Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- Seite 482 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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482 Wenn auch zugegeben werden muß, daß bei uns nicht jene Ansammlungen armer Juden, wie im Osten Londons stattfinden, so ist doch auch in Berlin die Anzahl Derjenigen groß genug, die nicht im Stande sind, für den Gottesdienst zu zahlen. Besonders aber sollte auch zur gleichen Zeit für die große Menge jener jungen Leute gesorgt werden, welche eben erst das fromme Elternhaus in einer kleinen Stadt der Provinz verlassen haben und hier den Gottesdienst „aus Sparsamkeitsrücksichten" nicht besuchen. Auf die Jugend stützt sich die Zukunft Israels, mrd darum sollte darauf geachtet werden, daß auch die jungen Leute, welche als j Lehrlinge nicht in der Lage sind, Ausgaben sich zu gestatten, dem Gottes- | Hause nicht fern bleiben. Haben sie es sich erst abgewöhnt, selbst an den! hohen Festtagen in den Tempel zu gehen, dann werden sie in den meisten! Füllen gleichgiltig" bleiben, und die fürchterliche Gleichgiltigkeit ist das! Hauptübel, an welchem wir Inders kranken.! Sollte es aber gelingen, einen Gottesdienst einzurichten, der unentgeltlich den Unbemittelten zu Gebote steht, dann könnten Biele derjenigen, die sich abseits wenden, dem Judenthurn erhalten bleiben, und das wäre ein großer Erfolg, wohl werth der Mühen und Kosten, welche eine solche! Veranstaltung verursachen würde. ¥ Wir haben dieser Zuschrift wenig anzufügen. Sie spricht für sich selbst eine sehr beredte Sprache. Nur eins wollen wir für heute noch bemerken: Als das Wichtigste erscheint uns an den hohen Festtagen ein Jugendgottesdienst, und wir hoffen zuversichtlich, das; es überall gelingen wird, einen solchen als ständige Institution besonders an den Festen einzurichten. Seltsamer Weise hat selbst die ' hiesige Reformgemeinde an den letzten Festtagen keinen Jngendgottes- ■ dienst veranstaltet. Die Jugend ist die Erbin unserer Kämpfe, unserer j Hoffnungen und Ideale; für ihre religiösen Bedürfniffe muß vor Allem! und ohne jede Rücksicht auf Kosten oder andere Dinge in umfassendster j Weise gesorgt werden. U Die Fitteraturvereine. Berlin, 10. Oktvber.; Tie Anregungen des Leitartikels „Tie Freude an der Thora" : sind auf fruchtbaren Boden gefallen, wie wir zu unserer Freude rnittheilen können. Bon verschiedenen Seiten, aus großen und kleinen! Gemeinden, kominen Zustimmungen. Anfragen und Mittheilungen, die Gründung neuer Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur betreffend. Am Sonnabend den 7. d. M. wurde — Tank der energischen Agitation, die Herr A. Katz dort entwickelt hatte —in Han» ob er ein solcher Verein begründet, der nach einem einleitenden Vortrage des Herrn Dr. Gustav Karpeles sich sofort konstituirte and dem sümmtliche Anwesende beitraten. Das provisorische Komitee besteht ans den hervorragendsten Männern der Gemeinde. Wir nennen nur die Namen: Landrabbiner Dr. Gronemann, Seminardirektor Dr. Kroner, Inspektor Dr. Kayserling, Rechtsanwalt Benfey, Leopold Fischer, Jrilius Kanfsmann, Geheimer Koinuierzienrath L. E. Meyer, Rechtsanwalt Tr. S. Meyer, Euiil L. Meyer, Konsul A. M. Simon. Die Begeisterung für den neuen Verein erfüllt die ganze Gemeinde. Am selben Abend wurde auch in Marburg in Hessen, wo schon seit Jahren in jedem Winter öffentliche Vorträge stattfinden, ein „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" nach dein Meister der bereits bestehenden begründet. Einen ausführlichen Bericht darüber werden wir nächstens bringen können. Es existiren also jetzt derartige Vereine in Berlin, Breslau, Hamburg, Frankfurt a. M., Köln, Hannover, Karlsruhe, Mannheim, Cassel, Leipzig, Braunschweig, Elberfeld, Magdeburg, Glogau, Bochum, Sülz O.-E., Königsberg i. Pr., Marburg, Osterode, Landsberg a. W., Birnbaum und Briesen. Hoffentlich sind wir bald in der erfreulichen Lage, von weiteren Neugründungen im Süden und im Osten Deutschlands berichten zu tonnen. Auch der Appell an die materielle Unterstützung der Großen und Reichen ist nicht spurlos verhallt, wie die Spendenliste der heutigen Nummer ausweist. Gleichwohl wiederholen wir diesen Appell auch heute nochmals. Ein solches Werk ist ohne ausreichende Unterstützung nicht durchzuführen. Mögen das besonders alle Diejenigen bedenken, die Sinn haberi für geistiges Leben und die zur Förderung desselben in weiteren Kreisen so oft und so freigebig beitragen, während sie für die Weckung und Verbreitung des geistigen Lebens innerhalb ihrer Glaiibensgemeinde bisher weder Versiändniß noch irgendwelche Theilnahnie an den Tag gelegt haben. U Die Woche. Berlin, 12. Oktober. Der Tag, an dem vor hundert Jahren einer der ersten Vorkämpfer für Reform und Bildung im Judeuthnm geboren wurde, ist gewiß das bedeutsamste Ereigniß der Woche. Am 17. Oktober werden es hundert Jahre, daß Jsak Noe Mannheimer das Licht der Welt erblickte. Sein Leben und Schaffen hat Emanuel Baumgarten iit Nr. 15 bereits geschildert. Wir können diese Säknlarfeier nicht würdiger begehen, als indem wir aus der Gedächtnisrede seines würdigen Nachfolgers, Adolf Jellinek, die folgenden Mahnungen wiederholen: Die Erinnerung an das Leben und Wirken Mannheimer's soll uns eine Mahnung bleiben, sein Testament gewissenhaft zu vollstrecken. Sein Testament? Wann hat er es geschrieben? Wer hat es eröffnet? Wie lautet dessen Inhalt? — Wann er es geschrieben hat? Im ersten Jahre seiner segensreichen Thätigkeit in unserer Mitte hat er es begonnen und im letzten geschlossen! Ja, vierzig Jahre arbeitete er daran. Tag für Tag! Denn die Männer der Geschichte, wie der Verewigte, welche die besten Kräfte und die besten Jahre ihres Lebens, die Frische des Mannes- und die Erfahrungen des Greisenalters einem großen, erhabenen Ziele unausgesetzt widmen, schreiben nicht ihren letzten Willen kurz vor ihrem Tode nieder; was sie ihr ganzes Leben gewollt, erstrebt und zum Theil ausgeführt haben, ihr erster Wille bleibt ihr letzter Wille, ist ihr Testament. Darum kann ich das Testament des Verewigten in dieser Versammlung eröffnen und vorlesen. Es ist kurz gefaßt, besteht blos aus vier Worten. Das erste lautet: „Thora“, das heißt: „Treu bleibet dem Gotte Israels, liebet die Wahrheit, übet Gerechtigkeit, steht mannhaft ein für die Freiheit, pfleget das Wort unseres Gottes und sorget dafür, daß es rein mtb unverfälscht, in schöner, gefälliger Form, begeistert und begeisternd in Eurer Mitte stets verkündet werde!" — Ja, die Freiheit seines Volkes war in der That der Gegenstand seiner letzten Rede, die er niedergeschrieben und am 26. Februar zur Verfassungsfeier vortragen wollte. Das zweite Wort lautet: „Aboda“, das heißt: „Haltet aufrecht den Gottesdienst, den ich eingerichtet habe. Seine Merkmale find Ordnung, Anstand, Schönheit, Würde, Weihe, Erhebung, Maß und Gleichklang,! sein Geist ein veredelnder, vermittelnder und versöhnender, der an das i Ueberkommeue anknüpft und die. Bedürfnisse der neuen Zeit zu befriedigen sucht, seine Grundlage die alte ehrwürdige Sprache unserer Väter, die Sprache des Sinai." Das dritte Wort lautet: „Gemilut-Ghasadim“, das heißt: „Werdet nicht müde, Menschenliebe zu bethätigen, Barmherzigkeit zu üben, Wohlthaten auszustreuen, für Wittwen und Waisen zu sorgen, die studirende Jugend zu unterstützen, eure Vereine in voller Blüthe zu erhalten, eure Anstalten weiter auszubauen." Das vierte Wort endlich lautet: „Lehaloin“, das Heißt: „Erhaltet den Frieden in eurer Mitte, seid weich und biegsam, milde und nachgiebig, wenn es gilt, Spaltungen zu verhüten und den unheilschwangern Geist der Zwietracht zu bannen."