Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 X Osterode (Ostpr.), im September. Unsere kleine, nicht wohlhabende Gemeinde hat mit großen Opfern ein schönes Gotteshaus erbaut, welches eine Zierde unserer Stadt genannt werden muß. Am 4. d. M. wurde dasselbe eingeweiht in Gegenwart der ganzen Gemeinde, vieler auswärtigen Gäste, der städtischen Behörden und eines großen Theiles der christlichen Bevölkerung. Ter Königliche Landrath, die evangelische und katholische Geistlichkeit folgten nicht der Einladung. Um II.1/2 Uhr Vormittag begann die Abschiedsfeier in der alten Synagoge mit einem Liede. Herr Prediger Sturmann von hier hielt eine ergreifende Abschiedsrede. Am Portale des neuen Gotteshauses überreichte Frl. Jacoby, Tochter des ersten Vorstehers, mit einem Prolog dem Bürgermeister den Schlüssel, beu dieser nach einer "Ansprache wiederum dem ersten Vorsteher Herrn Jakoby überreichte, welcher die Synagoge öffnete. Der Männergesangverein stimmte unter Musikbegleitung das Lied „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" an. Dann folgten die üblichen hebräischen Gesäuge, ausgeführt von einem gemischten Synagogen- Chor mit Harmoniumbegleitung und die Umzüge mit den Thorarollen. Herr Rabbiner Dr. Bamberger aus Königsberg hielt hierauf die Festrede. Er schloß mit dem Gebet für Kaiser und Reich. Nach einem abermaligen Gesänge weihete Herr Prediger Sturmann das Gotteshaus und ertheilte den Segen. Mit einem Liede des Männergesangvereins schloß die Feier, welche in Erinnerung Aller bleiben wird. Zur Feier des Tages fand darauf im Regier'schen Saale ein Festessen statt, an welchem etwa 80 Personen theilgeuommen hatten. Herr Bürgermeister Elwenspök brachte in einer längeren gehaltvollen Rede den Kaisertoast aus Herr Dr. Bamberger ließ die Festgemeinde hoch leben, Herr Sturmann die städtischen Behörden und Herrn Gymnasialdirektor Dr. Wüst. Herr Dr. Ritterbaud trank auf das Wohl der Festredner. Nach dem Diner fand ein Gartenkouzert und Abends ein Ball statt, der die Festtheilnehmer bis Morgens 4 Uhr in der Heitersterl Stimmung zusammenhielt. Die Synagoge selbst, im maurischen Styl erbaut, ist von Herrn Maurer- Nleister Gerndt ausgeführt, und die heilige Lade ist mit einem kostbaren Vorhailg geziert, einem wahren Kunstwerk, aus dem Atelier des Frl. Jenny Bleichröder in Berlin hervorgegangen. L. W. * Stolp, 1. Oktober. Seit einigen Wochen erhalten die Landleute unseres Kreises antisemitischeFlugblätter chieStreifbänder tragen den Stempel „Antisemitischer Verein Stolp"), welche aus einem hiesigen bekannten Gasthofe versandt werden, dessen Besitzer mit den Konservativen seit einigen Jahren in enger geschäftlicher Verbindung steht. Die Wirkung scheint nicht auszubleiben. In dem Dorfe Wobesde bei Stolpmünde wird seit einigen Tagen der jüdische Kaufmann Rosenberg von halbwüchsigen Burschen durch Steinewerfen belästigt und verfolgt. Nachdem drei dieser Missethäter ermittelt und dem Strafrichter angezeigt sind, hat man während einer Nacht das Haus des p. Rosenberg gewaltsamer Weise beschädigt imb dessen Gartenbank zertrümmert. Die Ortsgemeinde Wobesde wird für Schadenersatz in Anspruch genommen. Da fast allabendlich vor dem Hause des p. Rosenberg von halbwüchsigen Burschen noch jetzt der Straßenunfug fortgesetzt wird, so hat man das hiesige Landrathsamt um Abhilfe angerufen. Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 1. Oktober. Es scheint, daß die hiesigen Antisemiten-„Häuptling e" in Wien selbst nicht genug Raum für ihre Bemühungen finden. Darum versuchen sie ihr Heil auswärts. So begaben sich die Wiener Antisemiten unter Führung des Abgeordneten Schneider, „Stampiglien-Schneider" genannt, in der vorigen Woche nach Krems, wo sie, wie sie behaupteten, von einem Kornitee von zwanzig hochansehnlichen Bürgern der Stadt eingeladen waren; merkwürdigerweise wurden sie am Bahnhofe statt von zwanzig blos von einigen Burschen des Katholischen Gesellenvereines empfangen. Daß das Ganze mit einer Rauferei endigte, ist ja natürlich, und es überrascht nur sehr, wenn mau sieht, wie die hiesigen liberalen Blätter die Sache besprechen — man ist es doch sonst gewohnt gewesen, die Reden des Schneider nicht ernst zu nehmen. So schreibt u. A. das Wiener Tagblatt: „Die Aeußerungen, die der österreichische Reichsrathsabgeordnete Ernst Schneider am Sonntag beim „Weißen Hahn" in Krems vorgebracht hat, sind aber denn doch allzu frech, um noch länger in scherzhaftem Tone behandelt zu werden Es ist wohl uunöthig, bei diesem Anlasse ein Eharakterbild des Mechanikers Ernst Schneider zu entwerfen. Seine gefälschten Stampiglien, seine Anwerbung falscher Zeugen, seine erdichteten Blutmärchen geben ihm das Gepräge eines Individuums, von welchem jeder gesittete Mensch sich abwendet. Der Wunsch, daß ein Schußgeld für Juden eingeführt werden sollte, paßt vollständig zu der ganzen persönlichen Erscheinung des Ernst Schneider." Ein hervorragender Führer der Liberalen, Prof. Ed. Sueß, sprach in einer zahlreich besuchten Versammlung über die neuesten Ausschreitungen des Antisemitismus und erklärte, daß er bereit sei, alle Schritte gegen Schneider einzuleiten, wenn man ihm Zeugen bringe, die eventuell bei Gericht eidlich erklären, die Aeußerungen Schneiders, man möge Schußgelder auf die Juden aussetzen, gehört zu haben. — Eine „komische" Berichtigung sendet der Pater Eichhorn an ein Kremser Antisemitenblatt bezüglich einer Verordnung des Bezirks- und Landesj schulrathes, in Folge dessen besagter Pfarrer unter Anführung von! Aeußerungen desselben, die als geradezu roh und unanständig genannt! werden können — vom Amte eines Religionslehrers sofort entfernt; werde, und demselben nicht mehr ein Religions-Unterricht zu über- ■ tragen sei. „Wahr ist es allerdings," heißt es in dem Schreiben des P.! Eichhorn, „daß der Bezirksschulrath Tulln schon am 26. April d. I. und l der Landesschillrath am 7. Mai meine „sofortige" Entfernung aus der! Schule in Höflein verlangten und daß das Wiener Konsistorium leicht-; fertig dazu Ja sagte. Aber der hochwürdige Herr Prälat von Kloster-; neuburg sowie der Pfarrer in Höflein sagten Nein, und dabei bleibt's . .! Bezirksschulrath und Landesschulrath haben mich verurtheilt, ohne mir j aber Alles vorzuhalten, was gegen mich vorgebracht wurde. Der Bezirksj schulrath legte mir wohl einen Theil der Anzeigen gegen mich vor und * verlangte zweimal, ich solle mich vor ihm rechtfertigen. Ich gab ihm beide Male keine Antwort." Man muß gestehen, daß Pfarrer Eichhorn sehr viel Selbstbewußtsein entwickelt, daß sein „Eingesendet" aber auch! recht seltene Schulzustände erkennen läßt. — Die heutige Nummer der! „Neuzeit" wurde von der Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt. Eine Neuauflage wurde sofort veranstaltet. — Dem ordentlichen Professor der klassischen Philologie an der Universität in Wien Dr. Theodor Gomperz ist der Titel eines Hofrathes verliehen worden. E. B. Budapest, 26. September. Die Ansprache des Königs Franz Josef an die Abordnung der transdanubischeu israelitischen Gemeinden,! welche diesmal wieder nicht in der Reihe der Konfessionen, sondern ganz z zuletzt empfangen wurde, und der gegenüber Se. Majestät der König | die Erklärung abgab, er zweifle nicht, daß diese Konfession ihm niemals! Gelegenheit bieten werde, feinen treuen israelitischen Unterthanen seine j Gnade und seinen Schutz zu entziehen, beschäftigt noch immer die Presse, welcher die Kühle des Tones, die sonderbare Form des negativen; Zweifels, in welche diese Erwartung gekleidet war, auffällig erscheint. Es wird hervorgehoben, daß die mustergiltige patriotische Haltung der israelitischen Konfession nie Veranlassung zu solcher Skepsis gab, daß diese Konfession sich den Geboten der nationalen Wohlfahrt, des Religionsfriedens mit der größten Hingebung unterordnete und demnach die Warnungen aus des Königs Munde nicht am Platze sind. Der offiziöse j „N emzet" äußert sich darüber in folgender Weise: „Was uns anbelangt, j so haben die Kommentare, welche mit Bezug auf die der jüdischen Depu-! tation in Güns ertheilte königliche Antwort in der Presse erschienen | sind, auf uns den Eindruck gemacht, daß auch diese Antwort gerade 1 Diejenigen zu parteipolitischen Interessen ausnutzen wollen, die heute in dein! von unserer Seite gegen den Liberalismus begonnenen Kampfe, jene große j intellektuelle und moralische Kraft zu erwägen beginnen, mit welcher die! vaterländische Judenheit der Angelegenheit des aufrichtigen Liberalismus > gedient hat und dient. Schon die Art und Weise, in welcher sie die die vaterländische Judenheit in berechtigte Besorgniß versetzenden Kommentare veröffentlichen, und die Folgerungen, welche sie aus der Antwort ableiten, machen dies unzweifelhaft; namentlich, wenn wir er-! wägen, wie unzeitgemäß es ist, daß sie die königliche Antwort heute, da die - Rezeption der Juden mit vorhergängiger Zustimmung Sr. Majestät! auch formell auf die Tagesordnung gestellt wurde, so hinstellen wollen,! als wäre in derselben eine Drohung, eine Warnung bezweckt. Wir stehen! einer absichtlichen Mißdeutung gegenüber." Um seine Ausführungen j zu bekräftigen, stellt „Nemzet" der Antwort des Königs die Ansprache! des Rabbiners Dr. B. Bernstein gegenüber. In der letzteren hieß es: . „Wir flehen au dem Throne Ew. Majestät, Allerhöchstdiej selbe wollen auch in Hinkunft Ihren treuen israelitischen! Unterthanen die belebende und beglückende Allerh öchste Gnade