Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-10-13 · Heft 41 (13.10.1893) · p. Seite 483

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 41 (13.10.1893)
Date
1893-10-13
Page
Seite 483 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3228028--50240-3271844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

483 Gotteswort, Gottesdienst, Menschenliebe und Friedfertigkeit waren die bewegenden Mächte in dem Leben und Wirken Mannheimers. Und doch lebte er in einer Zeit, wo der Jude noch nicht die bürgerliche Gleichberechtigung erlangt hatte. Aber er war ein treuer Diener seines Glaubens, und dieser lehrt Frieden und Liebe als die höchster! Güter schätzen, mögen dies unsere Feinde noch so entschieden und noch so oft in Abrede stellen. Als eine Probe der Kampfesart dieser Gegner aber mag folgende Notiz einer Korrespondenz aus B romberg dienen, die in der letzten Woche durch alle antisemitischen Blätter gegangen und vielfach glossirt wurde: „Hier in Bromberg hat nun die Judenschaft, wie man hört, gegen j einen Königlichen Forst-Sekretär, der eine antisemitische (deutsch-; soziale) Versammlung angemeldet hat, den Antrag an die Vorgesetzte Behörde gerichtet, denBeamten zu versetzen. Sie ist des Erfolges so gewiß, daß sie verbreitet, der Bearnte werde versetzt werden. Es würde eine nicht geringe Erbitterung in weiteren Kreisen Hervorrufen, wenn sich diese jüdische Ausstreuung bewahrheitete. Schon jetzt kann man hier im Volke nicht selten hören: ja, die da oben stecken mit den Juden! unter einer Decke. Die Juden selbst nähren durch allerhand Andeutungen; u. s. w. die Vorstellung, daß sie Einfluß bei den Behörden hätten. Es : wäre sehr verkehrt, diese Vorstellung durch Maßregelung antisemitisch gesinnter Beamten zu begünstigen." Es genügt, wenn wir auf Grund authentischer Nachrichten mittheileu, daß die ganze Nachricht von Anfang bis Ende erlogen ist. 9 Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!.! Als ich a» dem diesmaligen Sedanstage vor dem hier errichteten! reich geschmückten Kriegerdenkmal stand und mein Auge die lange Reihe von Namen Derer überblickte, die im letzten Kriege ihren Tod gefnnden, traf ich auf einen der Gefallenen, der noch heute im besten Andenken in meiner Erinnerung vorhanden ist. j Samuel Lübeck, gebürtig aus Lötzen in Ostpreußen, stand hier! als Unteroffizier bei dem 3. Grenadierregiment. Man findet sie selten, die jüdischen Unteroffiziere, denn es gehört schon ein großer Grad nicht blos militärischer Tüchtigkeit, sondern auch gefälligen Wesens dazu, um alle die Vornrtheile zu beseitigen, welche sonst das Avancement bei den Juden so sehr erschweren. Soweit ich mich zu besinnen weiß, besaß der Genannte, auf dem Felde der Ehre Gefallene, ebenso sehr das Wohlwollen und Vertrauen seiner Vorgesetzten, als wie die Liebe Derjenigen, die ihm zur Ausbildung übergeben wurden und stand in freundschaftliche Beziehungen mit den Kameraden seiner Charge. Hierbei möchte ich nicht unbemerkt lassen, daß Lübeck auch seinen religiösen Pflichten in dem Maße gerecht wurde, >oie sie in den Rahmen seines militärischen Berufes hineinzubringen waren. Wenn es ihm nur möglich war, besuchte er am Sabbath den Gottesdienst, und es gereichte mir imrner zur besoilderen Freude, wenn ich den so sehr adretten Soldaten zur Thora gerufen und so auch den getreuen Juden in dein sonst so pflichtbewußten jungen Mann zum Ausdrlick kommen sah. Lübeck fiel in einem der schweren Kämpfe vor Metz. Er war zur Fahne koinmandirt gewesen und fand bei der Vertheidignng derselben an der Seite des Komniaudirenden, des Majors von Arnim, und mit diesem zugleich den Tod. In den erstarrten Händen hielt er noch ein kleines Siddur, woraus er sich in der letzien Stunde Trost geholt hatte. Dieses erzählte mir einer seiner Kameraden, der nach Friedensschluß hierher zurückkehrte. Damals hielt hier eine jüdische Wittwe eine kleine Gastwirthschaft. Diese Frau hatte eine Enkelin bei sich, die ihr bei dem Geschäft behilflich. Lübeck war niit diesem Mädchen verlobt, aber das Verhältniß fand eine traurige Lösung. Alle diese Erinnerungen überkamen mich, als ich am gedachten Tage vor dem Denkmal stand und indem ich mit gewisser Genugthluing auch das jüdische Bekenntniß in der Ehrenreihe der für das Vaterland Gefallenen wahrnahm, was ja doch keineswegs vereinzelt hier vorhanden, konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, wie man die Zahlung dieser heiligen Schuld an das Vaterland, die von Seiten der Inden so freudig erfolgt, ausgenommen und in welcher Weise mau sie gewürdigt hat. Es war eine traurige Antwort, die ich mir darauf zu geben hatte. Es geschieht heute, unglaublich aber wahr, daß man von gewissen Seiten die Emanzipation der Juden aufgehoben sehen möchte. Wir können uns dabei nicht beruhigen, daß es sich einstweilen ja nur um einen bloßen Versuch dazu handelt, und daß Diejenigen, von denen er ausgeht, bereits längst ausgehört haben, mit Recht und Gewissen zu rechnen. Denn schon die Thatsache, daß ein solches Verlangen überhaupt ausgesprochen wird, daß man den traurigen Math hat, wenn es sich um Juden handelt, ganz ungeschcut von einer Verfassungsverletzung zu sprechen, die auf dem „Verwaltungswege" herbeizuführeu sei, ist unerhört. Diese Ungeheuerlichkeit an Rechts- Verdrehung, womit man den Juden ihre Opfer vergelten soll, die sie dem Vaterlande gebracht, gleicht mehr einer Verhöhnung als einer Belohnung für eine gethane Pflicht. In dieser Weise die Emanzipation der Juden illusorisch zu machen, wäre eine eigenthümliche Illustration der deutschen Treue und Redlichkeit und müßte sich um so wunderlicher ausuehmen, als der Antrag darauf von denen ausgeht, die das „Deutschthum" einzig für sich allein in Pacht genommen zu haben scheinen. Jenianden auf Umwegen um sein gutes Recht zu bringen, wenn solches sich in gesetzlichen Form nicht thun läßt, kann nur in dem Katechismus der Antisemiten als Glaubenslehre sich vorfinden; man sieht, mit welchen Mitteln die Braven rechnen. Den hundertjährigen Geburtstag feierte am Sonnabend den 16. Septeinber die älteste Frau Königsbergs. Es ist dies die Kaufmannswittwe Frau Henriette Sternfeld geborene Kohu, Große Schloßstraße Nr. 5 wohnhaft. Dieselbe ist nach dem Polizeilichen Register am 16. September 1793 geboren, erreichte also das seltene Alter von 100 Jahren. Frau Sternfeld ist körperlich tvie geistig noch äußerst rüstig. Die jüdischen Register 'führen den 26. September 1793 als den Geburtstag der Genannten an. Man erzählt sich hier in Gumbinnen von einem Quiproquo, welches ein früherer Angehöriger unserer Stadt dem Antisemitismus zu verdanken hat. Vor einigen Jahren wurde der Regierungs- und Schnlrath Herr Sternkopf, ein höchst achtbarer Mann, in seiner bisherigen Eigenschaft nach Cassel versetzt. Ich habe den Herrn sehr oft zu sehen Gelegenheit gehabt, niemals aber sind mir an ihm jüdische Züge im Gesicht ausgefallen. Solche hatte indeß doch ein Antisemit dort aufgefunden. Man muß bedenken, das; der Spürsinn dieser Kategorie von Weltverbesserern in dieser Hinsicht aufs Vollkommenste ausgebildet, ihr Wittern gleicht dem der Bernhardiner, sobald sie sich auf der Suche nach Juden befinden, und dennoch ist es schon oft Passirt, daß sie Leute „anbellen" »nd anfielen, deren christlich-germanische Abstammung über jeden Zweifel erhaben war. Also auch hier. Der obengenannte Herr kam vor einiger Zeit auf einer seiner Inspektionsreisen nach einem Dorf, dessen Schule er am nächsten Tage zu besuchen vor hatte. Er trat in die Gastwirth-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.