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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-13 · Heft 41 (13.10.1893) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 41 (13.10.1893)
Date
1893-10-13
Page
Seite 486 (sequence 8)
Language
German
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486 Die Gründe hierfür liegen nicht so sehr auf der Oberfläche, sondern lassen vielmehr verschiedene Deutungen zu. Man ist sehr versucht, die Thatsache des numerischen Zurückweichens der Inden mit dein Antisemitismus in Verbindung zu bringen. Ter Beginn dieses Zurückgrhens, der mit dem Entstchungsjahr des Antisemitismus ziemlich zusammensä llt, ist nur zu geeignet, dieser Auffassung Vorschub zu leisten. Bis zum Jahre 1880 bewegten sich die Juden in anssteigender Linie, nach 1880 in abwürtsgehcnder; wie es scheint, liegt hier ein allmüligcr Rückgang vor. Tenn 1885» war bereits ein erhebliches Minus vorhanden, das sich indes; etwas milderte, wenn man die Ausweisung der polnischen Juden, in der Zahl von etwa 3000, in Betracht zag. Ter Antisemitismus würde sich zwar unbändig freuen, wenn man ihn als die Ursache des Niederganges der Anzahl der Juden bezeichnete, das sollte aber, wem; cs der Wahrheit entsprechen sollte, kein Hindcrungsgrund sein, es offen anszusprechen. Allein eine derartige Folgerung stünde mit den sonstigen Lehren der Geschichte im schärfsten Widerspruche. Nicht nur in Aegypten, sondern überall zeitigte der Druck, wenn er nicht einfaches Todtschlagen bedeutet, eine Vermehrung der Volksmenge, ein beschleunigtes Anwachsen des in der Unfreiheit und Knechtung schnrachtenden Stammes. Dieselbe Beobachtung tonnte man auch bei den amerikanischeir Sklaven machen, ja noch jetzt wird das ungeheure Wachsthum der nordamerikanischen Sklaven als ein bedrohliches Zeichen für die amerikanische Kultur und Zahlenüberlegeuheit der Weißen angesehen. Ferner zeigte der russische Druck, daß er das Wachsthum der Juden keineswegs hat hemmen können, im Gegentheil hat derselbe zu ihrer enormen Vermehrung vielleicht noch beigetrage», während eine Privatstatistik die Verminderung der eingewanderten Juden in Amerika ähnlich wie in Deutschland konstatirt hat. Truck und Zurücksetzung, wenn sie nicht mit Schwert und Feuer wüthcn, haben noch nie ein Volk, wenn es die Spuren dazu nicht schon in sich selbst trug, in seiner äußeren, zahlenmäßigen Entwickelung zurückgcdrängt. Ter Antisemitismus wird also hierfür nicht als eine ursächlich wirkende Kraft angesehen werden können. Die unscheinbaren Anfänge dieses Rückschritts werdeir schon auf 1870, ja noch früher zurückgehen, sie waren nur zu geringfügig, um als Rückschritt erkannt zu werden; jetzt, da mit jedem Jahre der Abstand zwischen der christlichen und jüdischen Volkszahl sich zu Ungunstcn der Juden erweitert und bereits zu einer erheblichen Herabsetzung des Prozentsatzes der Letzteren geführt hat, springen die großen Lücken natürlich sofort in die Augen, lind da der Antisemitismus zeitlich mit der rückwürtsbewegenden Entwickelung der Juden parallel zu laufen scheint, so kann es selbstverständlich nicht fehlen, daß aus der Oberfläche der Erscheinungen haftende Augen die judentilgende Kraft desselben als Triumph und Erfolg des Rassenhasses gepriesen oder andererseits gefürchtet tverden wird. Beides ist meines Dafürhaltens unbegründet. Die Quelle der Erscheinung liegt tiefer. Tie Kultur der Juden nimmt heute einen anderen Höhepunkt ein als vor 30 Jahren. Wenn das vielleicht auch von der Bevölkerung im Allgemeinen gelten sollte, so ist es doch in ganz außergewöhnlichem Maße bei den Juden der Fall. Vor einem Lebensalter mochte der Jude das Niveau seiner Umgebung noch nicht erklommen haben, und wie mit dem Niveau der Bildung stand eS auch mit dem des äußeren Besitzes. Die Juden mußten erst den Grad der Eivilisation der Anderen erreichen, womit eine Erhöhung der Wohlhabenheit Hand in Hand ging, die ihrerseits wiederum das Bildungsbedürfnis; über alle Grenzen steigerte. Daß die Jude» in kultureller Beziehung heute hinter den anderen Deutschen zurückstehen, könnte nur die nackte Unwissenheit behaupten, die Frequenz der höheren Schulen zeigt die Juden in vorderster Reihe. - Die kräftige Intelligenz, der überall durch guten Unterricht und verständnißvolle Erziehung fördernd unter die Arme gegriffen wird, stellt aber ganz andere Ansprüche an das Leben als der Landmann und der Handwerker. Die Berufsarten, die keine weiteren geistigen Studien erheischen, gestatten infolge der geringeren Bedürfnisie und der einfacheren Lebensweise, die mit ihnen verbunden sind, weit früher die Gründung eines Haushalts. Als Folge der überaus in die Höhe geschossenen Bildung sind die an das Dasein gestellten Ansprüche in unseren Reihen gleichfalls in enormer Weise gestiegen. Der Handelsjude überlegte nicht lange, ehe er an die Gründung einer Familie ging, der Kaufmann und Gelehrte, die unter uns die Bevölkerungsbasis abgeben, können mit so bescheidenen Mitteln nicht wirthschasten, wie der vierte Stand, und da so viele Kaufleute und Vertreter des Lehrstandes es durchaus nicht weiter bringen in der Gestaltung ihrer äußeren Existenz als die Arbeiter, so gestatteten sie sich den Luxus der Ehe gar nicht, wie die Heirathsstatistik lehrt. Ei» anderer Umstand, der hier schwer in die Waage fällt, ist das Drängen in die Großstädte seitens der Juden im Allgemeinen und der jungen Männer im Besonderen. Die kleinen Städte werden des männlichen Elements mehr und mehr beraubt, wodurch in den kleinen Gemeinden das Altjungfernthum einen sehr breiten Raum einnimmt und sich noch immer weiter entwickelt. Die jungen Leute in der Großstadt dagegen gehen, losgelöst von dem Elternhause und dessen erziehlichen Sitten, gleichfalls für das Familienleben verloren. So hat Berlin über 10,000 jüdische junge Männer, die aus der Provinz hierher gekommen sind, um in kaufmännischen Stellungen ihr Brod zu verdienen oder sich für wissenschaftlicher oder künstlerischer Studien bedürfende Berufe vorzubereiten. Ein sehr bescheidener Theil fließt davon wieder in die Provinzen zurück. Der langjährige oder dauernde Aufenthalt der jungen Leute in der Großstadt, getrennt vom Boden der Familie, wirkt auf die Ehestatislik äußerst nachtheilig. Dies sind die wesentlichsten Gründe für das starke Abnehmen der Juden. Die Thatsache an sich aber, mag man über die Ursachen auch verschiedener Ansicht sein, ist unbestreitbar und verlangt die unablässige Aufmerksamkeit der führenden Kreise. Uebrigens ist dieselbe Erscheinung in allen der Civilisation erschlossenen Theilen Europas beobachtet worden. In Ungarn und Galizien vermehrten sich (1880—90) die Juden um 50 Prozent schwächer als in früheren Jahrzehnten. Wenn die Großmacht Frankreich mit Kummer und Sorge wegen der Bevölkerungsfrage in die Zukunft blickt, so wird man es begreiflich finden, daß das kleine Häuflein Juden, das sturmumbrauste, alle Veranlassung hat, über dieses Manko nachdenklich zu werden und sich wehmüthigen Betrachtungen hinzugeben. Bernhard Traubenberg. II. Das dritte Vierteljahrsheft der „Zeitschrift des Kgl. Preußischen statistischen Bureaus" bringt einen Artikel „Die preußische Bevölkerung nach ihrer Muttersprache und Abstammung" und im Anhang dazu, aus der Feder des Geheimen Raths von Firks, einen Aussatz über die Juden, der viel Interessantes enthält. So bietet er zum ersten Mal eine Statistik der Mischlinge aus jüdisch-christlichen Ehen, deren Zahl der Verfasser im Jahre 1890 ans 16,900 berechnet. Diese Zahl erhält aber ihre richtige Beleuchtung erst, wenn man in Betracht zieht,

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