Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- Seite 480 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228027--50228-3271831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
480 Weis; dieser Mann im Priesterrock, Wie leicht der Pöbel erregbar? Und glaubt er, der ganze Talmud sei Gleich einer Villa zerlegbar? Viel Opfer hat verschlungen schon Das Märchen aus uralten Zeiten; Das waren rothe Ostertag' Für viele von „unseren Leuten". Motiv der Blutbeschuldigung War immer der Neid, der gelbe; .Heut' gilt die Wissenschaft als Motiv, Doch ist's für die Juden dasselbe. Genügt ja zu ihrer Verfolgung blos Des kleinster; Lügners Suada, Obgleich die Mehrzahl den Talmud nicht kennt Und auch nicht liest die Agada. Der reiche Jud' weiß nicht einmal Von Brauch und Sitte zu sagen. Und was der arme Jude braucht, Erreicht er mit Mühen und Plagen. Die armen Inden schleichen dahin Mit gramverdüsterten Mienen, Das ungesäuerte Osterbrod, Das müssen sie sauer verdiene;;. Nun danket für die gnädige Straf' Dem Himmel, ihr Händefalter, Und trollt Euch weiter . . . Gegeben zu Wien In; heutigen Mittelalter.' U Fitterarrsche MittheUrmgrm. Dr. B. Zucke rin an n, Anleitung und Tabellen zur Vergleichung jüdischer und christlicher Zeitangaben. Herausgegeben von Dr. M. Braun. Breslau 1893. W. Jacobsohn u. Co. „Die Umrechnung jüdischer in deutsche und deutscher in jüdische Zeitangaben, die sowohl auf dem Gebiete der Wissenschaft als auf den; des praktischen Lebens oft von unabweisbarer Nothwendigkeit ist, gehört zu den schwierigsten Aufgaben der technischen Chronologie. Wer nicht auf das Genaueste in die Geheimnisse beider Kalendersysteme eingeweiht ist und nicht die Fähigkeit besitzt, mit langen Zahlenreihen Ziemlich komplizirte Rechenoperationen sicher und schwindelfrei durchzuführen, ist darauf angewiesen, sich eines der zahlreichen Hilfsmittel zu bedienen, welche die schwierige Aufgabe erleichtern wollen." Diese Worte finden sich in dem diesjährigen, von Dr. Braun herausgegebenen Kalender auf Seite 55. Was die hier hervorgehobene besondere Schwierigkeit einer derartigen Berechnung betrifft, so hat Referent in seinem Büchlein „Gruudzüge des jüdischen Kalenders" gezeigt, das; das sogenannte „Kalender-Geheimnis;" (niSlTHlD) vollauf enthüllt ist, und ein Jeder, der mit den elementarsten Rechenregeln Bescheid weiß, ohne erhebliche Schwierigkeit eine solche Umwandlung der Daten bewerkstelligen kann. Wer aber auch kleine Rechnungen scheut, wird gern zu Tabellen greifen, aus denen die einander entsprechenden Daten einfach abzulesen sind. Derartige Tabellen giebt es allerdings in größerer Zahl, aber ihre Brauchbarkeit ist selbstverständlich in erster Linie dadurch bestiinmt, daß deren 'Angaben vollkommen richtig sind. Allein so selbstverständlich diese Forderung erscheint, so schwer ist ihr, wie die Erfahrung lehrt, zu genügen. Die bekannten Kor nick" scheu Tabellen zeigen, wie namentlich Herr Dr. Braun nachgewiesen, weit über 100 Druck- oder Rechenfehler, was sie daher für den, der nicht in; Stande ist, die Richtigkeit einer Angabe zu prüfen, durchaus unbrauchbar uracht. Fehlerfrei scheint unter den umfassenderen Werken das des jüngst verstorbenen Pariser Isidor Loeb zu sein, nicht so die in vielen Händen befindlichen Tabellen von Jahn-Jellinek. Daß auch das vorliegende Zuckermann'fche Buch nicht ganz korreki ist, bekundet die Fehlerverbesserung auf Seite 64 des oben erwähnten. Brann'schen Kalenders. Diese Druckfehler betreffen aber glücklicherweise nur unwesentliche Punkte; die Haupttabellen, die eigentlich für die Vergleichung der beiden Kalender maßgebend sind, sind, „soviel ich (H.Dr. Br.) bisher weiß, fehlerlos wiedergegeben". Bei der Schwierigkeit, die Korrektheit solcher Tabellenwerke mit Sicherheit festzustellen, hat Referent sich darauf beschränkt, die Tabellen des gegenwärtigen Jahrhunderts und die der beiden benachbarten Jahrhunderte einer genauen Prüfung zu unterziehen, und er gesteht freudig, daß sich hier kein Fehler eingeschlichen zu haben scheint. Für die Anforderungen des praktischen Lebens ist also das Buch durchaus verläßlich. Dem Gelehrten, der öfter Veranlassung hat, in frühere Jahrhunderte hinabzusteigen, kann einstweilen die gleiche Bürgschaft nicht gegeben werden, er wird daher gut thun, wenn er bei einem wichtigen Datum sicher gehen will, ein solches selbst auszurechnen. Die Uebereinstimmung mit der Tabelle ist dann irnmer um so größere Gewähr für die Richtigkeit seiner Rechnung. Das Werk umfaßt einen Zeitraum von nahezu 2000 Jahren, von der Zeit der Feststellung des gegenwärtigen jüdischen Kalenders (Mitte des vierten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung) bis zum Jahre 2240 oder nach jüdischer Zeitrechnung von 4118 bis 6000. Die Einrichtung der Tabellen ist ähnlich wie die bei Kornick und Loeb; Zuckermanns Tabellen sind aber in;;;ancher Beziehung umfassender, übersichtlicher, handlicher und, was nicht zu unterschätzen ist, erheblich billiger als die genannten und ähnliche Werke. Sie seien daher weiten Kreisen angelegentlichst empfohlen Dr. Max Simon, Berlin. Dr. Samuel Ben Israel. Bis Herr D. H. de Castro in Amsterdam den Grabstein Menafle Ben Israel auf dem jüdischen Friedhof in Ouderkerk bei Amsterdam aufgefunden hat, wurde allgemein angenommen, daß der genannte Vertheidiger seiner Glaubensgenossen in Middelburg in Seeland gestorben und auch dort begraben worden sei. Nicht Menasse, sondern sein Sohn Samuel fand in Middelburg seine letzte Ruhestätte. Der verdienstvolle Herr D H. de Castro besuchte vor einigen Wochen den jüdischen Friedhof in Middelburg und fand dort, wie er mir brieflich mittheilt, den Grabstein des Samuel Ben Israel; „er liegt in Stücken und trägt die einfache Aufschrift: 8. äc> Doctor Semuel do Haham Menasseh Ben Israel > Faleceo em 2. Tisri 5418.“ Samuel Ben Israel starb am 2. Tage Rosch Haschanah den 9. September 1657, drittehalb Monate früher als der Vater. Die Grabschrift liefert den sicheren Beweis, daß Samuel Ben Israel den Doktortitel führte; er erlangte ihn wahrscheinlich an einer holländischen Universität. Daß er von der Universität Oxford und zwar mit Stimmenmehrheit zum Doktor der Philosophie und Medizin ernannt wurde, wie! Koenen, Geschiedenis der Joden in Nederland, Seite 161, versichert, und! dort „laut Brauch den goldenen Ring, das Baret und den Friedenskuß > erhielt," wie Grätz, Geschichte, X, 110, hinzufügt, ist pure Erfindung. In dem Archiv der Universität Oxford findet sich nichts über Samuels Promotion, und das von Koenen, 1. e. 440, mitgetheilte Diplom beruht, wie auf Grund der Nachforschungen A. Neubauers festgestellt ist, auf! Fälschung; s. die englische Uebersetzung meines Menasse Ben Israel von Dr. F. de Sola Mendes (London 1877) Seite 92 Note 211. Dr. M. Kaiserling, Budapest. — In; Oktoberhefte des „Gentleman’s Magazine“, einer der ältesten Monatsschriften in London, erscheint ein längerer Artikel über Moses Mendelssohns Charakter und Schriften aus der Feder des Rabbiners Dr. Joseph Strauß. Populär und erschöpfend gezeichnet, wird der Artikel nicht verfehlen, einen guten Eindruck auf die Leserwelt in England zu machen, wo;;;an bisher nur das Musikgenie eines Felix Mendelssohn -Bartholdi kannte und kaum sich vergegenwärtigte, daß der Geist des Großvaters Moses Mendelssohn, eines der hervorragendsten Männer der deutschen Litteratur, es war, der im Enkel, wenn auch in anderer Richtung hervortrat. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.