert erlassenen Judengesetze macht es begreiflich, warum vor der Emanzipation : eine „Eindeutschung" unmöglich war. v. Firks fordert übrigens als Bedingung dieser Eindeutschung: Aufgabe der eigenen Sabbathfeier, der Speisegesetze lind des Schächtens. Wir denken aber,; alles Drei sind Punkte, die mit der Nationalität nichts zu thun haben, sondern nur mit der Religion. Machte die Sonntagsfeier den Deutschen, so wäre ja die ganze christliche Welt deutsch. Nein, zur Eindeutschung sind diese drei Punkte nicht erforderlich. Dagegen erhebt Geh. Rath von Firks einen Vorwurf gegen die Juden, der ernstere Prüfung verdient, bei dieser aber auch absolut hinfällig erscheint. Er schreibt: „Die Juden sind noch nicht seßhaft in Deutschland geworden, sondern verlegen verhältnißmäßig häufig ihren Wohnsitz." Begründet ist dies mit dem Anwachsen der jüdischen Gcineinden in den großen Städten und dein Rückgang in den kleinen. | Nun ist es zunächst ein Zug der Zeit, daß der Handel sich in die großen Städte zieht, und die Juden müssen diesen Zug mitmachen. Aber während die kleineren Städte von der Landbevölkerung einen steten Zuschuß erhalten und so ihre Verluste an die großen Städte ersetzen, fehlt bei den Juden, die ja fast ganz Städtebewohner sind, dieser Nachschub, und es ist einleuchtend, daß, wenn die großen Gemeinden so stark wachsen wie die Städte, in denen sie sich befinden, die kleinen Gemeinden abnehmen müssen. Das Wachsthum der großen jüdischen Gemeinden ist in der That im Ganzen nicht stärker, als das der großen Städte, in denen sie sind, häufig sogar schwächer. Einige Beispiele werden dies illustriren: Es zählten: 1891 1890 Berlin 804,893 Einw. 86,021 Juden 1,878,794 Einw. 79,286 Juden Breslau 201,028 „ 13,916 „ 299,640 „ 17,754 „ Diese Beispiele können beliebig verinehrt werden; sie genügen aber schon um zu zeigen, daß die Seßhastigkeit der Juden dieselbe ist, wie die der ganzen Stadtbevölkerung, und der Vorwurf, zu häufig den Wohnsitz zu wechseln, ebenso die christliche Bevölkerung der große» Städte trifft, die ja auch zumeist durch Zuzug wächst, als die Juden überhaupt. W. R U Der Zusammenhang des alten und des neuen Testaments. Von Georg Brandes. m. Einen besonder» Zusammenhang zwischen dem neuen und dem alten Testamente findet man in den kurzen Gleichnissen, den Parabeln und kleinen bildlichen Geschichten, die häufig die Form für Jesu Reden ausmachen. Renan hat zwar in seinem „Leben Jesu" besonders geleugnet, daß irgend eine Uebereinstinnnung zwischen solchen Zügen des neuen und ähnlichen, bildlichen Darstellungen des alten Testaments bestehe. Er findet weit größere Aehnlichkeit zwischen den Parabeln des Jesu und denjenigen, die in Indiens allen religiösen Schriften Buddha beigelegt werden. Man findet wohl Aehnlichkeiten zwischen einzelnen Sentenzen, die Buddha und Jesus beigelegt werden, aber im Grunde genommen sind es nur wenige Parabeln, die im Vergleich mit dem neuen Testament in Betracht kommen. Schon die ungemeine Weitläufigkeit, die beständig wiederkehrendeu Wiederholungen in den Erzählungen Buddhas, schwächen die Aehnlichkeit bedeutend. Am besten findet man sie, wenn man die indischen Parabeln ihrer breiten malerischen Darstellung entkleidet und alles Ueberflüssige ansscheidet. Dann wird man sie in eine Form bringen, die sich derjenigen der Evangeliumsparabeln nähert. Eine dieser sinnbildlichen Erzählungen beginnt: „Es war, o Cariputtra, in einen: Dorfe, einer Stadt, einem Distrikt, einer Provinz, einem Königreich, einer königlichen Residenzstadt, ein Hausbesitzer, der war ältlich, alt, gebrochen, im Greisenalter, war reich, hatte großes Vermögen, große Genußmittel und war Besitzer eines großen, hohen, geräumigen Hauses, das vor langen Zeiten gebaut und nun baufällig war, das Haus hatte Räume für zwei, drei, vier oder fünfhundert lebende Wesen, hatte aber nur eine Thür. Das Haus war mit Stroh gedeckt, die Säle sielen zusammen, die Stntzpfosten waren verfault und vermodert, der Kalkputz, der Mauern und Thore deckte, hatte die Zeit abgebröckelt. Gesetzt, daß dieses Haus von allen Seiten von einer großen Feuersbrunst umzingelt wurde. Und gesetzt, daß jener Mann viele Kinder hatte, fünf, zehn oder zwanzig, und daß er ans seinem Hanse gegangen war." Wie man sieht, ist durchaus nichts in diesem Stil, das an den Erzählerstil der Bibel, weder an den hebräischen, noch an den griechischen erinnert. Anders, tvenn man die Parabel umschreibt und sagt: Es war einmal ein alter, reicher Mann, der bewohnte mit seinen vielen Kindern ein großes Hans, das zahlreiche Räume hatte. Und das

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