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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-13 · Heft 41 (13.10.1893) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 41 (13.10.1893)
Date
1893-10-13
Page
Seite 485 (sequence 7)
Language
German
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485 Zur Statistik der Juden in Beutschland. i. Vor etwa einem Jahre habe ich an dieser Stelle auf eine sehr auffällige und in ihrer Tragweite recht bemerkenswerthe Erscheinung hingewiesen, nämlich die relative Abnahme der Juden. Vor einem Jahre war ich genöthigt, mich auf die offiziellen preußischen Ziffern zu stiitzeu und auf dieser breiten Basis den Zunahmeausfall, der schon bei oberflächlicher Betrachtung mit den statistischen Ergebniffen hervortritt, für das deutsche Reich genauer zu berechnen. Unter der Voraussetzung, daß der Rückgang in den übrigen Theilen des deutschen Reiches in ähnlichem Verhältnisse wie in Preußen sich bewege, wies ich nach, daß ein relatives Hernntergehen der Juden um 10 Prozent oder etwa 50,000 stattgefunden haben müsse. Meine Zahlen erfuhren vielfach Anfechtungen, so auch seitens des Herrn Professor H. Wichmann in der geographischen und statistischen Zeitschrift „Globus", der meine Annahme über das Fallen der jüdischen Zahlenskala überhaupt bestritt und die an diese Erscheinung geknüpften Folgerungen als irrig und der thatsächlichen Grundlage entbehrend hinstellte. Gegen eine Fach-Autorität, wie die des Herrn Prof. Wichmann, läßt sich mit Worten nicht gut streiten; wollte ich meine Behauptung aufrecht erhalten, konnte dies einzig und allein auf Grund des unanfechtbarsten Materials, das es in solchen Fällen giebt, geschehen, nämlich der offiziellen Zahlen für das deutsche Reich. Nun, dieselben liegen jetzt vor und bestätigen fast genau meine Vorausberechnungen. Die preußischen Resultate zeigten einen relativen Rückgang der Inden um etwa 9 Prozent — ich sagte ungenau 10 Prozent, was bei den in Betracht kommenden Zahlen nur eine geringe Abweichung bedeutet, und konstruirte daraus ein ebenso tiefes Sinken oer Zahl der Juden in Deutschland. Die endgiltigen Feststellungen für das ganze deutsche Reich weisen folgendes Resultat auf: Im Ganzen belief sich die Bevölkerung 1890 auf 49,428,478 Seelen. Nach dem Religionsbekenntniß waren 1890 unter 10,000 Personen 6277 Evangelische, 3576 Katholiken, 29 sonstige Christen, 115 Juden und 2,7 anderer Religion. 1880 dagegen waren unter 10,000 Personen 6263 Evangelische, 3589 Katholiken, 17 sonstige Christen, 124 Juden und 6,8 anderer Religion. Es sei mir nun gestattet, zu untersuchen, ob meine Annahmen so große Uebertreibungen gegen die amtlichen Ermittelungen darstellen. 1880 waren unter 10,000 Einwohnern in Deutschland 124 Juden, im Jahre 1890 dagegen nur noch 115 Juden vorhanden. Unter je 10,000 der deutschen Bevölkerung ergiebt das ein Minus von 9 Juden gegen 1880. Bei 49,400,000 macht das 4940 X 9 — 44,460. Die Juden haben also in zehn Jahren eine relative Abnahme von 44,460 Seelen oder über acht Prozent erfahren. Zn weit ab vom Ziel hatte ich also nicht getroffen, wenn ich rund zehn Prozent herausrechnete. Ueber die Ursachen dieser Erscheinung sind die mannigfachsten Ansichten verbreitet. So glauben Manche, in solchen Fragen Urtheilsberechtigte, große Schaareu von Juden flüchten sich aus Bequemlichkeitsrücksichten auf das neutrale und von des Lebens Fluthen weniger umrauschte Gebiet der Dissidenten, um sich und ihre Kinder vor Scherereien und Hintansetzungen zu bewahren, denen sie als Juden so oft auszesetzt sind. Jedenfalls war eine solche Behauptung nur vor Veröffentlichung der oben mitgetheilten Daten möglich. Ein Blick auf dieselben belehrt sofort, daß eine derartige Meinung auf Jrrthum beruhen müsse, weil die betreffenden Zahlen dabei nicht berücksichtigt sein können. Unter 10,000 Personen befanden sich überhaupt nur 2,7 anderer Religion, unter welche Rubrik die Dissidenten wohl gehören. Im ganzen deutschen Reich bezeichneten sich nur 5000 X 2,7 13,500 als Dissidenten. Angenommen nun, daß der größere Theil der anderen Religionen oder gar alle 13,500 Dissidenten als schwankende Juden angesehen werden, so giebt es für die rückläufige Bewegung der jüdische» Bevölkerung noch durchaus keine irgendwie annehmbare Erklärung. Man beruft sich dann auf die Taufe», die in letzter Zeit massenhafter auftraten. Aber das Alles genügt noch nicht, um solch eine gewaltige Rückwärtsentwickelung plausibel zu machen. Das preußische Konsistorium giebt die Zahl der Uebertritte zum Christenthum für das verflossene Jahr auf 119, die zum Judenthum Uebergetretenen auf 7 an, es tritt also durch Taufen eine Verminderung um 112 ein, eine Zahl, die sich für ganz Deutschland auf 160 erhöht; größer wird das Verhültniß der Getauften in Süddeutschland gewiß nicht, im Gegentheil, in Norddeutschlaud wird die Taufe weit öfter als Aushülfsmittel benutzt als im Süden unseres Vaterlandes. Auch das erklärt also nicht den relativen Ausfall von 4000 pro Jahr. Die Mischehen bröckeln zwar vom Judenthum nicht wenig ab, denn wie die Statistik nachgewiesen hat, geht der Nachwuchs aus denselben für das Judenthum völlig verloren. Der jüdische Theil geht in der Mischehe vollständig auf, und geschieht das nicht, tverden selbst Kinder dem Judenthum zugefiihrt, so wird es doch bei dem Mangel alles wärmeren Gefühls dafür gar bald gänzlich abgestreift; das dritte Geschlecht aus Mischehen ist ganz gewiß nicht mehr im Judenthnm anzutreffen.! Trotzdem liegen die Ursachen für die starke relative Verringerung auf anderem Gebiete. Die Mischehen und die Taufen beeinflussen ohne Zweifel diese Erscheinung in hervorragender Weise, aber ein kräftiges Volksthum, eine normale Entwickelung vermag solche Verluste, ohne fühlbar ins Gewicht zu fallen, unschwer zu ertragen. In den zwanziger Jahren haben andere Stürme getobt, aber für den Bestand des Judenthums sind sie nicht verhängnißvoll geworden; die folgenden Jahrzehnte zeigten das Judenthnm numerisch durchaus gekräftigter, die Zahl der Juden war nicht nur in normalem Vorwärtsschreiten begriffen, sondern hatte vor den anderen Bevölkerungstheilen noch einen nenneswerthen Vorsprung. Man sieht, die Taufen und Mischehen vermochten das Wachsthum nicht aufzuhalten. Zudem werden wohl die Taufen stets auf der Tagesordnung! gestanden haben und sie konnten dein Judenthum nichts anhaben.! Dagegen brauchen wir nur die Verhältnißziffern der Ehe-! schließungen und Geburten des Näheren zu betrachten und wir haben die Lösung gefunden. Die Ziffern in Preußen, die über y3 der Juden des deutscheir! Reiches darstellen, zeigen verhältuißmäßig nur 2/s so viel Ehej schließungen als ans den jüdischen Bevölkerungstheil kämen, und! ebenso ergiebt sich bei den Geburten ein gut Drittel Fehlbetrag, das! bei der anderen Bevölkerung den Ileberschuß über die Todten bildet.! Die Ziffern der Trauungen und Neugeburten stehen hier in ursächlichem Zusammenhang mit der geringeren Volkszahl, da die Stecbefälle nicht über das Normale hinausgehen. Die weiteren Ursachen der Verminderung der Juden sind in dem in stetig zrmehmender Zahl zu konstatirenden freiwilligen Cölibat zu suchen, dem sich die Männer freiwillig und die Mädchen also unfreiwillig ergeben.

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